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Kommt die Zeit der nichtkotierten Aktien?

Der Markt für nichtkotierte Schweizer Aktien hat Aufholpotenzial, sagt Thomas Brunner. Der Experte von der Privatbank Lienhardt & Partner nennt im Börsen-Talk spannende Titel und gibt Investment-Ratschläge.
17.07.2015 01:05
Von Ivo Ruch
Thomas Brunner ist im Handel mit ausserbörslichen Aktien tätig.
Bild: cash

Zu den Überfliegern gehören sie nicht, die Aktien nichtkotierter Schweizer Gesellschaften. Der entsprechende Index hat sich im laufenden Jahr mehrheitlich seitwärts entwickelt, während der Swiss Performance Index (SPI) der Schweizer Börse seit Anfang Januar um mehr als 7 Prozent in die Höhe geklettert ist (siehe Chart). In Zukunft dürften die nichtkotierten Schweizer Aktien aber Aufholpotenzial haben, sagt Thomas Brunner von Lienhardt & Partner. Bei der Zürcher Privatbank können Aktien von Gesellschaften, die nicht an der Börse kotiert sind, gehandelt werden. Genauso wie auf den Plattformen der Zürcher und der Berner Kantonalbank.

"Eine Regel besagt, dass nichtkotierte Schweizer Aktien mit einer Verzögerung von sechs bis zwölf Monaten die Bewegung der grossen Indizes nachvollziehen", sagt Thomas Brunner im cash-Börsen-Talk. Aufgrund des Höhenflugs diverser grosser Aktienindizes sieht er deshalb Nachholbedarf für die ausserbörslichen Aktien.

Vergleich OTC-Index (rot) und SPI (schwarz), Quelle: BEKB

Als heimlicher Star unter den ausserbörslichen Aktien gilt seit längerem die Versandapotheke Zur Rose. Der Umsatz konnte jüngst dank der Übernahme von DocMorris auf fast eine Milliarde Franken gesteigert werden. In diesem Jahr ist die Aktie rund 5 Prozent vorgerückt. Auch für die zweite Jahreshälfte schätzt Brunner die Chancen von Zur Rose als intakt ein. "Die Investoren trauen dieser Sache noch nicht so recht, aber das Management hat bis heute die Versprechen eingehalten."

Zur Rose könnte bald auch einem breiteren Publikum bekannt werden, da ein Börsengang in der Luft liegt. Allerdings rechnet Experte Brunner frühestens in drei Jahren mit diesem Schritt. Überhaupt gehe der Trend in die andere Richtung: "Durch die Minder-Initiative haben die Vorschriften und Regulierungen noch einmal zugenommen. Der administrative Aufwand ist für viele Firmen zu gross."

Dividendenrendite von 10 Prozent

Ebenfalls als interessant beurteilt Brunner die Aktien von Bernexpo, EW Jona-Rapperswil und Holdigaz. Hinzu kommen Griesser und Weiss & Appetito. "Diese Firmen leiden zwar unter der Frankenstärke und einem Margendruck. Nichtsdestotrotz sind sie fundamental sehr günstig bewertet und handeln deutlich unter Buchwert."

Weil mangelnde Liquidität einen regen Handel von ausserbörslichen Aktien oft verhindert, ist die Dividende von zusätzlicher Bedeutung. Viele Unternehmen bezahlen eine Natural-Dividende, die besonderen Reiz hat. So zum Beispiel das Kongresshaus Zürich, wo 50 Franken Dividende in bar ausgeschüttet werden. Hinzu kommen 100 Franken in Form eines Gutscheins für das Restaurant und ein Essen mit Abendunterhaltung an der Generalversammlung im Wert von ebenfalls rund 100 Franken. Bei einem Aktienkurs von 2550 Franken ergibt das eine stolze Dividendenrendite von 10 Prozent (weitere Beispiele finden Sie hier).

Ein Investor und kein Trader

Weil diese Aktien nicht über die Börse, sondern über spezielle Plattformen gehandelt werden, haben sie auch den Übernamen "Over the counter"-Aktien (was so viel heisst wie "über den Tresen"). Zu den auffälligsten OTC-Titeln der letzten Monate gehört Kongress und Kursaal Bern. Ein unbekannter Investor kaufte 10 Prozent der ausstehenden Aktien. Der Kurs ging von 460 Franken bis auf 600 Franken. "Man weiss bis heute nicht, wer der Investor ist", sagt Brunner.

Im Unterschied zur Schweizer Börse müssen sich Aktionäre nichtkotierter Firmen nicht zu erkennen geben, auch nicht ab einer bestimmten Grösse. Generell müssen sich Investoren im ausserbörslichen Bereich viel eher selbst auf die Suche nach Informationen machen, was anspruchsvoll sein kann. Brunner rät deshalb auch zu einem Anlagehorizont von mehreren Jahren. "Der Käufer von nichtkotierten Aktien ist ein Investor und kein Trader. Zudem sollten die Aufträge limitiert werden", so Brunner.