cash.ch: Die US-Aktienmärkte haben trotz des andauernden Krieges im Iran und seiner Folgen zuletzt neue Rekordhochs erreicht. Wie erklären Sie sich das?

Fiona Harris: Ein Paradox, nicht wahr! Wenn wir zu Jahresbeginn gewusst hätten, dass die Strasse von Hormus gesperrt sein und 40 bis 50 Millionen Barrel Öl pro Tag fehlen würden - wir hätten die Ölpreise bei 150 Dollar veranschlagt. Nun haben wir höhere Ölpreise gesehen, aber keine 150 Dollar. Das zeigt einfach, dass der Markt sehr fein abwägt, was wahrscheinlich passieren wird, und er nun eben von einer Lösung des Konflikts ausgeht.

Die unerwarteterweise doch nicht so massiv gestiegenen Ölpreise allein werden noch nicht erklären, warum der S&P 500 erstmals auf 7500 Punkte geklettert ist.

Es kommt noch etwas hinzu: Das Gewinnwachstum. Es wurde von den Rohstoffpreise angetrieben, weil insbesondere Energieunternehmen höhere Gewinne gemacht haben, als wir erwartet hatten. Zahlreiche andere Konzerne haben von Künstlicher Intelligenz profitiert. Auch dies hat der Aktienmarkt belohnt.

Werden nun die Erwartungen nochmals nach oben geschraubt?

Durchaus. Die Investoren wollen die Aktienkurse durch Gewinne gerechtfertigt sehen. Allerdings sind die Gewinne schon jetzt sehr, sehr robust. In der soeben abgelaufenen Berichtssaison der S&P-500-Unternehmen sind sie um 26 Prozent gewachsen. Das kann so weitergehen, zumal die USA vergleichsweise wenig energieabhängig sind - jedenfalls weniger, als Europa es ist.

Preisen die Investoren bereits das Kriegsende ein, sodass die Märkte jetzt steigen, nach dem tatsächlichen Ende des Konflikts aber ins Stocken geraten oder sogar wieder fallen?

Die Investoren erwarten eine Lösung des Iran-Konflikts in den nächsten Wochen. Sobald es soweit ist, dürfte die Rally der Ölaktien sowie des Energiesektors insgesamt vorüber sein. Das aber trifft nicht auf den Gesamtmarkt zu. Denn er wird, wie gesagt, vom Gewinnwachstum und von Künstlicher Intelligenz angetrieben - und nur dann zurückfallen, wenn das Kriegsende nicht in einigen Wochen ist, sondern unerwarteterweise erst später eintritt.

Ein baldiges Kriegsende dürfte zudem positiv für die Konjunktur sein. Auch das wird den Aktienmarkt antreiben, nicht?

Die Konsumenten werden sich eindeutig besser fühlen, da der Inflationsdruck nachlässt. Auch die Stimmung in den Unternehmen wird sich bessern, weil die Rohstoffkosten gedämpft werden. Soweit sind wir jetzt aber noch nicht. Die  Konsumentenstimmung ist schlecht.

Das sind Befragungswerte …

… stimmt. Natürlich sagen die Leute, sie seien unglücklich, wenn man sie nach ihrem Befinden fragt, während sie an der Zapfsäule immer mehr für das Benzin bezahlen. Allerdings erhalten die Konsumenten Steuergutschriften. Rund die Hälfte wird gespart - nicht sofort ausgegeben. Deshalb geht es den Konsumenten objektiv gesehen besser, als sie es subjektiv angeben.

Die Inflation hat angezogen, Zinserhöhungen stehen im Raum. Welche Unternehmen werden davon profitieren, welche werden darunter leiden?

Alles hängt davon ab, wie lange die Ölpreise erhöht bleiben. Und das wiederum hängt mit der Lage in der Strasse von Hormuz zusammen. Je länger es weitergeht wie bisher, desto geringer werden die Gewinne und desto enger werden die Margen. Sie werden aber positiv bleiben. Denn die USA können sich selbst mit Öl versorgen und so Druck aus dem System nehmen. Es wird keine Rezession geben.

Dennoch: Welche Unternehmen werden am stärksten betroffen sein?

Jedes Unternehmen, das Öl als Rohstoff braucht, wird leiden. Das sind vor allem Industriefirmen, aber auch Dienstleister, da sie zum Beispiel Energie für Klimaanlagen benötigen - gerade jetzt im Sommer. Deshalb wird das Gewinnwachstum gedämpft, aber nicht ausgebremst. Wir werden wohl einfach nicht mehr die 26 Prozent Gewinnwachstum sehen, die wir momentan haben - sondern vielleicht 20 oder 18 Prozent. Das aber ist immer noch sehr gut.

Können Sie konkret sagen, an welche Namen Sie denken?

Das ist kaum einfach so bestimmbar. Denn die Unternehmen unterscheiden sich erheblich darin, wie sehr sie vom Öl als Rohstoff abhängig und wie gut sie sich gegen steigende Preise abgesichert haben.

Nur wenige Aktien – Alphabet, Nvidia, Amazon, Broadcom und Apple – haben in diesem Jahr mehr als die Hälfte zum Kursanstieg des S&P 500 beigetragen. Erwarten Sie eine Verlagerung der Finanzinvestitionen in andere Bereiche des Aktienmarktes?

