Small und Mid Caps - Schweizer Aktien mit «Wahnsinns-Lauf» sind am Korrigieren

Aktien aus dem Bereich Small und Mid Caps, die 2017 erneut stark zugelegt haben, erleiden seit einigen Wochen zum Teil deutliche Rückschläge. Ist das bloss eine kurze Korrektur? Oder sollen Anleger Gewinne realisieren?
04.07.2017 06:48
Von Marc Forster
Bei Schweizer Aktien wurden zuletzt Gewinne ausradiert.
Bei Schweizer Aktien wurden zuletzt Gewinne ausradiert.
Bild: Pixabay

Der SPI Extra, der den breiten Markt abbildet und die Grosskonzern-Aktien ausklammert, hat im laufenden Jahr 19,8 Prozent zugelegt. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre legte der Index um gut 40 Prozent zu. Schaut man fünf Jahre zurück, hat sich der Kurs des SPI Extra mehr als verdoppelt.

In den vergangenen Wochen stockt der Aufstieg aber ziemlich. Seit Mitte Mai bewegt sich dieser Index nur noch seitwärts. Bei einer ganzen Reihe von Einzeltiteln ist die Entwicklung vielfach negativ. Ein Börsenliebling wie die VAT-Gruppe hat an der Börse den Kurs seit Jahresanfang um 41 Prozent gesteigert, fällt aber seit Mitte Mai um 10 Prozent zurück. Beim Schraubenspezialisten Bossard beträgt der Kurszuwachs seit 1. Januar 36 Prozent, verglichen mit Mitte Mai ergibt sich aber ein Minus von 3 Prozent.

Der SPI Extra seit Anfang Januar (Grafik: cash.ch)

Dass am Markt seit einigen Wochen eine Korrektur stattgefunden hat, zeigen auch die Performance-Werte der Industriegruppe Bucher, des Pharmazulieferers Siegfried oder des Zahntechnikers Straumann. Auch beim Halbleiterhersteller AMS zeigt die Aktie nach einer massiven Kurssteigerung Schwächen. Daneben fällt mit SFS, Schweiter, Coltene, Carlo Gavazzi sowie Ems-Chemie und Gurit eine Reihe von Aktien auf, die stark gestiegen sind und deren Höhenflug trotz einiger Wackler noch ungebremst ist (siehe Tabelle).

Korrektur oder Seitwärtsbewegung?

Am Markt kommt diese Entwicklung im Segment der klein und mittelgross kapitalisierten Werte nicht ganz unerwartet: "Small und Mid Caps liefen lange sehr gut", sagt Analyst Patrik Schwendimann von der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Daher sei es nichts als normal, wenn eine Konsolidierung eintrete, vor allem angesichts teilweise hoher Bewertungen.

Roland Egger, Investmentspezialist bei Lombard Odier, nuanciert bei der Beurteilung der jüngsten Kursentwicklungen: "Nach einem Wahnsinns-Lauf für die Small und Mid Caps sehen wir nun eine Konsolidierung, oder im positiven Fall, eine Seitwärtsbewegung."

Small und Mid Caps mit und ohne Korrektur seit Mitte Mai

Aktie Performance seit 1.1. 2017 (in Prozent) Performance seit 15.5. 2017 (in Prozent)
U-Blox -6 -15,1
VAT Group +40,5 -10,1
Bucher +20,3 -6,5
Siegfried +27,1 -4,5
AMS +115,4 -4,2
Bossard +35,6 -2,7
Straumann +37,2 -1,5
SFS +30,9 +1,8
Schweiter +8,3 +2
Coltene +35,5 +4,1
Carlo Gavazzi +41,6 +5,1
Ems-Chemie +36,6 +6,2
Gurit +42,2 +22,6

Tabelle: cash.ch (Zahlen vom 3. Juli 2017)

Für Anleger stellt sich indessen die Frage, ob langsam der Gedanke an Gewinnmitnahmen im Raum steht. Eine generelle Antwort geben die Analysespezialisten nicht. "Bei jedem Unternehmen  muss man überprüfen, ob das künftige Gewinnmomentum schon vollständig in den Kursen enthalten ist oder ob es noch Raum für positive Überraschungen lässt", sagt Patrik Schwendimann von der ZKB. Bezüglich Gewinnmitnahmen müssten Anleger aber auch schauen, dass sie nicht zu früh aussteigen. "Das ist ein typischer Fehler", so Schwendimann.

