Martin Hirzel - Autoneum-CEO: «Tesla wird noch auf uns aufmerksam werden»

Autoneum steht in Nordamerika weiter im Gegenwind, wie CEO Martin Hirzel sagt. Der Chef des Autozulieferers spricht im cash-Interview auch über Chancen in China und potentielle Kunden wie Tesla oder Dyson.
04.06.2018 23:05
Interview: Marc Forster
Autoneum-CEO Martin Hirzel im Interview mit cash.ch am Firmensitz in Winterthur.
Bild: cash

cash: Herr Hirzel, im vergangenen Jahr machte der Markt in Nordamerika Sorgen. Autoneum ist Hersteller von Hitzeschutz-, Lärmdämmungs- und Isolationskomponeten für Autos. Wie hat sich das Geschäft dort weiter entwickelt?

Martin Hirzel: Der nordamerikanische Markt, und hier insbesondere die USA, ist tatsächlich ein Sorgenkind. Wir sind in den USA und Kanada dieses Jahr mit weiteren Produktionsrückgängen konfrontiert, nachdem die Zahl der dort produzierten Fahrzeuge  2017 um über 8 Prozent geschrumpft ist. Steigende Produktionszahlen sehen wir in Mexiko, wo wir aber aufgrund des Auf- und Ausbaus unserer Produktionskapazitäten noch nicht am Wachstum partizipieren können. Der nordamerikanische Markt bleibt auch dieses Jahr eine Herausforderung.

Wo sehen Sie die Gründe für dieses Nordamerika-Problem?

Nach Jahren stetig wachsender Produktionsvolumen zeigt sich nun eine Abkühlung. Die steigenden Zinsen spielen eine Rolle, weil in den USA Autos fast nur auf Kredit gekauft werden. Ein Effekt ist auch das Leasing: In den USA ist dieses Konzept ein relativ neues Phänomen. Im Moment laufen viele fast neue Autos aus Leasingverträgen auf den Markt zurück. So ist ein Sekundärmarkt entstanden, der den Handel mit neuen Autos konkurrenziert.

Helfen Ihnen die Aufschwungsignale der amerikanischen Wirtschaft nicht?

Während wir zur übrigen US-Industrie viel positives hören, scheint die Autoindustrie da etwas quer in der Landschaft zu liegen. Wir gehen in den USA mittelfristig von einer Stagnation auf dem aktuellen Niveau aus, das bedeutet rund 11 Millionen produzierte Autos im Jahr.

In diesen Wochen hat sich der Handelskonflikt zwischen den USA und anderen Wirtschaftsblöcken immer wieder zugespitzt, dann gibt es wieder Zeichen der Einigung. Jetzt wurden Stahl- und Aluminiumzölle verhängt. Beschäftigt Sie das?

Für unsere Kunden sind Handelsbarrieren und Zölle sicherlich nicht gut. Aber Autoneum produziert ganz überwiegend  dort, wo Autos hergestellt werden und ist damit nur sehr indirekt betroffen. Da die Kundennachfrage ja weiterhin besteht, ist mit einer Verlagerung zu in den USA produzierten Fahrzeugen zu rechnen. Davon würde Autoneum mit seinen acht Werken in den USA durchaus profitieren.

Erwischt Sie der Konflikt um Iran mit neuen Sanktionen der USA auf dem falschen Fuss?

In der Tat ist Iran bis vor kurzem als sehr vielversprechender Markt für die Autoindustrie gesehen worden. Wir sind vor Ort nicht präsent, haben aber ein Lizenzabkommen mit einem iranischen Zulieferer. Angesichts der US-Sanktionen prüfen wir derzeit verschiedene Optionen der zukünftigen Zusammenarbeit. Vor allem stellt sich aber die Frage, ob unsere französischen Kunden Peugeot und Renault ihre Produktionsprojekte angesichts der Sanktionen umsetzen oder nicht.  

Sie haben das Ziel, den Umsatz von aktuell 2,2 Milliarden bis 2020 auf 2,6 Milliarden Franken zu erhöhen. Könnten geopolitische Konflikte Ihren Zielen noch einen Strich durch die Rechnung machen?

Das Ziel bleibt unverändert. Dafür brauchen wir aber prosperierende Märkte. Sollte es also marktbedingt starken Gegenwind geben, wird das Ziel natürlich ambitiöser. Es entspräche aber nicht die Kultur von Autoneum, zwei Jahre vor der Ziellinie aufzugeben.

