Reto Ringger - Globalance-CEO: «Banken stehen bei Zukunftsthemen noch am Anfang»

Für Reto Ringger sind Rendite und ein gutes Gewissen kein Widerspruch. Der CEO der Globalance Bank äussert sich im cash-Interview über Nachhaltigkeit, Versäumnisse der Banken und den Vorbild-Charakter von Nestlé und ABB.
11.04.2018 22:31
Interview: Marc Forster
Reto Ringger gründete 2011 mit Partnern den Vermögensverwalter Globalance.
Reto Ringger gründete 2011 mit Partnern den Vermögensverwalter Globalance.
Bild: zvg.

cash: Herr Ringger, haben die Wirtschaft und die Finanzbranche den Begriff Nachhaltigkeit nicht längst überstrapaziert? Ist es nicht auch schlicht ein Hype?

Reto Ringger: Ja, leider hat man diesen Begriff verwässert. Er hat stark an Glaubwürdigkeit verloren. Viele machen etwas zu diesem Thema und bezeichnen das dann als nachhaltig. Wenn zum Beispiel jemand wie die Modedesignerin Stella McCartney diesen Begriff verwendet und umsetzt, dann macht sie das höchst professionell und glaubwürdig. Wenn aber zum Beispiel Marken wie Gucci oder Prada diesen Begriff verwenden, dann geschieht das eher im Marketing und wird noch wenig konsequent angewandt. In Politik, Gesellschaft und Wirtschaft hat der Begriff der Nachhaltigkeit wegen solcher Beispiele an Glaubwürdigkeit eingebüsst.

Wie positionieren Sie unter dem Begriff Nachhaltigkeit eine Bank am Markt und wie ziehen Sie Kundengelder an?

Wir beschäftigen uns nun schon seit 24 Jahren mit diesen Themen und Anlagestrategien. Heute stellen wir bei vielen Privatkunden, Stiftungen und Familien ein steigendes Interesse fest. Zumal sich mittlerweile ja auch herumgesprochen hat, dass die Anlageperformance von diesen Anlagen sehr gut ist. Unsere Kunden sind zwar bezüglich Alter, Geschlecht oder Beruf sehr unterschiedlich, interessieren sich aber für Zukunftsthemen und vor allem für eine positive Zukunft.

Wer ist typischerweise Kunde bei Ihnen?

Globalance betreut Kunden, die eine marktgerechte Rendite und eine positive Wirkung mit dem Vermögen erzielen wollen. Das sind bei uns überdurchschnittlich viele Frauen, Erben oder auch die jüngere Generation.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Kürzlich konnten wir eine Kundin gewinnen, die von einer Grossbank zu uns kam und nur noch Anlagen mit stark positivem Footprint (Auswirkung einer Anlage auf Umwelt und Gesellschaft, Anm. der Red.) wünscht. Dies im Sinne einer ausgewogenen Portfolio-Konstruktion umzusetzen ist aber nicht immer einfach. Wir wollen der Kundin ja ein optimales Portfolio bezüglich Rendite, Risiko und Footprint erstellen und müssen den Kundinnen und Kunden manchmal diese Abhängigkeiten gut erklären.

Kunden bei Globalance müssen etwa eine halbe Millionen Franken Vermögen mitbringen. Macht dies Nachhaltigkeit nicht nach wie vor zu einem Eliten-Thema?

Nein, das ist es nicht. Wir haben auch viele kleinere Kunden, die mit einem Fonds bei Globalance investiert sind. Dieser Fonds hat eine ausgewogene Anlagestrategie und man kann sich bereits mit 100 Franken daran beteiligen.

Anlagen eingehend auf den Nachhaltigkeitsaspekt zu prüfen braucht Expertise, Spezialisten, spezielle Software. Werden diese Investments nicht automatisch teuer?

Wir prüfen die Anlagen nicht auf Nachhaltigkeit, sondern auf die Zukunftsfähigkeit. Konkret interessiert uns weniger ob BMW eine gute Betriebsökologie hat, sondern in erster Linie, welche Produkte diese Firma anbietet und welche Wirkung diese Produkte auf die Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt haben. Diese Analysen sind zwar aufwendig, aber unsere Gebühren sind nicht höher als bei anderen Anbietern.

