Nach zwei schweren Rückschlägen bei der Medikamentenentwicklung nehmen Investoren die Übernahmestrategie des Schweizer Pharmakonzerns Novartis verstärkt unter die Lupe. Acht von Reuters befragte Aktionäre erklärten, der Misserfolg im Zusammenhang mit dem Milliardenzukauf von Avidity werfe Fragen über die Auswahl und die Kontrolle von Akquisitionen auf.
Novartis-Chef Vas Narasimhan kann zwar eine erfolgreiche Bilanz bei den Aktionärsrenditen vorweisen. Er sieht sich nun jedoch mit der Sorge von Anlegern konfrontiert, wie er den Pharmakonzern durch den bevorstehenden Patentablauf von Umsatzrennern steuern will. «Es wird eine Weile dauern, bis das Vertrauen zurückkehrt», sagte Gillian Hollenstein, Fondsmanagerin bei Point Capital Navigator Fund. Novartis wäre mit kleineren, ergänzenden Zukäufen besser gefahren.
Ein massiver Kurssturz an der Börse löschte in dieser Woche an einem einzigen Tag fast 30 Milliarden Dollar an Marktwert aus. Mit dem Kurssturz von elf Prozent wurden sämtliche Kursgewinne seit Jahresbeginn zunichte gemacht. Auslöser der jüngsten Verunsicherung war das Scheitern des Wirkstoffs Del-Desiran zur Behandlung einer Form von Muskelschwund in einer späten klinischen Studie. Dies war der zweite herbe Rückschlag für die Pipeline des Unternehmens innerhalb weniger Tage.
Das Medikament stammte aus der zwölf Milliarden Dollar schweren Übernahme des US-Biotechunternehmens Avidity im vergangenen Jahr. Einer mit der Situation vertrauten Person zufolge plant das Unternehmen derzeit jedoch keine Änderung seiner M&A-Strategie.
Narasimhan hatte in den vergangenen drei Jahren mehr als 30 Milliarden Dollar für Übernahmen und Partnerschaften ausgegeben. Den Avidity-Kauf hatte er damals vor Investoren als angemessenes Risiko verteidigt. Unter den Anteilseignern formiert sich nun aber Widerstand gegen die bisherige Praxis. Der Grossaktionär Artisan Partners forderte am Donnerstag einen Umbau des Verwaltungsrats, um die Aufsicht bei Übernahmen zu verbessern.
Michael Hannig, Portfoliomanager beim Novartis-Aktionär DJE Kapital, empfahl dem Konzern, sich künftig auf Transaktionen im Bereich von fünf bis zehn Milliarden Dollar für fortgeschrittene Wirkstoffe zu konzentrieren. «Vas hatte den Nimbus, dass alles zu Gold wird, was er anfasst», erklärte auch ein Top-15-Eigner.
Der nächste Zukauf werde nun kritischer angeschaut werden. «Je näher die Patentklippe kommt, desto kritischer wird es», sagte der Aktionär mit Blick auf das Auslaufen des Patentschutzes von Medikamenten mit Milliardenumsätzen in den kommenden Jahren.
Nächste Meilensteine im Oktober
Trotz der aktuellen Kritik verweisen Befürworter auf die starke Bilanz des 50-jährigen US-Managers, der seit 2018 an der Spitze des Konzerns steht. Unter seiner Führung stieg die Novartis-Aktie um mehr als 60 Prozent. Inklusive reinvestierter Dividenden erzielte das Papier laut LSEG-Daten eine Gesamtrendite von rund 120 Prozent. Damit schnitt Novartis besser ab als der Schweizer Konkurrent Roche mit rund 108 Prozent, blieb jedoch hinter dem britischen Rivalen AstraZeneca zurück, der rund 200 Prozent erreichte.
Narasimhan steuerte den Konzern zudem erfolgreich durch die Phase nach der Corona-Pandemie und reagierte auf den zunehmenden Preisdruck in den USA – zunächst unter der Regierung von Präsident Joe Biden und später unter Donald Trump, der Schweizer Unternehmen mit Zöllen drohte.
Einige Investoren halten Forderungen nach personellen Konsequenzen daher für verfrüht. Daniel Bolanowski, Portfoliomanager bei Arctic Asset Management, sagte, das Ausmass des Kurssturzes deute zwar auf ein tieferes Vertrauensproblem bei der Geschäftsentwicklung hin. Es sei jedoch verfrüht, Köpfe rollen zu lassen. Novartis habe mit Del-Zota und Del-Brax noch zwei weitere Wirkstoffe von Avidity in der Entwicklung, die künftig Umsätze generieren könnten.
Guy Bettschart-Ghassabi, Gesundheitsanalyst beim Novartis-Investor Bellevue Asset Management, gab zudem zu bedenken, dass die gescheiterte Studie vor der Übernahme von Avidity konzipiert worden sei. Die Behandlung der betreffenden Form von Muskelschwund sei zudem äusserst anspruchsvoll. Er habe weiterhin Vertrauen in das Management.
Als nächster grosser Meilenstein gilt die Vorstellung detaillierter Daten zum Multiple-Sklerose-Medikament Remibrutinib auf einem Fachkongress im Oktober. Das Medikament erreichte zwar die Hauptziele zweier fortgeschrittener Studien, die Investoren warten jedoch auf genauere Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit.
Markus Manns, Portfoliomanager bei Union Investment, erklärte, die beiden jüngsten Misserfolge seien zwar bedauerlich, lägen jedoch im Rahmen der üblichen Risiken bei der Medikamentenentwicklung. Novartis müsse nun härter arbeiten, um seine Ziele für die Zeit nach 2030 zu erreichen. Dies gelte jedoch für die meisten Pharmaunternehmen. Narasimhan habe eine klare Vision und den Wert von Novartis gesteigert, auch wenn die Übernahmestrategie verbessert werden müsse.
(Reuters)