Um die Ziele zu erreichen, müssen Sie schneller als der Markt wachsen. Wie können Sie das sicherstellen?

Wir müssen in gesättigten Märkten wie Europa Marktanteile gewinnen. In Asien wollen wir bei absatzstarken Marken präsent sein. Wir differenzieren uns durch unsere Innovationsführerschaft: Idealerweise ersetzt ein Autoneum-Teil zwei Konkurrenz-Teile. Wir können auch Marktanteile gewinnen, weil wir mit mit praktisch allen Fahrzeugherstellern zusammenarbeiten. Es gibt immer eine Automarke, die besonders gut läuft.

Können Sie Zyklen in einem traditionell konjunkturabhängigen Geschäft «glätten»?

Die Automobilindustrie ist global gesehen nicht zyklisch. In den vergangenen 30 bis 50 Jahren ist die Zahl der produzierten Fahrzeuge stetig gewachsen. Es gibt aber Schwankungen bei Automarken und Modellen. Und das ist genau die Antwort auf Ihre Frage: Wir managen Zyklen dank unseres sehr breiten Kundenportfolios. Wir sind mit fast allen Autobauern der Welt im Geschäft. Das gleicht Absatz- und  regionale Schwankungen aus.

Hat Autoneum ein Problem mit steigenden Rohstoffpreisen?

Seit  letztem Jahr steigen die Preise von für uns wichtigen Rohstoffen wie Aluminium, Garn oder ölbasierten Schäumen. Wir versuchen, diesen Preisanstieg mit Effizienz beim Materialeinsatz zu kompensieren, oder, wenn möglich, an die Kunden weitergeben.

Als Schwachstelle bei Autoneum gilt der Cash Flow: Wie wollen Sie das verbessern?

Unser betrieblicher Cash Flow ist auf einem gesunden Niveau. Aber Sie sprechen wohl den Free Cash Flow an: Dieser ist von unserer starken Investitionstätigkeit beeinflusst. Wir verfolgen eine globale Wachstumsstrategie. Wir wollen, dass unsere Technologien und Innovationen weltweit verfügbar sind, wir wollen in Asien zweistellig wachsen. Und dies bedarf Investitionen. Mittelfristig soll die Investitionsquote von aber aktuell über sieben auf fünf Prozent sinken.

Können Sie ein Geschäft wie das von Autoneum mittelfristig mit weniger Kapitalbedarf betreiben?

Autoneum ist ein Industrieunternehmen, das Maschinen, Werkzeuge, Fabriken braucht. Das ist per se kapitalintensiv und charakteristisch für das Zuliefergeschäft. Wir haben bereits stark in den Auf- und Ausbau unserer Produktionskapazitäten in Asien und Nordamerika investiert. Den weiteren Kapazitätsausbau werden wir aber mit einer Investitionsquote von fünf Prozent sicherstellen können.

Lässt sich ein Investitionsbedarf im schnell wachsenden Asien so gut voraussagen?

Wir haben seit dem Börsengang von Autoneum 2011 den Umsatz in Asien mehr als verdoppelt. Um das 2020-Ziel zu erreichen, müssen wir den Umsatz in dieser Region noch einmal verdoppeln. Dazu haben wir letztes Jahr zwei neue Werke in China in Betrieb genommen, 2018 werden wir in diesem weltgrössten Automobilmarkt zwei weitere eröffnen.

Wie entwickeln sich die Geschäftsbeziehungen zu chinesischen Autobauern?

Die chinesische Autobauer-Landschaft ist sehr fragmentiert. Es gibt über zehn verschiedene Autobauer, die eine Vielzahl von verschiedenen Modellen anbieten. Autoneum beliefert bereits verschiedenste chinesische Fahrzeughersteller. Einerseits findet die Zusammenarbeit schon in der Vorentwicklung neuer Modelle statt, andererseits haben wir in den vergangenen Jahren auch vermehrt Serienaufträge gewonnen. Dies unter anderem mit dem sehr erfolgreichen Autobauer Geely

Wie trägt dies zum Marktanteilgewinn bei, und rollen bald chinesische Autos über Schweizer Strassen?

Ich bin nicht sicher, ob der westeuropäische Markt für Chinas Autobauer Prioriät hat. Der Markt ist gesättigt, er ist anspruchsvoll und die Margen sind nicht die höchsten. Aber in Südostasien, Südamerika, aber auch Osteuropa sieht man vermehrt chinesische Autos. Ein Zielmarkt ist auch Afrika. Wenn die Chinesen global produzieren werden, sind die Produktionsvolumen auch für Autoneum interessant. Sie brauchen dann einen Global Player wie uns als Partner, weil sie dann nicht mehr nur auf ihre lokalen Zulieferer setzen können.