Aber wenn gesellschaftlich etwas bewegt werden soll, müssten Nachhaltigkeits-Investments nicht mehr verbreitet werden als sie heute sind?

Das Angebot ist sehr gross, wenn auch qualitativ sehr unterschiedlich. In der Schweiz sind mehrere tausend Anlagefonds erhältlich und etwa 200 bis 300 davon bezeichnen sich als nachhaltig oder sind Themenfonds. Wenn diese Produkte wenig wahrgenommen werden, kann es daran liegen, dass die Banken diese zu wenig ins Schaufenster stellen.

Da Sie Fonds betonten: Setzt diese Art von Investieren aktives Management voraus?

Aus meiner Sicht macht das am meisten Sinn. Es gibt zwar entsprechende ETF (Exchange Traded Fund oder börsenkotierter Indexfonds, Anm. der Red.), aber ein ETF schaut sich Bewertung, Zukunftsfähigkeit oder wie sich Unternehmen verbessern nicht an. Ein Aktien-ETF kauft wegen der Regeln der Marktkapitalisierung die teuren Aktien und gewichtet diese dann noch hoch. Das ist ein Risiko in Korrekturphasen. Ausserdem ist ein ETF kein 'aktiver' Aktionär, was aus meiner Sicht ebenfalls ein Risiko darstellt. Das Aktionariat anonymisiert sich dadurch zusehends.

Ihre digitale 'Footprint-Map' sortiert Anlagen punkto Zukunftsfähigkeit. Ihre Portfolios lassen dabei auch einen gewissen Anteil mit einem tiefen Footprint zu. Wie tolerant wollen Sie da sein?

Teilweise müssen wir aus Diversifikationsüberlegungen Anlagen halten, die einen tiefen Footprint aufweisen. So halten wir aktuell etwa fünf Prozent physisches Gold. Das ist aus ökologischer Sicht nicht gut. Aber wenn wir diese Anlageklasse halten wollen, müssen wir in diesen sauren Apfel beissen. Allerdings sind wir die Ersten, wenn es physisches Gold oder einen Gold-Fonds geben sollte, der einen ökologisch vorbildlichen Abbau garantiert. Aber das gibt es derzeit für Finanzinvestoren nicht.

Bei Aktien gibt es mehr Auswahl. Können Sie da besser selektionieren?

Die Auswahl ist sehr gross. Allerdings sind auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Unternehmen gross. Wir sind im Geschäft von Rendite und Risiko und unser Kunde will nicht nur einen guten Footprint, sondern vergleicht unsere Leistung auch mit dem Angebot anderer Banken. So ist zum Beispiel Tesla eine tolle Firma, aber extrem hoch bewertet, was ein hohes Risiko bedeutet. Andere Unternehmen mögen von der Wirkung her interessant sein, bieten aber schlicht zu wenig Rendite.

Heben sich börsenkotierte Schweizer Unternehmen bei Umwelt- und Sozialstandards im Vergleich mit anderen Ländern ab?

Es gibt einige Unternehmen in der Schweiz, die sich sehr proaktiv mit den globalen Herausforderungen auseinandersetzen und führend sind. ABB zum Beispiel entwickelt die Smart Grids für die Energiewende und entwickelt Lösungen für das Internet der Dinge. Auch Nestlé setzt sich zum Beispiel proaktiv mit dem hohen Zuckergehalt der Nahrungsmittel auseinander und ist im Branchenvergleich damit fortschrittlich.

Aber gerade Nestlé hat landläufig einen eher schlechten Ruf, was Nachhaltigkeitsthemen betrifft.

Nestlé hat natürlich viele Herausforderungen, beschäftigt sich aber intensiv mit diesen Themen. Vor wenigen Tagen hat Nestlé-Präsident Paul Bulcke in einem Interview noch einmal betont, dass der Konzern strategisch den Einsatz von Zucker reduziere. Nestlé ist ein grosser Tanker, der sich nicht allzu schnell verändern kann. Es laufen dort viele Initiativen und gerade auch solche Konzerne haben einen Hebel, wenn sie etwas ändern.