Laut Roland Egger braucht es noch einiges, bis von einer neuen Richtung des Marktes gesprochen werden kann: "Ich sage nicht, dass man nun auf breiter Front verkaufen soll. Ich sehe derzeit keine ausgeprägt negative Faktoren, die für deutliche Kursverluste sorgen könnten." Allenfalls Negativ-Meldungen aus China oder eine verschleppte Steuerreform in den USA könnten die Stimmung belasten, so Egger. Derzeit seien die meisten Unternehmen positiv gestimmt. "Was über die nächste Zeit passieren kann, ist eine Rotation von hochzyklischen Titeln weg".

Hohe Bewertungen

Ein solcher Titel ist AMS. Anleger müssen sich bewusst sein, dass eine Fortsetzung der Halbjahresperformance, die mehr als die Verdoppelung des Börsenwertes mit sich brachte, nicht mehr drinliegt. Die Analysten sind beim Apple-Zulieferer vorsichtiger geworden, und es mehren sich die "Neutral"-Ratings für den Ausrüster von Tablets und Smartphones. Ein besonderer Fall ist auch U-Blox in der gleichen Branche, stark in Sachen "Internet der Dinge".

Der Titel, der zwischen Mitte 2012 und Mitte 2016 die Traum-Performance von 415 Prozent erlebte, bekundet seit längerem Mühe und spürt die Korrektur besonders. Dass die Luft dünn ist, zeigen die Bewertungen der beiden Hightech-Aktien. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei AMS beträgt 64, bei U-Blox liegt es trotz der Kurserosion immer noch bei 26.

Vieles ist eingepreist

Ems-Chemie hingegen legt seit Anfang Jahr um 37 Prozent bisher ungebrochen zu. Der erfolgreiche Spezialkunststoffhersteller ist operativ sehr robust und kann durchaus noch zulegen, solange die meisten Anlagestrategen Aktien bevorzugen. Man muss sich aber auch bewusst sein, dass vieles schon eingepreist ist.

Gurit, wo der Kurs immer noch konstant steigt, erntet weiter Lob aus den Reihen der Analysten: Der Kunststoffentwickler, der vor allem Windräder und Autos ausrüstet, ist dank neuer Aufträge, solider Bilanz und des technologischen Wandels im Aufwind. Aber auch hier dürfte der Markt schon einiges vorweggenommen haben.

Akuter gefährdet sind Aktien, bei denen das Geschäft stark zyklisch ist, und wo die Marktlage schnell drehen kann. Die Industriegruppe Bucher mit Landmaschinen, Kommunalfahrzeugen und Glasbehältermaschinen ist gut geführt und solide finanziert, reagiert aber schnell auf negative Einflüsse. Die Korrektur, die seit einigen Wochen beobachtet wird, könnte sich daher fortsetzen. Bei Coltene, immer noch ein Highflyer, droht die politische und wirtschaftliche Instabilität in Brasilien dem Geschäft zuzusetzen: Der Titel ist wohl am Markt insgesamt zu stark gestiegen, als dass er die derzeitigen Niveaus halten kann.

Und wohin geht die Rotation, von der Roland Egger von Lombard Odier spricht? "Nutzniesser könnten unter anderem kleinere Finanztitel sein", sagt der Stratege. Als Einzeltitel nennt er auch den Industriekonzern Sulzer, den Lombard Odier neu zum Kauf empfiehlt. Diese Aktie sei am Markt mittlerweile zu lange zurückgeblieben.