Der Genfer Informatikkonzern Infomaniak drängt an die Schweizer Börse. Dafür wird das Unternehmen mit dem seit 1905 an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen Perrot Duval über eine umgekehrte Übernahme - einen sogenannten «Reverse Takeover» - verschmolzen. Die Transaktion bewertet das Cloud-Unternehmen mit 200 Millionen Franken. 

Die Firmen kündigten den Deal am 29. Juli 2026 an. Für den Vollzug fehlen noch das Ja der Perrot-Duval-Aktionäre am 24. September sowie das grüne Licht der Börsenaufsicht. Die Börsennotierung der neu unter Infomaniak firmierenden Aktien mit dem Ticker-Symbol «Info» ist für den 28. September vorgesehen. 

Das müssen Anlegerinnen und Anleger zur Transaktion, der Bewertung und den Erfolgschancen wissen:

Was ist ein Reverse Takeover?

Bei einem Reverse Takeover übernimmt ein nicht börsennotiertes (privates) Unternehmen die Aktienmehrheit an einem bereits börsennotierten, öffentlichen Unternehmen. Das Hauptziel ist, das private Unternehmen an die Börse zu bringen, ohne den langwierigen und teuren Prozess eines traditionellen Börsengangs (IPO) durchlaufen zu müssen. Dabei sucht das private Unternehmen in der Regel nach einem börsennotierten Unternehmen, das - wie im Falle von Perrot Duval - praktisch kein aktives operatives Geschäft mehr aufweist. Solche Unternehmen nennt man oft «Mantelgesellschaft» oder «Börsenmantel». 

Was sind die Hintergründe bei Perrot Duval?

Für die Aktionäre von Perrot Duval dürfte dies eine Erlösung sein, nachdem im April 2025 ein Verkauf an Investoren aus dem Nahen Osten gescheitert war.

Die Aktie dümpelte an der SIX mit einer Börsenkapitalisierung von 5 bis 15 Millionen Franken über die Jahre vor sich hin. Mit der Bekanntgabe des Reverse Takeovers durch Infomaniak nahm der Titel an der Börse Fahrt auf und der Kurs stieg um mehr als das Doppelte auf 115 Franken. 

Wie ist die Transaktion strukturiert?

Perrot Duval übernimmt 100 Prozent von Infomaniak im Tausch gegen neu ausgegebene Aktien. Infomaniak wird mit 200 Millionen Franken bewertet, verglichen mit rund 10,3 Millionen Franken von Perrot Duval zum Zeitpunkt der Prospektausgabe Anfang September. Die bisherigen Aktionäre von Infomaniak - sprich die Infomaniak-Stiftung, Gründer Boris Siegenthaler und einige Mitarbeitende - werden die grosse Mehrheit am fusionierten Unternehmen halten. Im Zuge der Börsennotierung wird kein neues Kapital aufgenommen. Das Ziel der neuen Aktionäre ist der künftige Zugang zu den öffentlichen Kapitalmärkten. 

Gleichzeitig veräussert Perrot Duval seine verbleibenden industriellen Aktivitäten im Rahmen eines Management-Buy-outs der Füll Process Group, sodass die börsennotierte Gesellschaft als «saubere Hülle» zur Verfügung steht.

Wieso ist die Aktionärsstruktur speziell?

Infomaniak nutzt eine geteilte Aktienstruktur («Dual-Class»). Einerseits gibt es frei gehandelte B-Aktien für das Publikum und andererseits nicht börsennotierte A-Aktien mit erhöhten Stimmrechten, die vollständig von der Infomaniak-Stiftung gehalten werden. Die Stiftung behält die stimmrechtliche Mehrheit - Stand gemäss Prospekt sind es 63,3 Prozent - und kann die A-Aktien nicht frei veräussern. Damit sind die Mitsprachemöglichkeiten der Publikumsaktionäre arg eingeschränkt.

Wer führt die Firma?

Das Management von Infomaniak übernimmt das Steuer. Marc Oehler bleibt CEO, René Luria Chief Technology Officer (CTO) und der Gründer Boris Siegenthaler Chief Information Officer (CIO). 