Können Sie Unternehmen nennen, die Ihre Kriterien nicht erfüllen?

Die Bau- und Zementbranche beispielsweise ist bezüglich der CO2-Thematik extrem gefordert. Früher war Holcim in diesen Themen sehr proaktiv und in der Branche führend. Durch die Fusion mit Lafarge sind diese Aktivitäten aber verwässert worden. Das Bauwesen insgesamt hat bezüglich Energie und CO2 einen enormen Footprint. Der CO2-Ausstoss ist noch so hoch wie vor 40 Jahren. Aber auch die Bankenbranche hat sich noch nicht sehr stark mit diesen Herausforderungen auseinandergesetzt.

Wo stehen die Banken Ihrer Meinung nach im Abseits?

Die Rückversicherungen zum Beispiel haben enormes Know-how in der Klimafrage aufgebaut. Davon verstehen die Banken noch wenig, obwohl die Klimarisiken zunehmend auch börsenrelevant werden. Das ist ein Risiko, aber auch eine verpasste Chance. Wenn die grossen, institutionellen Investoren dieser Welt Antworten auf diese Anlagefragen suchen, kommen sie nicht in die Schweiz, sondern gehen nach Holland, England, Frankreich oder die USA. Die meisten Banken müssen erst noch das Know-How entwickeln, um diese Herausforderungen zu verstehen und ihre Kunden darin professionell zu beraten.

Sie sind auch Teil des Bankensystems, das heisst, sie müssen mit anderen Banken zusammenarbeiten. Finden sie Banken als Geschäftspartner, die Ihre Kriterien berücksichtigen, oder müssen Sie auch da ein paar Abstriche machen?

Als kleine Bank können wir diese Themen proaktiver angehen. Daher ist es schwierig, ähnliche Banken zu finden. So müssen wir unsere Liquidität und jene der Kunden im Bankensystem bei anderen anlegen. Da ist es manchmal schwierig, Banken zu finden, die in unseren Themen ebenfalls professionell sind, zumal wir ja auch eine gewisse Grösse und Diversifikation voraussetzen.

Globalance schreibt sich neben Umwelt, Gesellschafts- und Zukunftsthemen auch Transparenz auf die Fahnen. Sind Sie transparenter als andere Banken, beispielsweise bei den Kosten?

Die ausgewiesenen Gebühren sind die gleichen wie bei anderen Banken: Wir sprechen da von Kosten, die sich im Jahr auf etwa 1,5 Prozent des investierten Vermögens belaufen, bei höheren Vermögen weniger, bei tieferen Vermögen mehr. Wir setzen aber in der Vermögensverwaltung keine eigenen Produkte ein, was für den Kunden auch ein Kosten- und Performancevorteil sein kann.

Ist die Digitalisierung der Finanzbranche für nachhaltiges und transparentes Banking eine Hilfe, ein Risiko, eine Gefahr oder schlicht ein Werkzeug?

Unter dem Strich glaube ich, dass die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz einen positiven Einfluss auf die Umwelt haben. Bei den Automobilien wird die Sharing Economy, die Digitalisierung und die selbstfahrenden Fahrzeuge dazu führen, dass 80 bis 90 Prozent weniger Fahrzeuge produziert werden und massiv weniger CO2 emittieren. Diese Technologien werden nicht nur die Branche komplett umkrempeln, sondern führen im Vergleich zum Status Quo auch zu einer ökologisch tieferen Belastung.

Wo werden künstliche Intelligenz und die Digitalisierung sonst den Ressourcenverbrauch senken?

In der Landwirtschaft zum Beispiel: Wenn der Bauer nicht mehr flächendeckend bewässern oder düngen muss, weil ihm die Drohne anzeigt, wo wirklich Bedarf besteht, spart er massiv Ressourcen. Oder wenn wir Möbel, Häuser oder Mode vor Ort mit dem 3D-Druck selber drucken, reduzieren wir die Transportwege und produzieren weniger Verschnitt und Abfall.

