Die Eskalation im Nahen Osten trieb den Ölpreis in der ersten Jahreshälfte wiederholt über die Marke von 110 Dollar pro Fass. Nach der Entspannung vom Juni kletterte der Preis für das schwarze Gold nun wieder auf über 100 Dollar. «Ein begrenztes Angebot an Ölprodukten, extrem hohe Logistikkosten und ein hohes Risiko einer Eskalation durch den Iran halten die Preise auf einem hohen Niveau», sagte Ende vergangener Woche Saul Kavonic, Energieanalyst bei der Finanzdienstleistungs- und Researchgesellschaft MST Marquee.

Hinzu kommen Störungen in den Transportwegen, wie Jean-Frédéric Werren, Global Head of Equity bei EFG, sagt. So hätten die Frachtraten für Dieseltransporte auf dem Rhein nach Basel am 6. Oktober einen Rekordwert von 306,39 Euro pro Tonne erreicht. Hintergrund sind die kritisch tiefen Wassenstände am Nadelöhr bei Kaub, Deutschland. Die niedrigen Pegel hätten die Lage an den Energiemärkten um einen logistischen Engpass verschärft, so Werren.

Die Bewegungen an den Energiemärkten sind denn auch für Anlegerinnen und Anleger am Schweizer Aktienmarkt relevant. Dies zum einen, weil die Energiepreise die Konjunktur und damit den Geschäftsgang der Unternehmen beeinflussen, und zum anderen, weil manche Unternehmen direkt von den Rohstoffpreisen betroffen sind.

Zwei Beispiele sind Clariant und Ems-Chemie. Gemäss Analystenangaben sind die Energiekosten bei Clariant im ersten Halbjahr um 4 Prozent und allein im zweiten Quartal um 6 Prozent gestiegen. Preiserhöhungen konnten den Effekt teilweise ausgleichen. Doch es ist nicht gesagt, dass der Spezialchemiekonzern aus Muttenz steigende Energiekosten stets an seine Kunden weitergeben kann.

Bei Ems hat die Verknappung der Öl- und Gasversorgung aus dem Nahen Osten die Energiepreise unmittelbar ansteigen lassen, zudem sei die Industriekonjunktur schwächer geworden, heisst es im Halbjahresbericht des SPI-Unternehmens. Das Management um CEO Magdalena Martullo-Blocher begegnet den Mehrkosten nun mit Verkaufspreiserhöhungen. Ausserdem bietet der Spezialchemiekonzern seinen Kunden energie- und kostensparende Lösungen an und sieht darin sogar Wachstumschancen.

Dennoch darf der Druck aufgrund der Energiepreise auf Unternehmen wie Ems Chemie und Clariant nicht unterschätzt werden. Stephan Sola von Sola Capital rechnet die beiden Firmen zu den Unternehmen, die wegen Energie- und Rohstoffkosten verstärkt in den Fokus geraten. Spiegelbildlich profitieren EMS-Chemie und Clariant, sollten die Energiepreise wieder deutlich nachgeben, und zwar über günstigere Energie und petrochemische Vorprodukte.

Ähnlich verhält es sich mit einem anderen Titel des Swiss Performance Index (SPI): Die energieintensive Glasproduktion macht Vetropack anfällig für steigende Energiepreise. Umgekehrt wird das Unternehmen aus Bülach in einem leichteren Marktumfeld über tiefere Energiekosten entlastet.

Die meisten Bauwerte leiden unter anziehenden Energiepreisen

Das Geschehen an den Energiemärkten ist für eine grössere Gruppe von Unternehmen des Swiss Market Index (SMI) speziell relevant. Baunahe Unternehmen wie Amrize, Holcim, Geberit und Sika sichern sich zwar gegen höhere Rohstoffpreise ab und können solche auch an ihre Kunden weitergeben, Druck kommt allerdings von konjunktureller Seite: «Teureres Erdöl treibt die Inflation an, die dann höhere Zinsen provoziert, so den Wohnungsbau verteuert sowie die Auftragslage der baunahen Schweizer Konzerne belastet. Das ist ein sehr relevanter Einfluss», sagt Beat Pfiffner, Analyst bei der Schwyzer Kantonalbank (SZKB).