Wie viel Umsatz und Gewinn erzielt Infomaniak?

Infomaniak meldete für 2025 einen Umsatz von 54,2 Millionen Franken nach 47,6 Millionen Franken im Jahr 2024. Im ersten Halbjahr 2026 belief sich der Nettoumsatz aus Waren und Dienstleistungen auf 31,0 Millionen Franken (+16,2 Prozent). Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) steht bei 11,6 Millionen Franken (+14,9 Prozent).

Der Nettogewinn für das erste Halbjahr 2026 wurde mit 3,5 Millionen Franken angegeben, bei einer operativen Marge von über 35 Prozent. Insgesamt beschäftigt der Cloud- und Informatikdienstleister mehr als 300 Mitarbeitende und zählt rund 300'000 zahlende Kunden in Europa.

Ist die Bewertung angemessen?

Die Aktie wird zum Neunfachen des Ebitda gehandelt. Das ist im internationalen Vergleich unter den Cloudanbietern mit 13 bis 15 Mal verhältnismässig günstig. Günstig ist die Firma trotzdem nicht. Der Ausbau der Rechenzentren muss noch finanziert werden, was im schlimmsten Fall die Aktienanteile verwässert. Es scheint deshalb ratsam, vorerst an der Seitenlinie abzuwarten. 

Wie viele Aktien können die Altaktionäre verkaufen?

Die Gründer und Mehrheitsaktionäre der Infomaniak haben eine Lock-up-Verpflichtung von zwölf Monaten für die kotierten Aktien unterzeichnet. Diese beabsichtigen aber, je nach Marktbedingungen und Kursentwicklung bis zu 20 Prozent der Aktien während dieser Frist im Rahmen der vorgesehenen Ausnahmen zu veräussern. Das erhöht die Liquidität der Aktie. Allerdings könnte dies die Valoren nach dem IPO kurz- bis mittelfristig unter Druck setzen, weshalb Abwarten auch aus dieser Perspektive sinnvoll erscheint. 

Wie erfolgreich sind Reverse Takeovers?

Börsengänge von nicht kotierten Firmen haben eine lange Tradition. 2009 nutzte das private dänisch-schweizerische Biotech-Unternehmen Evolva die Gelegenheit und übernahm die Hülle der börsenkotierten Arpida. 2016 ging das einst umschwärmte Biotechunternehmen Cytos Biotechnology in Kuros Biosciences auf. Im selben Jahr schlüpfte das Genfer Start-up Relief Therapeutics, das heute unter dem Namen Mindmaze notiert ist, in den Börsenmantel von Therametrics. 

Zwei dieser drei Biotech-Deals endeten als Totalausfall. Einzig die Aktie von Kuros notiert über dem Preis vor dem Zusammenschluss. Evolva wurde 2023 liquidiert, während es mit den Kursen von Relief respektive Mindmaze um mehr als 90 Prozent in den Keller ging. Ebenfalls keinen Mehrwert für die Aktionäre schaffte die Verschmelzung von Schmolz+Bickenbach mit Swiss Steel im Jahre 2013.

Dagegen entpuppten sich die beiden letzten Transaktionen als wahre Kursraketen. 2021 ging die VT5 Acquisition Company als Mantelgesellschaft - sogenanntes Special Purpose Vehicle oder kurz SPAC - an die Schweizer Börse. Es war eine reine Mantelgesellschaft, die nach einer Übernahme suchte und beim Trafospezialisten R&S Group fündig wurde. Seit Lancierung vor drei Jahren resultiert ein Kursplus von 17 Prozent. Zwischenzeitlich hatte sich der Titel gar vervierfacht.

Beim vorerst letzten Reverse Takeover an der SIX ging der Milchverarbeiter Hochdorf in Centiel, einem Systemhersteller für eine unterbrechungsfreie Strom- und Notstromversorgung, auf. Seit dem Abschluss der Transaktion Ende April 2026 zog der Titel um fast 50 Prozent an. 

Thomas Daniel Marti
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