Aber ist all das investierbar, jetzt oder in der Zukunft?

Ja, diese Firmen sind teilweise kotiert. Oft kommen solche Impulse zur Veränderung aber auch von kleineren, noch privat gehaltenen Firmen. Diese werden dann von grösseren Unternehmen aufgekauft. Solche spannenden Investitionsmöglichkeiten zu finden ist aber gerade unsere Aufgabe als Vermögensverwalter.

Sie sind eine junge Bank, stehen in Konkurrenz zu etablierteren Instituten, beobachten aber wie alle den Wandel, der massgeblich durch die Digitalisierung geprägt ist. Was sind ihre Beobachtungen in der Branche?

Im Unterschied zur Musik-, Medien- oder Telecom-Branche steht die Finanzindustrie noch ganz am Anfang. In unserer Branche gibt es sehr viele 'me-too'-Produkte. Die Banken sind aus Kundensicht sehr vergleichbar. In der Uhren- oder Modeindustrie zum Beispiel hat der Kunde eine viel grössere Auswahl von ganz unterschiedlichen Konzepten und Angeboten.

Was bedeutet dies für die Banken?

Ich glaube, dass die zunehmende Digitalisierung - unter anderem - die Performance zu einer einfachen Handelsware macht und die meisten Banken sich diesbezüglich nicht mehr unterscheiden werden. Eine News oder eine Information ist heute ja auch austauschbar und kostenlos geworden. Auch bei den Banken wird vieles kostenlos werden und in so einem Umfeld wird es 'me too' sehr schwer haben. Es wird in unserer Branche vielleicht einige ganz wenige Grossanbieter - analog Amazon - geben und daneben noch kleinere Spezialgeschäfte. Die Anbieter dazwischen werden es aus meiner Sicht sehr schwer haben.

Wie sieht der Schweizer Bankenplatz in 20 Jahren aus?

All diese Entwicklungen zu antizipieren ist schwierig. Am Markt halten kann man sich wohl einerseits, wenn man sehr gross ist und die Kostenführerschaft hat. Oder man bietet den Kunden etwas an, was andere nicht haben oder bei dem man sehr kompetent ist. Zudem wird auch unsere Branche von 'Branchenfremden' angegriffen werden: Bei Amazon zum Beispiel kann ich als grösserer Anbieter auf der Plattform schon heute einen Kredit erhalten. Und Amazon kennt Zahlen, Cash-Flow, oder Umsätze der Kunden ja sehr genau und kann Kreditentscheide in Sekundenbruchteilen machen.

Beinhalten diese Entwicklungen auch die grosse Chance für Spezialisten wie Globalance?

Ja, davon sind wir überzeugt. Man hat untersucht, welche von den vier Faktoren Strategie, Team, Finanzen oder Timing für den Erfolg einer jungen Firma am wichtigsten sind. Das Timing ist mit Abstand das Wichtigste. Das Timing für unser Angebot und unsere Positionierung ist aktuell sehr gut.

Reto Ringger (54) hat seit dem Studium im Bereich der Wirtschaftswissenschaften in Zürich in der Finanzbranche gearbeitet und widmet sich seit über zwei Jahrzehnten dem Thema nachhaltiges und zukunftsorientiertes Anlegen. 1995 gründete er die SAM Group und lancierte mit Dow Jones zusammen den Dow Jones Sustainability Index. Die SAM Group wurde 2008 von Robeco übernommen.

Ringger ist Mitglied des Club of Rome und war 2012 bis 2016 Präsident des Stiftungsrates von WWF Schweiz. Die Globalance Bank besteht seit 2011, wird mehrheitlich von den Gründern und weiteren privaten Aktionären gehalten und beschäftigt 20 Mitarbeiter. Die Privatbank betreut aktuell Vermögenswerte von 700 Millionen Franken. In den vergangenen fünf Jahren stiegen die Kundenvermögen jährlich um jeweils 42 Prozent. Fast die Hälfte der Kunden sind Frauen, was über dem Durchschnitt der Schweizer Banken liegt.