Im Nahen Osten ist erneut ein Krisenherd hochgekocht: Die USA und Israel haben den Iran angegriffen, woraufhin dieser zurückschlug und dann auch die libanesische Hisbollah-Miliz an der Seite Teherans gegen Israel zog. Es droht ein Flächenbrand.

Die Reaktion an den Edelmetallmärkten: klassisch. Die Feinunze Silber verteuerte sich um 2 Prozent auf über 95 Dollar; der Preis je Feinunze Gold stieg um 2,5 Prozent auf über 5400 Dollar und damit weiter dem Rekordstand von rund 5600 Dollar entgegen. Der Kurssturz von Ende Januar liegt folglich nicht nur zeitlich ein paar Wochen, sondern auch preislich einige hundert Dollar weit zurück. Damals sackte der Wert einer Unze des gelben Edelmetalls innert Tagen von rund 5500 Dollar auf 4400 Dollar ab.

Mögliche Anlageformen sind Aktien von Minengesellschaften, Gold-ETF und in Münzen oder Barren gegossenes Gold. Gerade in der Nachfrage nach physischem Gold gibt es offenbar einen gewissen Trend: Die Reisebank, eine Tochter der DZ Bank in Deutschland, berichtet von einer vermehrten Nachfrage nach grossen Barren. 2025 habe sie 4163 Goldstücke mit einem Gewicht von 250 Gramm oder mehr abgesetzt, nach 3272 Stücken im Jahr 2024, wie die Bank auf Anfrage von Bloomberg erklärte.

Zum 27-prozentigen Anstieg trugen geopolitische Unsicherheiten, geldpolitische Entwicklungen und das Engagement vermögender Privatkunden sowie institutioneller Anleger bei. Offenbar läuft eine Professionalisierung der Goldnachfrage, wobei die strategische Vermögensdiversifikation neben klassischen Absicherungsmotiven zunehmend eine Rolle spielt.

Dies bedeutet handkehrum nicht, dass kleine Stückelungen links liegen gelassen werden. Sincona Trading, ein in Zürich beheimatetes und auf den physischen Handel mit Gold und anderen Edelmetallen spezialisiertes Unternehmen, beobachtet sogar ein erhöhtes Interesse an kleinen Einheiten. 

Die Kunden kauften vermehrt 10- und 20-Gramm-Stücke sowie Ein-Unzen-Goldbarren respektive -münzen, sagt Angela Richter, Edelmetallspezialistin von Sincona Trading, im Gespräch mit cash.ch. Aufgrund des gestiegenen Goldpreises seien grössere Stückelungen wie Kilobarren weniger gefragt als früher.

Insofern zeigt sich, dass die Goldnachfrage über verschiedene Käufersegmente hinweg breit abgestützt ist. Vermögensverwalter und andere Institutionelle greifen ebenso zu wie Privatanleger, die angesichts des vergleichsweise engeren finanziellen Spielraums aber eher gramm- statt kiloweise zukaufen.

Weiterer Goldpreisanstieg unter hohen Schwankungen absehbar

Der Goldpreis ist über die Jahrzehnte hinweg schon gestiegen. In den 1980er-Jahren wurde das gelbe Edelmetall zu 300 bis 500 Dollar je Unze gehandelt, ab 2010 kamen Notierungen über 1000 Dollar. Ende 2023 hat es die 2000-Dollar-Marke überschritten und zieht seither zügig weiter an. Dass sich der Preis innerhalb von zweieinhalb Jahren bis heute mehr als verdoppelte, hat Gold zu einer stark sprudelnden Ertragsquelle gemacht. Zum Vergleich: Der US-Aktienmarkt hat im gleichen Zeitraum um gut die Hälfte und damit deutlich weniger markant zugelegt als Gold - und dies trotz des Aufkommens von Künstlicher Intelligenz und der damit verbundenen Tech-Rally am Aktienmarkt.

Gold ist also nicht mehr nur ein sicherer Hafen, sondern auch ein Renditebringer. Und daran wird sich Expertenprognosen zufolge auf absehbare Zeit kaum etwas ändern. Die Deutsche Bank sieht den Feinunzenpreis mittelfristig bei 6000 Dollar, wobei unter Umständen auch 6900 Dollar möglich seien, heisst es in einer kürzlich veröffentlichten Notiz. 

Imaru Casanova, Expertin des Vermögensverwalters VanEck, hält ein Erreichen des bisherigen Allzeithochs von 5600 Dollar je Unze in den nächsten sechs bis zwölf Monaten «für durchaus realistisch», wie sie auf Anfrage von cash.ch sagt. Sie fügt hinzu: «Längerfristig erscheint auch ein Niveau deutlich über 6000 Dollar denkbar, sofern die aktuellen Treiber bestehen bleiben.» Dass sie das tun, wurde an der abermaligen Gewalteskalation im Nahen Osten deutlich. Zudem wird der Edelmetallpreis von Zentralbankkäufen, Zuflüssen in ETF und sinkenden Zinsen getragen. Deshalb sind höhere Notierungen und weitere Spitzenwerte realistisch, sodass Gold ein Baustein in den Anlegerportfolios bleiben kann.

