cash.ch: Herzlichen Glückwunsch zum Sieg beim cash-Börsenspiel, Frau Obimo. Legen Sie den Gewinn von 10'000 Franken nun an, oder geben Sie das Geld aus?
Lillian Obimo: Offen gesagt, waren die vergangenen Wochen mit dem Börsenspiel sehr anstrengend. Deshalb möchte ich es nicht anlegen, sondern das Geld wieder in Umlauf bringen und etwas Schönes erleben. Mein Partner freut sich bestimmt auch darauf.
Hatten Sie darauf gehofft, das Spiel gewinnen zu können?
Nein, nicht mal in meinen kühnsten Träumen habe ich mir das vorstellen können. Da waren so viele Teilnehmer und sicherlich viele Profis. Und jetzt, wo es tatsächlich wahr geworden ist, kann ich es weiterhin nicht glauben. Ich hatte wohl sehr viel Glück.
Es scheint aber, Sie hätten wie ein Profi gehandelt.
Ich habe mir eine Strategie ausgedacht und diese dann konsequent umgesetzt. Die geopolitische Lage fand ich zu Beginn des Börsenspiels mit dem Iran-Krieg sehr beunruhigend und instabil. In Anbetracht dessen erwartete ich, dass die grossen SMI-Titel bestimmt zeitnah unter Druck kommen würden. Deshalb konzentrierte ich mich auf Schweizer Nebenwerte wie Bioversys, Forbo, Gurit oder Newron.
Wie haben Sie die Small und Mid Caps ausgewählt?
Einerseits habe ich die News auf cash.ch gelesen, oder über Chats und Unternehmensnachrichten weitere Informationen beschafft. Das war die Vorbereitung. So konnte ich dann auch vermeiden, Aktien vor anstehenden Quartalszahlen oder Dividendenabgängen zu kaufen. Ebenso habe ich Aktien mit negativen Schlagzeilen strikt vermieden.
Sie haben also bewusst auf Nebenwerte in einem positiven Umfeld gesetzt?
Ein positives Umfeld war nicht unbedingt das Wichtigste. Im Gegenteil, bei negativen
Vorzeichen konnte ich die Aktien günstiger kaufen. Entscheidend waren die Volatilität
und der Spread. Ich habe bewusst Aktien gesucht mit grossem Spread, weil ich dachte, damit Gewinne zu machen. Wenn ich dann drei bis fünf Prozent Gewinn pro Trade erwirtschaften könnte, wäre es schon mal gut.
Die Strategie mit einer Haltefrist von einem bis zu drei Tagen hat sich ausbezahlt.
Richtig. Zudem versuchte ich bei jeder Transaktion, den möglichen Höchstbetrag einzusetzen, um die Erträge zu maximieren.
Sie sind sehr diszipliniert vorgegangen.
Das habe ich gemacht, aber das funktionierte nur, weil es nicht mein eigenes Geld war. Jedes Mal, wenn eine Aktie in meinem Portfolio ins Minus rutschte, habe ich diese sofort abgestossen und dabei auch kleine Kursverluste in Kauf genommen. Danach konnte ich befreiter agieren, denn ich hatte keine Leiche im Keller, die mich nur Liquidität gekostet hätte.
Weshalb haben Sie auf Day-Trading im Börsenspiel gesetzt?
Weil es eher meiner Natur entspricht. Es war viel spannender als kaufen und liegenlassen. Ich war mir sicher, mit dieser Strategie viel mehr zu verdienen.
Und die Emotionen. Wie konnten Sie diese bei dieser kurzen Haltedauer über das ganze Spiel im Griff halten?
Um ehrlich zu sein, ist es mir nur am Anfang gelungen. Gegen Ende des Spiels, als ich plötzlich merkte, dass ich tatsächlich gewinnen könnte, wurde ich nervös. Da habe ich angefangen, auch meine direkten Gegner zu studieren. Irgendwann musste ich die Emotionen wieder beiseiteschieben und mich auf meine bewährte Strategie konzentrieren. Ich war mit dieser schon so gut gefahren, und so blieb ich dabei.
Könnte die Strategie auch in ihrem persönlichen Portfolio funktionieren?
Ich bin mir nicht sicher, ob diese Strategie an der realen Börse tatsächlich umsetzbar wäre. Während beim Börsenspiel die Psychologie eine untergeordnete Rolle spielt, ist sie im 'wahren Leben' der entscheidende Punkt.
Das psychische Problem fängt dann an, wenn die Märkte gegen einen laufen.
Ich hatte viel Glück, dass die Börsen ab Mitte März wieder anzogen. Zudem war ich nicht zu gierig. Kleinere Gewinne waren mir lieber als grössere Verluste. Die klassische Risikoaversion. Das funktioniert aber nur, wenn man diese kleinen Gewinne konstant in der Breite mitnehmen kann.
Auf dem Papier ging Ihre Strategie wunderbar auf. Sie haben aber auch sehr viel Zeit investiert.
Ohne Zeit und Disziplin kann man beim Day-Trading nicht bestehen. Das ist auch der Nachteil dabei, denn man muss durchgehend am Ball bleiben. Wer langfristig investiert, hat das Problem nicht. Er kann abwarten und schlechtere Phasen aussitzen. Aber beim Börsenspiel von cash.ch konnte man das nicht, wenn man vorne mitspielen wollte.
Welche wichtigen Erkenntnisse haben Sie nach diesen zwei Monaten Börsenspiel gewonnen?
Das Wichtigste ist wohl: Man sollte die Gier nicht auf die Spitze treiben, auch wenn es in der Natur des Menschen liegt, immer mehr zu wollen. Man sollte Gewinne auch mal mitnehmen, selbst wenn sie klein sind. Das ist gut fürs Selbstvertrauen. Für mich war der Einstiegspunkt beim Kauf das Wichtigste. Den höchsten Verkaufspreis erwischt man ohnehin nie.
Seit wann sind Sie am Börsengeschehen interessiert?
Seit etwa 10 Jahren. Mein Partner hat sich schon immer dafür interessiert und mit der Zeit habe ich auch Gefallen daran gefunden.
Und was hat Sie überhaupt motiviert, am Börsenspiel mitzumachen: Ihr Wissen oder die Neugier?
Sowohl als auch. Ich hatte die Möglichkeit, mein 'bescheidenes' Wissen in die Tat umzusetzen, ohne mein eigenes Geld zu riskieren. Das fand ich super toll. Da habe ich gedacht, da muss ich mitmachen.

