Onlinehändler - Jumia: Das «Amazon Afrikas» steht auf dem Prüfstand

Vor vier Wochen feierte der afrikanische Onlinemarktplatz Jumia ein famoses Börsendebut. Doch jetzt führen Betrugsvorwürfe zu einem massiven Kurssturz.
14.05.2019 16:00
Von Henning Hölder
Ein Distributionscenter von Jumia in Marokko.
Ein Distributionscenter von Jumia in Marokko.
Bild: ZVG

"Jumia ist ein Betrug. Die Aktie ist wertlos." Zu diesem Schluss kommt Andrew Left, Investor und Betreiber der Investorengruppe Citron Research. Der provokant auftretende Leerverkäufer, dessen Wort in der Finanzszene Gewicht hat, setzte mit seinen Analysen schon andere aufstrebende Titel wie Tesla unter Druck. Sein neustes Ziel: ist der gefeierte Onlinehändler aus Afrika.

Im April legte das von den Medien als "Amazon Afrikas" bezeichnete Startup einen fulminanten Börsenstart hin, der dem Unternehmen eine Bewertung von knapp zwei Milliarden Franken einbrachte. Der Aktienkurs schoss am ersten Handelstag um mehr als 60 Prozent in die Höhe. Mit Jumia ist zum ersten Mal überhaupt ein afrikanisches Tech-Unternehmen an der New Yorker Börse notiert.

Zwar hatte sich der Hype zuletzt - wie bei Tech-Börsengängen üblich - wieder ein wenig gelegt. Trotzdem stand der Wert der Aktie bis vor dem Donnerschlag von Andrew Left Ende letzter Woche immer noch über dem Ausgabepreis.

Doch dann twitterte Citron Research den Bericht über den aufstrebenden Börsen-Star, was den Kurs zweitweise um 50 Prozent einstürzen liess, bevor er sich wieder leicht erholen konnte (siehe Grafik). Die Hauptanklage: Jumia habe für den Börsengang seine Nutzerzahlen geschönt und diesbezüglich falsche Angaben bei der US-Börsenaufsicht gemacht.

Die Investoren stützen ihre Vorwürfe auf Unterlagen einer vertraulichen Präsentation für Investoren vom Oktober 2018. Die dort kommunizierten Nutzerzahlen unterschieden sich signifikant von jenen, die der Börsenaufsicht mitgeteilt wurden.

Kursentwicklung der Jumia-Aktie seit Veröffentlichung des Berichts von Citron-Research, Quelle: cash.ch

So soll in der Präsentation für das Jahr 2017 von 2,1 Millionen aktiven Nutzern und 43‘000 Verkäufern die Rede sein, während der Prospekt für die Börsenaufsicht von rund 2,7 Millionen Nutzern beziehungsweise 53‘000 Verkäufern spricht. Zudem erwähnt der Bericht einen fragwürdigen Deal aus dem Jahr 2016, wo Juma vier Tochterfirmen für je einen Euro verkaufte, um diese 2018 trotz hoher Defizite für einen unbekannten Preis zurückzukaufen.

Jumia selbst bestreitet die Vorwürfe. Das Unternehmen stehe komplett zu den Zahlen, welche im Börsenprospekt publiziert wurden, sagt Sacha Poignonnec, Co-CEO und Mitgründer des Startups. Man wolle sich nicht ablenken lassen durch jene, die Zweifel sähen auf Kosten von Juma und seinen Aktionären. 

Gewaltiges Potenzial im afrikanischen Onlinehandel

Der Run auf die Jumia-Aktie zum Börsenstart im April kam indes nicht von ungefähr. Im afrikanischen Kontinent schlummert ein gewaltiges ungenutztes Potenzial in Sachen Onlinehandel. Mittlerweile besitzt fast jeder zweite Afrikaner ein Smartphone und hat Zugang zum Internet. Damit ist Afrika heute, nach China, der zweitgrösste Nutzermarkt der Welt. McKinsey prognostiziert für das Jahr 2025 einen Umsatz von 75 Milliarden Dollar im afrikanischen Onlinehandel.

Jumia selbst erzielte 2018 einen Umsatz von 130 Millionen Euro, rund 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Dem stehen allerdings Verluste in Höhe von 170 Millionen Euro gegenüber. Das Startkapital stellte das Berliner Beteiligungsunternehmen Rocket Internet zur Verfügung, wo Jumia auch ihren Sitz hat. Grösster Anteilseigner ist heute der südafrikanischer MTN-Konzern, der führende Mobilfunkanbieter in Afrika. Jüngst stiegen Mastercard und der französische Getränkekonzern Pernod Ricard ein. Der Onlinehändler ist heute in 14 Ländern Afrikas aktiv.

Auch wenn Shortseller ein hohes Eigeninteresse haben, Kurse zum Fallen zu bringen, zeigt der massive Kurssturz, dass die Anleger den Vorwürfen gewissen Glauben schenken. Von einem Einstieg zum jetzigen Zeitpunkt ist abzuraten. Auf Sicherheit bedachte Anleger sollten zunächst einmal abwarten, ob die US-Börsenaufsicht tatsächlich Untersuchungen einleitet.