Die Zinsen steigen weltweit auf breiter Front: Seit dem Angriff Israels und der USA auf den Iran haben die Renditen der zweijährigen US-Staatsanleihen von 3,4 Prozent auf zeitweise 4 Prozent zugelegt. In Deutschland kletterten die zweijährigen Bunds von 2 auf über 2,7 Prozent. In der Schweiz sprang die Rendite der zweijährigen Staatsanleihen kürzlich auf 0,25 Prozent - nach minus 0,15 Prozent nur wenige Tage zuvor.

Dieser Renditeanstieg innert kürzester Zeit verdeutlicht den Einfluss von Energiepreisen auf die globalen Inflationsraten - und damit indirekt auf die Geldpolitik der Notenbanken. Doch noch immer wird das Ausmass der bevorstehenden Inflationswelle weiterhin massiv unterschätzt.

Die bislang überschaubaren Kursverluste des Swiss Performance Index (SPI) von rund 10 Prozent seit Konfliktbeginn verdeutlichen dies. Die Folgen der Sperre der Strasse von Hormus sind nicht umfassend absehbar. Der Energieschock könnte sich aber durchaus verschärfen und auf andere Industrien übergreifen - mit weiteren Verlusten an den Aktienmärkten. Investoren sollten sich aber mit einem solchen Szenario auseinandersetzen - und die möglichen Gewinner und Verlierer an der Börse jetzt schon identifizieren. 

Kostenexplosion bei Energie und Lebensmitteln 

Beispiel Düngemittel: In einer Kundennotiz von Ende März stellt die UBS die Frage, ob der Preisschock in der Nahrungsmittelindustrie denjenigen der Energiemärkte sogar übertreffen könnte. Der Grund: Die Strasse von Hormus ist für 60 bis 80 Prozent der globalen Düngemittelproduktion verantwortlich. Gleichzeitig steht Russland mit fast 20 Prozent der weltweiten Düngemittelexporte unter US- und EU-Sanktionen.

Hinzu kommt, dass die Lieferkettenstörungen ausgerechnet zu Beginn der wichtigen Aussaatperiode auf der Nordhalbkugel auftreten. Die Folgen sind bereits spürbar: Indien hat bereits mehrere Düngemittelfabriken gedrosselt, Bangladesch hat vier von fünf Werken geschlossen. Brasilien, das fast seinen gesamten Düngemittelbedarf importiert, bezieht knapp die Hälfte davon über die Strasse von Hormus. Selbst in den USA fehlt etwa ein Viertel der üblichen Lieferungen für diese Jahreszeit.

Düngemittel- und Lebensmittelpreise steigen in der Konsequenz stark. Die UBS schätzt, dass allein dieser Effekt die Gesamtinflation in den Industrieländern um 50 Basispunkte und in den Schwellenländern um 240 Basispunkte ansteigen lässt. Dies sei zusätzlich zum direkten Energieschock, der etwa 180 Basispunkte ausmacht.

Für die Schweiz könnte das einen Inflationsanstieg auf 2,3 Prozent bedeuten - sofern der starke Franken die Teuerung nicht wie nach der Pandemie abfedern kann. In diesem Fall stünde die SNB unter Zugzwang, die Zinsen erneut anzuheben.

Zinserhöhungen mit ungleichen Folgen

Sollten Zentralbanken die Zinsen anheben, dürfte der Aktienmarkt weitere Verluste verzeichnen. Doch die Auswirkungen fallen je nach Inflationsursache unterschiedlich aus: Nachfrageseitige Inflation begünstigt zyklische, das heisst stark konjunkturabhängige Sektoren, während bei Angebots- oder Rohstoffschocks - wie Iran-Konflikt - insbesondere Energieunternehmen und defensive Werte besser abschneiden dürften.

Anlegerinnen und Anleger sollten jedoch gewisse defensive Werte wie Versorger, Immobilienaktien oder nicht-zyklische Konsumtitel ohne Preissetzungsmacht mit Vorsicht betrachten. Auch Technologieaktien sind problembehaftet.

Bei Versorgern etwa geraten die Margen unter Druck. Denn während sich die Produktionskosten infolge der Inflation verteuern, sind die Unternehmen meist nicht vollständig frei in der Festlegung der Strompreise. Je nach Refinanzierungssituation wirkt sich zudem ein gleichzeitiger Zinsanstieg negativ auf die Zinsausgaben aus.

Schweizer Immobilienwerte wie PSP oder Swiss Prime Site werden doppelt belastet. Zum einen steigen die Baukosten aufgrund der Teuerung, zum anderen geraten die Bewertungen der Immobilienportfolios durch höhere Zinsen unter Druck. Viele Immobilienaktien handeln derzeit mit einem Agio. Das bedeutet, dass der Börsenwert über dem bilanzierten Wert der Liegenschaften liegt. Dieser Aufschlag verändert sich je nach Verlauf der Zinskurve und den Erwartungen an die künftige Zinsentwicklung und hat einen wesentlichen Einfluss auf den Aktienkurs.

Nicht-zyklische Konsumtitel ohne Preissetzungsmacht dürften zudem unter einem ähnlichen Problem wie die Versorger leiden: Sie können steigende Produktionskosten nicht oder nur begrenzt an die Kundschaft weitergeben. Unternehmen im Premiumsegment verfügen hingegen häufig über eine stärkere Preissetzungsmacht, und ihre Kundschaft reagiert in der Regel weniger empfindlich auf Preissteigerungen. Ein Beispiel aus einem anderen Sektor verdeutlicht diesen Unterschied: Richemont ist mit seinen hochpreisigen Uhren und Schmuckstücken in der Regel besser gegen Konjunkturschwankungen gewappnet als Swatch, deren Produkte hauptsächlich im mittleren und tieferen Preissegment angesiedelt sind.

