Sind Doppel-Präsidenten noch zeitgemäss?

Jörg Wolle wird ab 2017 VR-Präsident von DKSH und Kühne+Nagel. Solche Doppel-Mandate werden immer rarer und machen laut Aktionärsberatern nur in wenigen Fällen Sinn.
02.03.2016 15:58
Von Ivo Ruch
Wieviel Belastung verträgt ein Manager?
Wieviel Belastung verträgt ein Manager?
Bild: iNg

Eine Rochade, die aufhorchen lässt: Jörg Wolle wird ab Mai Präsident des Verwaltungsrates des Logistikunternehmens Kühne+Nagel. Im Laufe des kommenden Jahres wird Wolle zudem das VR-Präsidium von DKSH übernehmen, wo er derzeit noch CEO ist.

Dann gehört der Deutsche zur zusehends aussterbenden Spezies der Doppel-Präsidenten. Bei grossen Firmen, die an der Schweizer Börse kotiert sind, hat einzig Rolf Dörig ein solches Zweifach-Mandat: Bei Swiss Life und Adecco. Weitere Beispiele sind Alexander von Witzleben (Feintool und AFG) und Philipp Buhofer (Kardex und Cham Paper Group).

Die neuen Jobs von Wolle laufen gegen den Trend: "Wir stellen bei solchen Doppel-Mandaten eine abnehmende Tendenz fest, weil der Zeitaufwand und die Professionalisierung für Chairman-Posten zunimmt", sagt Vincent Kaufmann, Direktor des Aktionärsberaters Ethos, auf Anfrage von cash. Ethos akzeptiert höchstens zwei Mandate als Präsident des Verwaltungsrates.

Chancen und Risiken

Die beiden Konzerne sind zwar keine direkten Konkurrenten. Kühne+Nagel ist ein Speditions- und Logistikkonzern mit Fokus auf die See- und Luftfracht. DKSH hingegen ist im Bereich Marktexpansion in Asien tätig, wobei Hersteller verschiedenster Güter bei Vermarktung und Vertrieb unterstützt werden. Doch in einem weiteren Sinn sind beide Firmen Handelsunternehmen.

Deshalb wirft die Ämterkumulation auch Fragen auf. Zum Beispiel, ob das aus Aktionärssicht ein Unabhängigkeitsproblem darstellt. Kann ein VR-Präsident seine Aufsichtsfunktion ungebunden wahrnehmen, wenn er gleichzeitig Chef eines indirekten Konkurrenten ist?

"Die Erfahrung von Jörg Wolle kann man als Chance sehen", sagt Christophe Volonté von der Nachhaltigkeitsratingagentur Inrate auf Anfrage. Das Risiko bestehe aber, dass unternehmerische Risiken unbemerkt bleiben könnten. "Sollte es einen akuten Interessenkonflikt geben, müsste er in den Ausstand treten", so Volonté.

Zeitaufwand variiert

Auch Ethos achtet bei der Beurteilung von Personalentscheiden auf die Kriterien Unabhängigkeit, Kompetenz und Verfügbarkeit. Gerade der Zeitaufwand kann kritisch hinterfragt werden. Laut Schätzungen nimmt ein normales VR-Mandat jährlich 3 Wochen Zeit in Anspruch, im Falle eines Präsidenten dürfte es noch mehr sein.

Für einen vielbeschäftigten CEO eines Milliardenunternehmens ist das nicht zu unterschätzen. Gerät eine Firma in Schieflage, steigt der Aufwand rasch. Jörg Wolle weiss das aus eigener Erfahrung. Er sass im Verwaltungsrat der UBS, als diese durch die Finanzkrise schlitterte. 2009 verliess er das Gremium.

Stärker verbreitet als das Amt des Doppel-Präsidenten ist die Kombination CEO und Präsident im selben Unternehmen. Im Swiss Performance Index (SPI) kommt das noch 17 Mal vor, wobei Ernst Tanner als CEO und VR-Präsident von Lindt&Sprüngli das bekannteste Beispiel ist.

Zudem gibt es viele Manager in der Schweiz, die bei mehreren Gesellschaften Teil des Führungsteams sind, zum Beispiel in der Geschäftsleitung des einen und im Verwaltungsrat des anderen Unternehmens: Roche-CEO Severin Schwan ist auch VR bei der Credit Suisse.

Aktionärsvertreter und Stimmrechtsberater üben diesbezüglich auch immer wieder Kritik. Bei DKSH wurde beispielsweise schon bemängelt, dass die Mitglieder der Geschäftsleitung eine zu hohe Anzahl (sieben) externer VR-Mandate annehmen dürfen.

Der Prototyp eines Ämtersammlers

Auch Kühne+Nagel wurde schon wiederholt getadelt. Zuletzt aufgrund der Lohnpolitik. So verdiente VR-Präsident Karl Gernandt, Wolles Vorgänger, im Jahr 2014 knapp 4,3 Millionen Franken. Das war 19 Mal mehr als der durchschnittliche Lohn der anderen Kühne-Verwaltungsräte. Diese Summe sei exzessiv, sagte ein Ethos-Vertreter in diesem Zusammenhang zum "Tages-Anzeiger".

Prototyp eines Schweizer Ämtersammlers war Rolf Soiron. Der Basler präsidierte zwischen 2005 und 2010 gleich drei grössere Firmen: Holcim, Nobel Biocare und Lonza, wo er immer noch im Amt ist. Zeitweise führte er Lonza auch noch als CEO. "Soiron war ein negatives Beispiel", sagt Ethos-Direktor Kaufmann. Und Inrate-Experte Volonté ergänzt: "Grundsätzlich sollte die Corporate Governance auf das Unternehmen und die Unternehmensstrategie angepasst sein. So kann eine solche Situation durchaus dem Aktionär Mehrwert bringen."

Die Sesselwechsel-Meldung von Jörg Wolle wurde heute Mittwoch zusammen mit den Geschäftszahlen von Kühne+Nagel publiziert, die insgesamt im Rahmen der Erwartungen ausfielen. Die Aktien der beiden betroffenen Unternehmen verlieren bis am Mittag in einem positiven Gesamtmarkt je 0,7 Prozent.