In den siebeneinhalb Jahren, seit Apples Marktkapitalisierung die Marke von 1 Billion Dollar überschritten hat, haben sich Investoren an 13-stellige Aktienmarkt-Bewertungen für grosse Technologiekonzerne gewöhnt.
Weitere könnten folgen. SpaceX, das von Tesla-Gründer Elon Musk kontrollierte Raumfahrtunternehmen, hat signalisiert, in den kommenden Monaten einen Mega-Börsengang zu planen. Musk ist der reichste Mann der Welt. Auch KI-Konkurrenten wie OpenAI und Anthropic könnten in diesem Jahr an die Börse gehen, nachdem ihre Bewertungen im Privatmarkt bereits auf Hunderte Milliarden Dollar gestiegen sind.
Der Börsengang von SpaceX könnte laut Bloomberg bis zu 75 Milliarden Dollar (65 Milliarden Euro) einbringen. Damit könnte er den bisherigen Rekord von Saudi Aramco mit 29,4 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2019 deutlich übertreffen. Die SpaceX-Bewertung könnte dabei mehr als 1,75 Billionen Dollar erreichen. Ob Investoren am öffentlichen Markt bereit sind, diese Bewertung zu tragen, bleibt jedoch offen.
SpaceX hat sich von einem relativen Aussenseiter der Raumfahrtbranche zu einem Branchenriesen entwickelt, der Milliardenaufträge von Regierungen erhält und eine tragende Rolle im US-Raumfahrtprogramm spielt.
Neben dem Raketenstartgeschäft betreibt SpaceX mit Starlink einen satellitenbasierten Internetdienst, der zur wichtigsten Einnahmequelle geworden ist. Nach der Übernahme von xAI im Februar besitzt SpaceX zudem Grok, ein verlustbringendes KI-Projekt, dessen Kernprodukt der gleichnamige KI-Assistent ist. Auch die Mikroblogging-Plattform X, früher bekannt als Twitter, gehört zum Portfolio.
Ein Börsengang von SpaceX dürfte zu einem riesigen Marktspektakel werden, da Investoren die Möglichkeit erhalten, in Musks Vision eines kombinierten Raumfahrt- und KI-Konzerns zu investieren. Kritiker warnen jedoch, dass Musk Mittel aus dem klar führenden Raumfahrtgeschäft abziehen könnte, um xAI zu finanzieren, einen von vielen Akteuren in einem hart umkämpften Markt.
Warum plant SpaceX einen Börsengang?
Obwohl SpaceX vor allem dank Starlink über erhebliche Einnahmen verfügen dürfte, benötigt das Unternehmen deutlich mehr Kapital für seine ambitioniertesten Projekte. In einem internen Memo vom Dezember, über das Bloomberg berichtete, hiess es, die Erlöse aus dem Börsengang sollen unter anderem die Entwicklung der Starship-Rakete, KI-Rechenzentren im All und eine Mondbasis finanzieren.
SpaceX könnte weiterhin Kapital über private Märkte aufnehmen. Doch der Finanzierungsbedarf ist nach der Übernahme von xAI deutlich gestiegen. Das Unternehmen verbrennt Insidern zufolge rund 1 Milliarde Dollar pro Monat, vor allem für Recheninfrastruktur und das Training von KI-Modellen.
Zugleich könnte ein Börsengang es SpaceX ermöglichen, schneller Kapital für sein KI-Geschäft aufzunehmen als Konkurrenten wie OpenAI und Anthropic, bevor diese an die Börse gehen. Alle drei investieren Hunderte Milliarden Dollar in ihre KI-Projekte.
Welche Bewertung, welches Volumen strebt SpaceX an?
SpaceX erwägt einem Insider zufolge ein Emissionsvolumen von bis zu 75 Milliarden Dollar. Gespräche mit Investoren hätten auch eine Summe von mehr als 70 Milliarden Dollar umfasst, sagten andere mit den Vorgängen vertraute Personen. Beide Werte liegen deutlich über den früher genannten 50 Milliarden Dollar, über die Bloomberg News zuvor berichtete. Die angestrebte Bewertung könnte über 1,75 Billionen Dollar liegen.