Ein wunder Punkt scheint Tesla zu sein: Sie bedauerten einmal, dass Autoneum beim diesem stark beachteten Elektroautohersteller nicht dabei sei. Kommt diese Chance nie wieder?

Tesla produziert an der Westküste der USA, wo Autoneum kein Werk hat. Das ist schlicht der Grund, weswegen wir nicht dabei sind. Aber wenn Tesla den Schritt zu einem Hersteller mit viel höheren Stückzahlen macht, also ein Volumenhersteller wird, dann müssen sie auf mehr als einen Zulieferer pro Produkt bauen. Dann wird Tesla auch auf den Technologieführer aufmerksam – also uns. Zudem: Wir sind bereits mit anderen Elektroautobauern im Geschäft, sowohl in der Serienfertigung als auch in der Entwicklung. Auch bei neuen Playern, in Europa, Nordamerika und China.

Auch beim englischen Staubsauger- und Gebläsehersteller Dyson, der an einem Elektroauto tüftelt? Über eine Zusammenarbeit mit Autoneum ist schon zu lesen gewesen.

Darüber kann ich keine Auskunft geben. Aber wir beobachten viele neue Player, die Projekte im Autobau haben und einen Zulieferer für Akustik- und Hitzeschutzkomponenten benötigen. Wir haben letztes Jahr im Silicon Valley das 'Kompetenzzentrum für neue Mobilität' eröffnet, wo wir nahe an Unternehmen sind, die in den Sparten Elektroautos, selbstfahrende Autos oder Shared Mobility tätig sind, darunter  auch Startups. Wir haben in Kalifornien schon Entwicklungsaufträge mehrerer neuer Player erhalten. Vor allem aber lernen wir durch diese Zusammenarbeit sehr viel über die neuesten Trends und Entwicklungen in diesem Innovationshub.

Ökologie und Umweltbewusstsein spielen für das Image des Unternehmens eine wachsende Rolle. Wie «grün» ist Autoneum?

Wir wollen unseren Kunden helfen, umweltfreundliche Autos zu produzieren. Das machen wir mit unseren leichtgewichtigen, multifunktionalen Produkten. Das hilft, Fahrzeuggewicht und damit Treibstoff zu sparen und Emissionen zu reduzieren. Wir stellen aber auch selbst Produkte aus nachhaltigen Rohmaterialien her, die sich zudem am Ende des Lebenszyklus eines Autos recyceln lassen. Ausserdem haben wir uns ehrgeizige Ziele gesetzt, in unseren Werken durch ökoeffiziente Produktionsprozesse Energie- und Wasserverbrauch, Emissionen und Abfallmengen zu reduzieren. 'Green business is good business': Wir sparen einerseits Kosten ein und leisten gleichzeitig unseren Beitrag zum Umweltschutz.

Stimmt es, dass Autoneum aus alten Jeans Bodenverkleidungen für Autos macht?

Wir kaufen Baumwollfasern ein, die wir zu leichtgewichtigen Produkten für die Lärmdämmung weiterverarbeiten. Diese mehrlagigen Fasern fertigen unsere Lieferanten aus Recycling-Beständenan. Darunter sind auch alte Jeans.

Im cash-Video-Interview öussert sich Martin Hirzel auch zur Anpassungsfähigkeit des Unternehmens und gibt eine Prognose zu Zukunftstrends wie E-Mobilität, Shared Mobility, Konnektivität und selbstfahrende Autos ab.

Der Betriebsökonom Martin Hirzel (Jahrgang 1970) ist seit April 2011 CEO von Autoneum, also seit das Unternehmen eigenständig ist. Davor hiess es Rieter Automotive und war Teil des Winterthurer Technologie- und Textilmaschinenkonzerns Rieter. Hirzel war vor der Gründung von Autoneum in verschiedenen anderen Funktionen für Rieter tätig, unter anderem als Leiter der Automotive-Division für Südamerika, den Nahen Osten und Afrika (SAMEA). Er war auch einige Jahre in China tätig und spricht seitdem chinesisch.

Autoneum ist Spezialist für Hitze- und Lärmdämmungen in Personenautos. Darunter versteht man vor allem Motorkapselungen, Isolationen für den Fahrgastraum und Unterbodenverkleidungen. Autoneum zählt die meisten grossen Autohersteller der westlichen Welt zu den Kunden.

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