Gibt es eine Blase um Künstliche Intelligenz, und wann platzt sie? Ebenso wichtig wie diese Fragen ist für Anleger die Überlegung, welche Unternehmen ein allfälliges Gewitter durchstehen und welche es kaum oder nur unter Umständen schaffen werden.

Schon heute zeichnet sich eine Tendenz ab. «Was wir derzeit mit Sicherheit wissen, ist, dass die Investitionsorgie die aktuellen Cashflows drückt, was ein Warnsignal für die Bewertung ist», sagt Mark Hawtin, Leiter Globale Aktien des Vermögensverwalters Liontrust. Er glaubt, dass diejenigen Unternehmen, «die ihre Cashflows für das Nirwana der künstlichen allgemeinen Intelligenz und das zukünftige Cashflow-Potenzial opfern, bestraft werden».

Hawtins Daten zufolge verändert sich das Verhältnis von Marktkapitalisierung zu freiem Cashflow der amerikanischen Technologieunternehmen in diesem Jahr gegenüber dem Jahr 2021 - und dies offenbar nicht immer zum Guten, wie die folgende Tabelle zeigt.

Unternehmen Freier Cashflow 2026
(erwartet)
Marktkapitalisierung
zu freiem Cashflow 2021
Marktkapitalisierung
zu freiem Cashflow 2026 (erwartet)
Microsoft 83 Milliarden Dollar 35,7 42
Alphabet 73 Milliarden Dollar 28,3 53
Meta 24 Milliarden Dollar 23,6 70
Amazon 34 Milliarden Dollar n/a 72
Oracle minus 14 Milliarden Dollar 16,1 minus 40

Tabelle: Verhältnis von Marktkapitalisierung zu freiem Cashflow / Quelle: Liontrust.

Auffällig ist laut dem Liontrust-Experten insbesondere Oracle: Das Unternehmen weist einen erwarteten freien Cashflow 2026 von minus 14 Milliarden US-Dollar auf. Und die Bewertung - das Verhältnis von Marktkapitalisierung zu freiem Cashflow - verschlechtert sich auf minus 40 von plus 16,1 im Jahr 2021, wobei man letzteres als solide auffassen kann.

Laut aktuellsten Angaben des Unternehmens ist der freie Cashflow im Jahr 2025 von Quartal zu Quartal gesunken - von 11,3 Milliarden US-Dollar im ersten auf 5,8 Milliarden US-Dollar im dritten Quartal. Im vierten Jahresabschnitt dürften es noch 394 Millionen Dollar gewesen sein. Für die ersten beiden Quartale 2026 rechnet das Management allerdings wieder mit anziehenden Geldflüssen.

Die Investitionen von Oracle werden indes auch durch milliardenschwere Schulden finanziert, teilweise zu Zinsen, welche Experten des «Center for Public Enterprise» als «Tränen in die Augen treibend» umschrieben haben. Es geht um Sätze von 10, 14 oder sogar 17 Prozent.

Just Anfang Woche wurde bekannt, dass Oracle im laufenden Jahr ⁠bis zu 50 Milliarden Dollar aufnehmen will, teils über Anleihen, teils über eine Kapitalerhöhung.

Eine Sicht darauf ist: Der Griff zu Schulden «bekräftigt das Commitment des Unternehmens zu dem ambitionierten Ausbau seiner KI-Infrastruktur», notierte der zuständige Analyst der US-Investmentbank Jefferies. Das Kapital helfe, die Lücke zwischen dem avisierten Investitionsvolumen und den aktuell verfügbaren Liquidität zu schliessen. Jefferies stuft Oracle mit «Buy» ein und traut der Aktie einen Kurs von 400 Dollar zu - womit der Aufstieg auf einen Rekordstand impliziert ist.

Anders sehen es offensichtlich die Investoren. Die Nachricht von Anfang Woche zu der 50-Milliarden-Dollar-Geldspritze beschleunigte die Talfahrt der Aktie eher, als dass sie diese bremste. Das ist kein neues Phänomen. Im September 2025 wurden die Valoren zu über 300 Dollar gehandelt. Seither haben sie sich mehr als halbiert und gingen am Donnerstag bei 136 Dollar aus dem Handel. Das ergibt eine Negativbilanz von 58 Prozent in fünf Monaten.

Kratzer im Lack der «Magnificent 7»

Nicht bergab, sondern deutlich bergauf ging es in den zurückliegenden Monaten für die Valoren des Google-Mutterkonzerns Alphabet. Die Aktien werden inzwischen zu 331 Dollar gehandelt, nachdem sie im September noch 250 Dollar wert waren. Das Kursplus in dieser Phase beträgt rund 32 Prozent.

In den vergangenen Tagen fielen die Alphabet-Aktien jedoch, so auch am Donnerstag um 7,9 Prozent in der Spitze und um 0,5 Prozent bis Handelsschluss. Das Unternehmen berichtete über ein Umsatz- und Gewinnwachstum im Geschäftsjahr 2025. Zudem kündigte das Management um CEO Sundar Pichai Investitionsausgaben in der Spanne von 175 bis 185 Milliarden Dollar im Jahr 2026 an. Analysten waren von 120 Milliarden Dollar ausgegangen.

Das nun überraschend hohe Investitionsvolumen kam weder bei Anlegern noch bei Experten gut an. Die einen verkauften die Aktie, die anderen kommentierten die Pläne kritisch: «Die Angst vor einer KI-Blase kehrt zurück», fand der Experte von Jefferies laut der «Financial Times». Die Investoren seien in einer Auszeit, was Technologiewerte betreffe. Offenbar werten sie die erhöhten KI-Investitionen als Hinweis darauf, dass es länger als bisher angenommen dauert, bis die Ausgaben zu höheren Umsätzen führen.

Ein ähnliches Bild gab zuletzt Amazon ab. Auch diese Aktie ist auf längere Sicht gestiegen, kam in den ersten Februartagen aber stärker unter Druck. Neben gestiegenem Umsatz und Gewinn im Jahr 2025 berichtet CEO Andy Jassy, das Unternehmen werde 2026 rund 200 Milliarden US-Dollar investieren und erwarte «langfristig eine starke Rendite auf das investierte Kapital».

Bis Handelsschluss resultierte ein 4-prozentiger Kursverlust. «Ähnlich wie bei Microsoft sind Investoren besorgt, dass die Investitionen schneller wachsen als die Erträge und dass Amazon, Google und Microsoft in einem immer weiter fortschreitenden Ausbau gefangen sind, der sich möglicherweise nicht für alle auszahlt», ordnete Gil Luria des Finanzdienstleisters DA Davidson das Geschehen ein.

Auch wenn eine mögliche KI-Blase nicht vollends platzt, so werden die US-Tech-Giganten die Versprechen, die sie durch ihre Investitionen abgaben, erst noch einlösen müssen.

Reto Zanettin
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