Die zentrale Frage ist, ob sich eine solche Bewertung am öffentlichen Markt halten lässt.
Analysten bewerten Unternehmen anhand von erwarteten Gewinnen, Wachstum, des Wettbewerbsumfelds und Gewinnmargen. Doch Bewertungen sind keine exakte Wissenschaft. In Markt-Aufschwungphasen sind Investoren oft bereit, auch über fundamentale Kennzahlen hinaus hohe Preise zu zahlen.
Einige könnten das enorme Potenzial der Raumfahrtaktivitäten von SpaceX als Rechtfertigung für eine höhere Bewertung sehen, als die aktuelle Finanzlage des Unternehmens es normalerweise hergibt. Die Risiken rund um das verlustreiche KI-Geschäft könnten die Attraktivität jedoch dämpfen.
Welche Risiken birgt ein Börsengang?
Für SpaceX liegt der Nachteil eines Börsengangs in der Pflicht zur regelmässigen Veröffentlichung von Finanzzahlen sowie der stärkeren Kontrolle durch Analysten und Investoren. Zudem könnten Kursschwankungen oder negative Nachrichten die strategischen Pläne des Unternehmens beeinträchtigen.
Wie sieht der Zeitplan aus?
Wenn alles glatt läuft, könnte SpaceX bereits im Juni 2026 an die Börse gehen. Bloomberg zufolge hat das Unternehmen die grössten Banken der Wall Street ausgewählt, um den Börsengang zu begleiten. Ihre Dienste schliessen die Erstellung der Unterlagen für die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC ein.
Der Prozess beginnt üblicherweise mit einer nicht-öffentlichen Anmeldung. Allerdings könnte SpaceX der Öffentlichkeit auch selbst mitteilen, dass dieser Schritt unternommen wurde.
Mit der vertraulichen Einreichung eines Dokuments beginnt bei der SEC ein Prozess, der in der Regel zwei bis drei Monate dauert, sofern keine grösseren Verzögerungen auftreten. Im Anschluss an diese Prüfungphase veröffentlicht das Unternehmen das Dokument üblicherweise.
Die Veröffentlichung der SpaceX-Einreichung, die erstmals alle Finanzdaten des Unternehmens öffentlich zugänglich macht, leitet eine 15-tägige öffentliche Einsichtnahme ein. Im Anschluss daran startet das Unternehmen eine formelle Vermarktungsphase zum Aktienverkauf, üblicherweise innerhalb einer festgelegten Preisspanne, jedoch vor Festlegung des endgültigen Preises.
Wer kann investieren?
Sobald die Preisspanne festgelegt ist, nehmen die Banken Kaufaufträge von institutionellen Investoren entgegen. Gleichzeitig können auch Privatanleger über mit den Banken verbundene Broker Kaufaufträge platzieren. Einige der Millionen sogenannter Kleinanleger, die Plattformen wie Robinhood Markets und SoFi Technologies nutzen, werden ihre Orders wahrscheinlich direkt über diese Plattformen aufgeben können, auch wenn die Zuteilungen bei stark nachgefragten Börsengängen gering ausfallen können.
Am Tag vor dem Handelsstart setzen SpaceX und die Banken den endgültigen Aktienpreis fest, den die ersten Investoren zahlen, sowie die Anzahl der auszugebenden Aktien. Bei der Festlegung dieses Preises müssen SpaceX und die Banken ein Gleichgewicht finden zwischen den Interessen der bestehenden Aktionäre, die eine Verwässerung vermeiden wollen, und den neuen Investoren, die Zugang zu den Aktien wünschen.
Sobald der Preis festgesetzt ist, beginnt am nächsten Tag der Handel mit den Aktien.
Wie bereitet sich die Wall Street vor?
Die schiere Grösse des Börsengangs ist für die Wall Street beispiellos. Das führt dazu, dass sich zahlreiche Banken darum bemühen, SpaceX dabei zu begleiten. Die meisten grossen Institute werden in irgendeiner Form beteiligt sein.
