Die Aktien ⁠des britischen Pharmakonzerns fielen am Montag in London um 4,8 Prozent und gehörten zu den grössten Verlierern im Leitindex FTSE 100. Ein Insider hatte Reuters ⁠gesagt, die beiden Unternehmen hätten erste Gespräche über einen Zusammenschluss zum umsatzstärksten Pharmakonzern der Welt geführt. Zuvor hatte die Zeitung «Financial Times» darüber berichtet. Ob die Verhandlungen noch andauern, blieb ‌zunächst unklar. AstraZeneca lehnte eine Stellungnahme ab, Bristol Myers Squibb reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage.

Die Papiere ‌von Bristol Myers legten im vorbörslichen US-Handel dagegen um rund fünf Prozent ​zu. Analysten und Investoren stellten den Sinn eines solchen Geschäfts für AstraZeneca infrage. «Ein Merger von AstraZeneca mit Bristol Myers Squibb macht weder strategisch noch finanziell Sinn», sagte Markus Manns, Portfoliomanager beim Aktionär Union Investment. «Falls die Fusionsgerüchte wahr sind, wäre dies der Fifa-Privatisierungs-Moment der Pharmabranche.» Es handele sich um einen schlecht durchdachten Vorschlag, der bei vielen Marktteilnehmern auf Unverständnis stosse. «Das Unternehmen sollte die Merger-Gespräche unverzüglich beenden und sich wie bisher auf die Entwicklung der Pipeline fokussieren», ‌forderte Manns.

Auch andere Experten äusserten sich kritisch. «Wenn es ein Unternehmen gibt, das keine derartigen Finanzkonstruktionen nötig hat, dann ist es AstraZeneca», schrieben die Analysten von Jefferies. Der Konzern verfüge über eine starke Pipeline und weniger Druck durch auslaufende Patente als Bristol Myers. Ein Zusammenschluss würde das Wachstum der Briten kurzfristig verwässern, warnte ​auch Lukas Leu vom Aktionär ATG Healthcare.

Eine Fusion dürfte auch auf erhebliche kartellrechtliche Hürden stossen. Einem Insider ​zufolge gibt es Bedenken, wie die US-Wettbewerbsbehörden unter Präsident Donald Trump einen solchen Deal beurteilen ​würden. Trump drängt Unternehmen zu Investitionen und Produktion in den USA - nun würde mit AstraZeneca ein britisches Unternehmen einen grossen US-Pharmakonzern übernehmen. Hinzu kommen deutliche Überschneidungen im Geschäft: Beide Unternehmen erzielen ‌einen erheblichen Teil ihrer Umsätze mit Krebsmedikamenten. Analyst Sean Conroy von Shore Capital verwies auf die direkten Konkurrenten Opdivo von Bristol Myers und Imfinzi von AstraZeneca.

Für Bristol Myers Squibb könnte ein Zusammenschluss strategisch attraktiv sein: Der Patentschutz für wichtige Medikamente wie Opdivo und den Blutverdünner Eliquis läuft voraussichtlich bis 2028 aus. Um ​drohende Umsatzeinbrüche abzufedern, ​hatte der Konzern bereits 2019 den Rivalen Celgene für rund 80 Milliarden ⁠Dollar übernommen. AstraZeneca-Chef Pascal Soriot, unter dessen 14-jähriger Führung sich der Aktienkurs mehr als vervierfacht ​hat, treibt unterdessen die Ausrichtung auf ⁠den US-Markt voran. Der Konzern peilt bis 2030 einen Jahresumsatz von 80 Milliarden Dollar an, wovon die Hälfte in den USA erwirtschaftet werden soll. ‌Im vergangenen Jahr hatte AstraZeneca zudem Pläne für eine direkte Notierung in den USA vorgestellt, um von den dortigen höheren Unternehmensbewertungen zu profitieren.

Grosse Übernahmen waren in der Pharmabranche zuletzt selten. Gründe dafür sind kartellrechtliche Bedenken sowie der politische Druck in den USA, ‌die Medikamentenpreise niedrig zu halten. Die nun bekannt gewordenen Gespräche kommen rund zwölf Jahre nach dem gescheiterten Übernahmeversuch ​des US-Konzerns Pfizer, den AstraZeneca damals erfolgreich abwehren konnte. «Ich gehe davon aus, dass eine von Trump geführte US-Wettbewerbsbehörde FTC die Fusion genau prüfen wird», sagte Kartellrechtsanwalt Andre Barlow von der DBM Law Group. Sollte es bei bestimmten Arzneien zu grossen Überschneidungen kommen, seien wohl bedeutende Verkäufe von Unternehmensteilen nötig.

(Reuters)