Nun ja, die «Magnificent 7» sind dieses Jahr weniger glorreich als in früheren Jahren. Deshalb ist es eine durchaus gesunde Entwicklung, dass andere Teile des Aktienmarktes aufholen. Der Energiesektor läuft ja so gut wie kein anderer Sektor. Zudem weitet sich das Thema Künstliche Intelligenz aus. Ich denke hier an Titel wie Intel oder Cisco. Doch eben: KI bleibt das dominierende Thema.

Wie beurteilen Sie das?

Der Markt beurteilt das vor allem. Er wägt ab und setzt Fragezeichen - zu Microsoft zum Beispiel, ob die massiven Investitionen nachhaltig sind und wohin sich die gefallene Aktie bewegt. Es ist grossartig, wenn der Markt Fragen stellt und nicht einfach hinnimmt, womit die Firmen ihn füttern. Anders gesagt, sollten Investoren immer auch nach Chancen suchen, die ausserhalb der Megatrends liegen.

Woran denken Sie?

An das Gesundheitswesen. Die Investoren scheinen es vergessen zu haben. Es ist der schwächste Sektor des US-Aktienmarkts der vergangenen drei Jahre - obwohl der Boom um die Abnehmmittel das Gegenteil vermuten lässt. Zudem sollte die immer älter werdende Bevölkerung dem Gesundheitssektor Auftrieb geben. Denken Sie an die Medtech-Branche und an die schier zahllosen Hüft- und Kniegelenke, die in den kommenden Jahren ersetzt werden müssen. Doch die Regulierung und der Druck auf die Medikamentenpreise bereiten Sorgen.

Was folgt, wenn die grossen Tech-Giganten Probleme bekommen?

Es gibt ja die Auffassung, dass Nvidia nichts falsch machen könne, dass Google bei der Künstlichen Intelligenz aufholt und dass Amazon ohnehin robust genug ist, um die enormen KI-Investitionen zu stemmen. Die Frage ist aber tatsächlich, was hier schief gehen kann. Kritisch ist aus meiner Sicht vor allem die Nachfrageseite der KI, nicht so sehr, ob die Hyperscaler Schulden machen oder ihre Investitionen aus freiem Cash Flow finanzieren. Wenn die Nachfrage einbricht, zum Beispiel wegen sinkendem Bedarf an Rechenzentren, haben wir ein grosses Problem. Dann werden sich die riesigen Investitionen nicht auszahlen.

Was aber muss gegeben sein, damit sich diese Investitionen auszahlen?

Gewinne müssen folgen. Oder die Investoren müssen zumindest erkennen können, dass die Gewinne eintreffen werden. Dazu ist es wichtig, dass eine Firma einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz hat - sei es im Ausbau von Rechenzentren, sei es bei der Entwicklung von KI-Agenten oder sei beim Abschluss von Exklusivverträgen mit Spezialanbietern - oder sei es sonstwo.

Woran erkennen Anleger, welches Unternehmen einen solchen Vorsprung hat?

Sehen Sie: Der Markt funktioniert wie eine hochsensible Waage. Jede Information wird abgewogen und eingepreist. Der Aktienkurs zeigt dann in der Regel zuverlässig an, wer es gut macht und wer nicht.

Was halten Sie von den Bewertungen?

Nvidia und andere Hyperscaler sind teuer, wenn Sie sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis anschauen. Sie werden aber angemessen bewertet, wenn sie das Kurs-Gewinn-Wachstum-Verhältnis betrachten. Das Wachstum der Hyperscaler ist enorm. Angesichts der umfangreichen KI-Investitionen dürfte dieses Wachstum anhalten, gerade dann, wenn die Gewinne weiterhin sprudeln.

Im Herbst sind Zwischenwahlen in den USA. Wie wirken sie sich auf den Aktienmarkt aus?

Im Moment sieht es so aus, dass sich die Gewichte zu den Demokraten verschieben werden. Dennoch wird die Trump-Administration Mittel und Wege finden, sich durchzusetzen. Der Präsident kann über Exekutivverordnung sehr viel bewirken, wie die Erfahrung zeigt. Deshalb ist es zu früh für eine Prognose zu den Auswirkungen auf den Aktienmarkt. Und ich denke, die Börse hat die Zwischenwahlen zurzeit nicht auf dem Radar. Der November ist noch weit weg.

Fiona Harris ist Investmentspezialistin für den US-Aktienmarkt bei JP Morgan Asset Management (JPMAM). Seit 1997 im Unternehmen, ist sie für die Kommunikation von Anlagestrategie, Portfolioinformationen und -ergebnissen an Kunden mit Sitz ausserhalb der USA verantwortlich. Zuvor war Fiona Harris als Kundenportfoliomanagerin im New Yorker Büro des Unternehmens tätig und unterstützte dort die Mid-Cap-Value-Strategie. Sie begann ihre Karriere bei JPMAM als Marketing-Mitarbeiterin mit Schwerpunkt auf der Betreuung von Kunden in Grossbritannien und Kontinentaleuropa.

Das Interview fand anlässlich einer Medienreise statt, zu der JPMorgan Asset Management eingeladen hatte.

Reto Zanettin
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