Der eigentliche Prestigegewinn für Finanzinstitute liegt jedoch darin, bei der Durchführung des Börsengangs federführend zu sein und an zentralen Entscheidungen wie Vermarktung, Preisfestsetzung und Zuteilung mitzuwirken. In dieser Phase sind fünf der grossen Banken - Bank of America, Citigroup, Goldman Sachs, JPMorgan Chase und Morgan Stanley - als führende Institute bestätigt, auch wenn ihre genauen Rollen noch unklar sind.
Wie wirkt sich die xAI-Übernahme auf den Börsengang aus?
Nicht alle begrüssen, dass SpaceX xAI vor dem Börsengang übernommen hat. Der Grund ist, dass xAI viel Geld verbrennt und damit die Attraktivität der Kerngeschäfte von SpaceX, insbesondere Starlink, verwässern könnte.
Investoren, die dachten, sie würden ein Raumfahrtunternehmen besitzen, haben nun ein grosses Engagement im KI-Bereich. Für diejenigen, die dem Sektor skeptisch gegenüberstehen, bedeutet das, dass sie plötzlich einen weiteren potenziellen Verlierer im hochriskanten Wettbewerb um die Vorherrschaft in diesem Geschäft schultern würden. Wenn SpaceX als schwerfälliger Mischkonzern wahrgenommen wird, könnte dies zu einer niedrigeren Bewertung führen als vom Unternehmen erhofft.
Musk hingegen ist der Ansicht, dass ein Unternehmen, das nun Raketen, satellitengestütztes Internet, KI und soziale Medien vereint, einen «vertikal integrierten Innovationsmotor» darstellt und insbesondere bei der Entwicklung von Rechenzentren im All Vorteile bietet.
Die Bündelung all dieser Geschäftsbereiche unter einem Dach stelle ein einzigartiges Angebot dar, so ein Analyst von Pitchbook: «Die Kombination aus dem Wachstum der Starlink-Abonnenten, der Dominanz bei Raketenstarts und dem Ausbau des Direct-to-Cell-Netzes ist ein Profil, das es an den öffentlichen Märkten sonst nicht gibt.»
Wie beeinflusst ein Börsengang Musks Kontrolle über SpaceX?
Vor der Übernahme von xAI hielt Musk nach zahlreichen privaten Finanzierungsrunden mit externen Investoren, darunter der Founders Fund von Peter Thiel, Fidelity Investments und Alphabet, weniger als die Hälfte der Anteile an SpaceX. Wie gross sein Anteil nach dem xAI-Deal ist, ist unklar.
SpaceX prüft eine Eigentümerstruktur nach dem Börsengang, die es Insidern - möglicherweise auch Musk - ermöglichen würde, nahezu vollständige Kontrolle über zentrale strategische und unternehmerische Entscheidungen zu behalten.
Investoren, die von den Perspektiven von SpaceX und Musks Erfolgsbilanz überzeugt sind, dürften daran wenig Anstoss nehmen. Doch es könnte problematisch werden, falls etwas schiefgeht und Investoren Veränderungen an der Spitze fordern.
Wie wird Musk Investoren den SpaceX-IPO verkaufen?
Im Zentrum steht die Botschaft, dass SpaceX die kommerzielle Raumfahrtindustrie dominiert und enormes Wachstumspotenzial sowie Verbindungen zu Branchen wie Verteidigung und Telekommunikation hat. SpaceX verfügt zudem mit Starlink über eine verlässliche Einnahmequelle durch seinen globalen Hochgeschwindigkeits-Internetdienst sowie über einen erheblichen Wettbewerbsvorteil im Raketenstartgeschäft.
Schwieriger wird es sein, Investoren davon zu überzeugen, dass diese Geschäftsbereiche SpaceX auch zu einem führenden Akteur im KI-Bereich machen werden. Um Investoren von der hohen Bewertung zu überzeugen, wird Musk auch auf seinen Kultstatus und seine Erfolgsbilanz setzen, insbesondere bei Investoren, die mit Tesla-Aktien Gewinne erzielt haben, die in den vergangenen zehn Jahren um rund 3000 Prozent gestiegen sind.
(Bloomberg/cash)

