cash.ch: Herr Lück, wie beurteilen Sie die Stimmung unter institutionellen Anlegern derzeit?
Martin Lück: Viele sind verunsichert. Es ist nicht die erste Golf-Krise und nicht der erste Angebotsschock. Aber viele Investoren glauben, dass die Rückkehr zur Normalität nach dem Krieg anders verlaufen könnte als früher.
Inwiefern?
Es ist eine Welt, in der man sich weniger verlässt auf die ordnende Rolle der USA. Und man muss sich fragen, ob die Amerikaner überhaupt in die Rolle als Garanten der regelbasierten Ordnung zurückwollen. Ich glaube, dass das Vertrauen in die USA nachhaltig beschädigt wurde.
Geht es nach den jüngsten Signalen aus den USA tatsächlich Richtung Kriegsende?
Trump hat langsam keine Lust mehr. Er hatte wohl geglaubt, eine ähnliche Lösung wie in Venezuela herbeiführen zu können und dann eine neue Marionettenregierung zu installieren, mit der man einen Deal machen kann. So etwas ist ja eigentlich eine Unverschämtheit. Der Iran hat sich relativ schnell erneuert, was die Führungscrew angeht. Und er hat massiv militärisch zurückgeschlagen. Trump hat zudem zwei seiner wichtigsten Wahlversprechen gebrochen: Keine Kriege mehr zu führen und die Inflation herunterzubringen, was in der letzten Wahl 2024 noch ein ganz entscheidendes Thema war. Trump sieht den zunehmenden Gegenwind, auch in den Vereinigten Staaten. Nun hat er den Boden für das Kriegsende vorbereitet, indem er gesagt hat, im Grunde seien die Kriegsziele alle erreicht. Ob das die anderen Kriegsparteien, vor allen Dingen Israel und der Iran, auch so sehen, steht auf einem anderen Blatt.
Eigentlich ist es Trump egal, ob es in Venezuela oder im Iran einen richtigen Regimewechsel gibt, geschweige denn ob eine demokratische Regierung an der Macht ist. Hauptsache, die Machthaber gehorchen …
Genau. Diese Regierung verspürt kein Mandat, die Demokratisierung in der Welt voranzutreiben. Oder ein autokratisches oder diktatorisches Regime durch ein besseres zu ersetzen. Hauptsache, man kann Deals machen. Das erklärt auch, weshalb Trump sich ganz wunderbar mit Russland versteht.
Wie geht es weiter an den Märkten?
Nach einem möglichen Abzug der USA müssen wir abwarten, ob der Krieg zwischen Iran und Israel doch noch weitergeht und wann die Strasse von Hormus wieder offen ist. Danach werden wir uns wieder mit den alten Themen beschäftigen. Das heisst: Welche Teile des Aktienmarktes sind vielleicht heissgelaufen, haben wir eine KI-Blase, muss man Teile des Aktienmarktes nach dem Krieg anders denken? Die Antwort ist wahrscheinlich: Ja. Ich denke vor allem an Rüstung. Das wird in Zukunft noch wichtiger sein und wird ein zusätzliches Interesse erfahren im Nachgang dieses Krieges.
Glauben Sie, dass man schon Aktien zukaufen kann, vor allem in Sektoren, welche wegen der höheren Energiepreise gelitten haben?
Momentan sind solche Fragen noch immer sehr stark eine Wette auf den weiteren Kriegsverlauf. Das ist hochspekulativ. Annehmen können wir aber zumindest, wie gesagt, dass die USA sich womöglich zurückziehen und sich in ein paar Monaten alles langsam normalisiert.
Hat der Krieg Ihren Blick auf das Aktienjahr 2026 verstellt?
Eine allgemeine Haltung, wonach wir das Aktienjahr nun so werten, wie wir es zu Jahresbeginn erwartet hatten, halte ich für fast unmöglich. Dies vor allem mit Blick auf die jüngere Radikalisierung der Trump-Administration. Denken Sie nur an Grönland. Es ist Trump wirklich nur mit Mühe und Not ausgeredet worden, Grönland tatsächlich zu besetzen. Das muss man sich mal vorstellen. Und dann dieser völlig ungeplante, unkontrollierte Angriff auf den Iran. Wir werden zumindest unter der Oberfläche Veränderungen sehen. Ich war zu Jahresbeginn ohnehin bloss verhalten optimistisch. Ich hatte gesagt, dass ein weiteres Jahr mit Zuwächsen im zweistelligen Prozentbereich eher unwahrscheinlich sei. Häufig gibt es im vierten Jahr sogar Rücksetzer. Aber meine wahrscheinlichste Erwartung ist, dass wir ein positives Jahr sehen mit einer Ausweitung der Kursentwicklung in der Grössenordnung der geschätzten Gewinnentwicklung. Die liegt im hohen einstelligen oder niedrigen zweistelligen Bereich.