Umgekehrt erhalten die Schweizer Bau-Aktien bei wieder fallenden Energiepreisen Rückenwind, so insbesondere Holcim und Amrize über tiefere Produktions- und Transportkosten, wie Stephan Sola ausführt. Besonders interessant werde es bei den Margen, wenn die Kosten schneller fallen als die Verkaufspreise: «Einmal durchgesetzte Preiserhöhungen sind bekanntlich 'sticky'», so der Aktienmarktspezialist. Offen ist derweil, ob die Abnehmer anhaltend erhöhte Preise hinnehmen oder sich anpassen, sodass die nachgefragte Menge zurückgeht und die Umsätze der Baukonzerne ins Bröckeln kommen.

Ein Stück weit anders gelagert als die SMI-Bauwerte ist das SPI-Unternehmen Implenia. Bei diesem spielt die inflations- und zinsbedingte Verteuerung des Wohnungsbaus keine so starke Rolle wie bei den anderen Bauwerten, wie Pfiffner erklärt: «Das Unternehmen ist auf komplexe Infrastrukturprojekte fokussiert, die weniger stark von höheren Zinsen abhängen.»

Tourismus-Aktien im Sog von Kerosinpreisen und Konsumlaune

Höhere Kerosinpreise verteuern das Fliegen und können Passagierzahlen belasten. Leidtragend ist hierbei namentlich der Flughafen Zürich. «Wobei man die Leidensfähigkeit der Konsumenten nicht unterschätzen sollte – auf Ferien wird erstaunlich spät verzichtet», sagt Sola. 

Das gilt wohl für kaufkräftige Schweizerinnen und Schweizer, doch nicht unbedingt für Konsumenten aus anderen Ländern wie beispielsweise Indien. Dort geht der Verkehr laut Pfiffner empfindlich zurück - und der Flughafen Zürich ist an verschiedenen Flughäfen in Südamerika und Indien beteiligt.

Auch der Reisedetailhändler Avolta bekommt die Flaute an den Verkehrsknotenpunkten zu spüren. Beim in Basel beheimateten Unternehmen sinken die Umsätze, da sich an den Flughäfen weniger Reisende aufhalten. «Und wer dennoch per Flieger verreist, spart sich dafür wohl den Einkauf im Flughafenshop», so Pfiffner zur Prioritätensetzung der Reisenden.

Handkehrum dürften die Geschäfte der beiden Schweizer Tourismusunternehmen wieder besser laufen, wenn der Druck von den Märkten weicht, das Reisen erschwinglicher wird, Kaufkraft und Konsumlaune zurückkehren.

ABB als Profiteur festerer Ölpreise

Burckhardt Compression und Sulzer können über die nächsten Jahre hinweg Gewinner höherer Ölpreise sein. «Und zwar dann, wenn Raffineriekapazitäten vermehrt ausserhalb der Golfregion aufgebaut werden und so die Nachfrage nach Kompressoren, Pumpen und dergleichen steigt», erklärt der SZKB-Anayst Pfiffner.

In einem Szenario dauerhaft tieferer Öl- und Gaspreise sinkt die Investitionsbereitschaft und daher auch die Nachfrage der Kunden von Sulzer und Burckhardt jedoch. Die Geschäfte werden deswegen aber kaum von heute auf morgen umfangreich wegbrechen. Denn schon gestartete Projekte laufen typischerweise über längere Zeiträume, sodass eine gewisse Kontinuität gegeben ist.

Zu den Profiteuren anziehender Ölpreise gehören in gewisser Hinsicht auch ABB sowie R&S. Sola erklärt dazu: «Hohe Energiepreise erhöhen den Anreiz für Elektrifizierung und Energieeffizienz.» Allerdings sind diese beiden Trends strukturell. Sie werden nur teilweise von den Ölpreisen angetrieben und hängen etwa von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und dem damit einhergehenden Boom der Rechenzentren ab. Deshalb werden nachlassende Ölpreise kein Spielverderber für ABB sein. Im Gegenteil: Fallende Notierungen des schwarzen Goldes sprechen für eine bessere Konjunktur, die Zyklikern wie ABB normalerweise Rückenwind geben.

Offenkundig stehen und fallen Konzerne wie Ems-Chemie, Holcim oder ABB nicht mit einer einzigen Grösse wie den Ölpreisen. Entscheidend sind etwa auch die Qualität des Managements, die Stellung im Markt, das vorausschauende Absichern von Energiepreisen, Kostenkontrolle und die Fähigkeit, auch in Phasen erhöhter Anspannung Chancen wahrzunehmen.

Reto Zanettin
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