Technologieaktien weisen zwar teilweise konjunkturunabhängige Einnahmen mit hohen Wachstumsraten auf. Steigen jedoch die Zinsen, werden diese künftigen Wachstumsraten stärker diskontiert. Dies wirkt sich erheblich auf die Bewertungen aus. Diese sind bei vielen Technologieunternehmen im Zuge der KI-Euphorie deutlich gestiegen. Die Kombination aus möglicherweise verzögerten KI-Erträgen und einem potenziellen Zinsanstieg erhöht das Risiko von Bewertungskorrekturen.

Die Gewinner eines Zinsanstiegs

Gewinner eines Zinserhöhungszyklus infolge eines Angebotsschocks sind insbesondere bei Aktien aus dem Energiesektor zu orten. Stark steigende Energiepreise führen bei Energieunternehmen zu vollen Kassen - und sie können die Kosten weitergeben. Einige Unternehmen profitieren zudem von einer Quasi-Monopolstellung.TotalEnergies hat kürzlich alle physischen Öllieferungen bis Mai 2026 aus dem Nahen Osten aufgekauft. 

Kursverlauf von TotalEnergies in Euro.

«Möglicherweise handelt es sich hierbei um die grösste Position, die jemals in der Geschichte der Ölmärkte eingegangen wurde», sagte Adi Imsirovic, Dozent für Energiesysteme an der Universität Oxford, gegenüber der «Financial Times», die über den Kauf berichtet hatte. Anlässlich der Quartalsergebnisse der Franzosen am 29. April erhoffen sich Investoren mehr Klarheit über den Fall und über die weiteren möglichen Geschäfte im laufenden Jahr.

Zu den potenziellen Gewinnern zählen auch Finanzunternehmen mit einem hohen Anteil von Hypothekargeschäften, das sind etwa die Kantonalbanken. Während ihre operativen Tätigkeiten üblicherweise kaum direkt von der Teuerung betroffen sind, steigen die Zinseinnahmen mit einem Anstieg der Leitzinsen.

So gehörten Kantonal- und Regionalbanken bereits während des letzten Zinserhöhungszyklus von 2022 bis 2024 zu den Gewinnern. Die Aktien von Valiant, der St.Galler Kantonalbank oder der Berner Kantonalbank legten damals um bis zu 20 Prozent zu - bei geringsten Kursschwankungen.

Kursverlauf von Valiant in Franken.

Weiter könnten auch Unternehmen profitieren, deren Geschäft stark auf schwer ersetzbaren Dienstleistungen basiert. Dazu zählen etwa Telekomunternehmen, Finanzdatenanbieter, Hersteller von Aromen und Duftstoffen oder Pharmazulieferer.

Beispiele sind Swisscom, Givaudan, Lonza in der Schweiz und die London Stock Exchange Group (LSEG) oder der US-Derivate- und Termin-Börsen-Betreiber Chicago Merchantile Exchange (CME). Hier dürften insbesondere die Vorteile margenstarker Geschäftsmodelle, langfristiger Lieferverträge oder einer starken Preissetzungsmacht zum Tragen kommen. Bei Lonza kommt dazu, dass grosse Pharmakonzerne bei steigenden Zinsen und damit teureren Investitionen verstärkt auf Outsourcing setzen könnten. Lonza hätte dafür die nötigen Kapazitäten. 

Ein weiteres Unternehmen, das sämtliche dieser Kriterien erfüllt, ist Lindt&Sprüngli. Mit einem margenstarken Geschäft, hoher Preissetzungsmacht und stabilen Cashflows gilt der Konzern als klassische Krisenaktie. Zwar stellt sich die Frage, ob das Unternehmen nach der jüngsten Kakaopreiskorrektur die Schokoladenpreise weiter anheben kann. Doch dürfte die Lage im Nahen Osten das operative Geschäft und damit die Fähigkeit, die progressive Dividendenpolitik fortzuführen, kaum beeinträchtigen, wie Lindt-Finanzchef Martin Hug kürzlich gegenüber cash.ch sagte.

Kursverlauf von Lindt&Sprüngli in Franken.

Inflation-Paradox: Zinssenkungen trotz steigender Preise

Ironischerweise könnte die Angst vor einer Inflationsspirale am Ende aber auch zu sinkenden Zinsen führen. Denn ein lange andauernder oder wieder aufgeflammter Konflikt am Golf erhöht das Risiko einer globalen Wachstumsschwäche oder gar einer Stagflation - eine Phase, die von hoher Inflation bei gleichzeitig niedrigem Wachstum geprägt ist.

Grosse Anleihefondsmanager wie Pimco und JPMorgan warnen daher, dass die Märkte die negativen Wachstumseffekte des Konfliktes noch immer unterschätzen. Sollte die Wachstumsangst die Inflationssorgen überwiegen, könnten die Zentralbanken die Zinsen wieder senken - ein Muster, das sich bereits nach der Pandemie zeigte. 

Trotz einer völlig anderen Ausgangslage bleiben die Ergebnisse in einer vor drei Jahren veröffentlichten Studie der Allianz zu Zins- und Wachstumsproblematik aktuell: Zwar können Aktien kurzfristig unter Zinserhöhungsängsten leiden, doch langfristig bieten sie den besten Schutz vor Inflation. Geht der Markt von Leitzinssenkungen aus, dann steigen Aktien in der Regel auch auf kurzfristige Sicht. 

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