Sie scheinen nicht so pessimistisch zu sein wie viele andere Marktbeobachter…
Nein, weshalb sollte ich glauben, dass die Welt jetzt untergeht? Dieser Krieg im Mittleren Osten war eine katastrophale Fehlentscheidung von Trump, weil er auf völlig falschen Annahmen aufbaute. Alle werden zurück zu ihren Sachen gehen. Netanyahu geht zurück und wird versuchen, an der Macht zu bleiben, damit er nicht ins Gefängnis muss. Der Iran wird von dem neuen Regime irgendwie stabilisiert. Was bedeuten wird, dass zigtausende von unschuldigen Menschen in Gefängnissen landen. Der Iran wird weiter an seiner Atombombe bauen. Donald Trump wird nach Hause gehen und jedem, der es nicht wissen will, erzählen, er habe den Krieg gewonnen. Die Amerikaner werden sich aber vielleicht einmal darüber Gedanken machen, ob es Sinn gemacht hat, einen Krieg zu führen, der sie jeden Tag mindestens eine Milliarde Dollar gekostet hat. Aber wirft das alles die Kapitalmärkte für dieses Jahr aus der Bahn? Nein.
Wie sehen Sie die Leitzinsentscheide der Fed und der EZB angesichts der anziehenden Inflation?
Bis jüngst hatten viele eine weitere Zinssenkung der EZB für dieses Jahr erwartet. Jetzt hat das Szenario gedreht. Nun sind knapp drei Zinsanhebungen eingepreist. Die EZB will natürlich den Fehler, den sie 2022 gemacht hat, nicht wiederholen. Sie haben damals ausgesehen wie Idioten. Drei Anhebungen halte ich jedoch für viel zu viel. Am wahrscheinlichsten ist es, dass wir wahrscheinlich gar keine Zinserhöhung erleben, wenn der Krieg bald endet. Dann werden die Preisanstiege ‹herauswachsen›. Am Ende des Tages korrigiert sich die Statistik relativ schnell.
Wie sieht es in den USA aus?
Dort haben wir jetzt schon eine zu hohe Inflation. Und wir haben dennoch einen Markt, der bis vor Kurzem zwei bis drei Zinssenkungen der Notenbanken eingepreist hat. Warum? Weil man gesagt hat, die Führung der Fed wird sich nicht einem Präsidenten in den Weg stellen wollen, der Zinssenkungen will. Schon gar nicht, wenn der Fed-Chair nicht mehr Jerome Powell, sondern Kevin Warsh heisst. Er gehört zum erweiterten Dunstkreis von Friends-and-Family der Trumps. Er gilt als formbar für den Präsidenten.
Angenommen, Sie müssten nun ein Portfolio aufstellen für die nächsten zwölf bis 24 Monate. Wie wäre die Asset Allocation?
Die Asset Allocation wäre in zwei Punkten anders als ohne den Krieg und auch anders als vor der Radikalisierung der US-Regierung seit Anfang des Jahres. Ich würde noch stärker aus Amerika heraus diversifizieren und das US-Gewicht reduzieren. Die Trends, die wir vor dem Krieg hatten, werden wieder Fahrt aufnehmen. Das heisst, der Dollar wird wieder abwerten. Wahrscheinlich werden die Treasury-Renditen sogar weiter ansteigen und wir werden weiter immer mehr Zweifel sehen an der Tragfähigkeit der US-Politik und der US-Finanzpolitik. Dazu kommt, dass der Glaube an das KI-Wunder der ersten Phase langsam endet. Die Adaptions- und Innovationszyklen werden kürzer. Der Fokus der Märkte richtet sich immer stärker auf die Use Cases. Es gibt ganz viele Facetten, die jetzt dafür sprechen, dass Investoren eher ihren Blick auf andere Regionen der Welt richten und nicht mehr nur auf Amerika.
Und weiter?
Ich würde wahrscheinlich auch den Fixed-Income-Anteil etwas höher gewichten, und auch hier den Fokus nicht mehr zwingend auf die USA legen. Emerging Market Debt, mit sehr viel niedrigeren Verschuldungsraten und mit sehr viel dynamischeren Wachstumsmodellen, würde ich deutlich höher gewichten. Und zwar in beiden Versionen, gehedgt und ungehedgt. Und ich würde auch, im Vergleich zu einem Portfolio vor dem Krieg, noch stärker Dinge beimischen wie Infrastruktur. Da gibt es sehr viele Projekte und sehr viele interessante Möglichkeiten, die da jetzt auf Verwirklichung warten, besonders in Europa. Infrastruktur nimmt auch Volatilität aus dem Portfolio heraus.
Gold ist während des Krieges wegen des steigenden Dollars und Zinserhöhungserwartungen unter Druck geraten. Wie sehen Sie hier die Entwicklung?
Ich glaube, dass Gold wieder steigt. Das hängt mit dem Vertrauensverlust in den amerikanischen Dollar zusammen. Wir beobachten weiter Umschichtungen von Währungsreserven bei grossen Zentralbanken. China hat viele Dollar-Anleihen verkauft und sehr viel Gold dafür gekauft. Sie sind damit noch längst nicht fertig.
Martin Lück ist seit Ende 2023 unabhängiger Berater bei der von ihm gegründeten Firma Macro Monkey und seit 2025 Chef-Kapitalmarktstrategen für Deutschland und Österreich bei Franklin Templeton. Zuvor war er acht Jahre lang Chef-Anlagestratege für Deutschland, Schweiz, Österreich und Osteuropa bei Blackrock. Der promovierte Ökonom arbeitete zuvor bei der UBS Deutschland, wo er als Chefökonom für Deutschland und Mitglied des European-Economics-Teams beschäftigt war. Zu Lücks früheren beruflichen Stationen zählen Kepler Equities, CAI Cheuvreux und Schröder Münchmeyer Hengst Research.
Das Interview wurde am Rande des Institutional Money Kongresses vom 24. und 25. März 2026 in Frankfurt geführt, wo Lück als Referent auftrat.