Jedoch macht der historisch hohe und voraussichtlich weiter steigende Preis das Edelmetall auch schwankungsanfällig. Experten sprechen vom ausgeprägtesten Bullenmarkt, den sie je erlebt haben. Doch gerade in einem solchen Markt brauchen Anleger starke Nerven. Korrekturen um minus 20 bis 30 Prozent seien nicht ungewöhnlich, heisst es beispielsweise in einem Kommentar des Vermögensverwalters «Au Ag Funds». Ein 20-prozentiger Rückfall würde den Goldpreis von gegenwärtig 5400 Dollar unter die 4400-Dollar-Marke drücken, vorübergehend zumindest. 

Und nun: Nach dem Kauf ist vor einem möglichen Verkauf. Gründe für einen solchen gibt es, und zwar gerade angesichts des steigenden Edelmetallwertes - etwa das sogenannte Rebalancing: Man wird einen einen Teil des Bestandes abstossen, damit die Gewichtung von Gold innerhalb des Gesamtportfolios wieder dem vorgefassten Zielwert entspricht.

Dabei sind Gold-ETF leicht handelbar. Zum Beispiel ist es Investoren «jederzeit» möglich, Anteile am Gold-ETF der Zürcher Kantonalbank zu veräussern, wie es im Faktenblatt heisst. Ein Verkauf von physischem Gold an Händler ist eine andere Option, die ebenfalls stets offensteht.

Auch die Verpackung des Barren ist für den Preis relevant

Barren und Münzen von einigen hundert oder wenigen tausend Franken Wert können ohne Ausweis, also anonym, an Edelmetallhändler verkauft werden. Ab 15'000 Franken Wert greifen regulatorische Vorgaben, sodass eine Identitäts- und Mittelherkunftsprüfung notwendig wird - ohne dass man einen gültigen amtlichen Ausweis vorlegt, wird der Händler das Gold nicht annehmen. Er muss Geldwäscherei und andere Straftaten ausschliessen können.

Händler wie Degussa oder Sincona Trading prüfen auch, ob der Barren echt oder gefälscht ist und ob der Hersteller des Barrens auf der Liste geprüfter Hersteller der London Bullion Market Association (LBMA) steht. Diese Liste enthält Produzenten, welche die Good-Delivery-Standards der LBMA erfüllen. Dazu zählen Integrität, angemessene Sorgfalt, finanzielle Umsicht und intaktes Risikomanagement. «Stammt der Barren von einem Produzenten, der nicht auf dieser Liste verzeichnet ist, so kann er nicht an Sincona Trading verkauft werden», hält Edelmetallspezialistin Angela Richter fest.

Der Preis, zu dem man verkaufen kann, wird grundsätzlich anhand der aktuellen Goldnotierung, dem Gewicht und der Qualität des angelieferten Stücks bemessen. Einen Preisabschlag gibt es für Schäden und fehlende Zertifikate. Bei Sincona Trading beträgt er 300 Franken für einen Ein-Kilogramm-Barren; der Händler berücksichtigt hierbei anfallenden Schmelzspesen. Zur Einordnung: 300 Franken entsprechend rund 0,22 Prozent bei einem Kilopreis des Goldes von gegenwärtig 134'000 Franken. Der Betrag wird anhand des jeweiligen Barrengewichts hoch- oder heruntergerechnet.

Abschläge gibt es auch für Barren mit einer Bankprägung, da Händler wie Sincona Trading diese Stücke weniger gut wiederveräussern können oder zunächst einschmelzen und umgiessen lassen müssen. Hintergrund ist hier, dass Barren ohne Prägung besser handelbar sind als solche mit Prägung.

Bei Degussa wird zudem die Verpackung, insbesondere das Blister, berücksichtigt. Ist das Produkt vollständig und unversehrt und kann es direkt wieder in den Verkauf gelangen, werde der volle Ankaufspreis vergütet, sagt Andrea Haener, Marketingleiterin von Degussa. Sei das Blister beschädigt oder geöffnet, werde der Barren als «Second Quality» eingestuft und entsprechend zu einem reduzierten Preis angekauft.

Bei Münzen spielt insbesondere der Zustand eine zentrale Rolle: «Entscheidend ist, ob die Münze problemlos wiederverkauft werden kann. Befindet sie sich in einwandfreiem Zustand, wird der volle Ankaufspreis ausbezahlt», sagt Haener. Weisen die Münzen hingegen Gebrauchsspuren oder Beschädigungen auf, wird in der Regel ein «Second-Quality-Preis» angewendet.

Reto Zanettin
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