Am 23. Mai unternahm das Raumfahrtunternehmen SpaceX des Milliardärs Elon Musk mit der neuesten Version seiner Rakete «Starship» einen unbemannten Testflug von Texas aus - mit grossem Erfolg. Für Musk hätte nichts Besseres passieren können mit Blick auf den Börsengang des Unternehmens, der für den 12. Juni geplant ist.
Es steht ein Initial Public Offering (IPO) der Superlative an: SpaceX strebt dabei eine Bewertung von minimal 1,8 Billionen Dollar an. Zusammen mit den erhofften Erlösen von bis zu 80 Milliarden Dollar wäre es weltweit die mit Abstand grösste Erst-Börsennotierung in der Geschichte. SpaceX-Gründer und Milliardär Elon Musk fehlt es dabei nicht an Visionen: Er will Rechenzentren für Künstliche Intelligenz im All betreiben, eine Stadt auf dem Mond errichten und in einem späteren Schritt den Mars besiedeln.
Der drei Tage vor dem Testflug vorgelegte Börsenprospekt vermittelt Anlegerinnen und Anlegern das Geschäftsmodell eines äusserst ambitionierten Unternehmens. SpaceX will sich zu einer vielschichtigen Technologieplattform an der Schnittstelle von Raumfahrt, Telekommunikation, KI und digitaler Infrastruktur entwickeln. Dabei ist das Satelliteninternetgeschäft Starlink weiterhin eines der wertvollsten «Assets» des Unternehmens und generiert Milliarden an wiederkehrenden Einnahmen bei gleichzeitig schnell wachsender globaler Nutzerbasis.
Starlink bedient mittlerweile weltweit über 10 Millionen Abonnenten, was die steigende Nachfrage nach satellitenbasierter Konnektivität in entwickelten und unterversorgten Märkten unterstreicht. «SpaceX hat das Potenzial, die globale Telekommunikation grundlegend zu verändern. Mit ihrem Satellitennetzwerk schaffen sie eine Reichweite, die mit klassischer Infrastruktur kaum möglich ist. Dadurch könnten sie langfristig eine zentrale Rolle im weltweiten Internetmarkt spielen», sagt Audun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager des Fonds «DNB Disruptive Opportunities» bei DNB Asset Management.
Der von SpaceX ins Visier genommene Markt wird von der Firma selber auf 28,5 Billionen US-Dollar geschätzt. Dieser setzt sich wie folgt zusammen: 370 Milliarden Dollar im Bereich Raumfahrt, 1,6 Billionen Dollar im Bereich Konnektivität wie Starlink-Breitband und -Mobile und 26,5 Billionen Dollar bei Unternehmensanwendungen im Bereich der KI.
Der Prospekt zum Börsengang zeigt auch, welch zentrale Rolle Künstliche Intelligenz in Musks Vision einnimmt. Nach der Fusion von SpaceX und xAI Anfang wurde ein vertikal integriertes Ökosystem für KI und Infrastruktur geschaffen, das Satelliten, Chips, Konnektivität und Rechenleistung umfasst. SpaceX verfügt damit über mehrere attraktive Vorteile: Startkapazitäten mit Raketen, Satellitennetzwerke, ambitionierte KI-Rechenleistungen und eine globale Kommunikationsinfrastruktur. Nur wenige Unternehmen weltweit sind in all diesen Bereichen tätig.
Relative Bewertung von SpaceX ist teuer
Für viele Investoren stellt sich deshalb die Frage: Will ich den Spatz in der Hand, oder die Taube auf dem Dach? Ein Vergleich von Nvidia und SpaceX ist aufschlussreich. Interessanterweise erwarten Analysten sowohl für Nvidia als auch für SpaceX in den Jahren 2025 bis 2027 ein nahezu identisches jährliches Umsatzwachstum von 58 respektive 59 Prozent. Nvidia dürfte in diesem Szenario einen Umsatz von 527 Milliarden US-Dollar erzielen, SpaceX nach 18,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 einen von 48 Milliarden Dollar im Jahr 2027.
Dabei basiert das Wachstumsprofil von SpaceX auf dem stetigen Anstieg der weltweiten Abonnentenzahlen von Starlink. Das Wachstumsprofil von Nvidia hingegen basiert auf massiven, konzentrierten Investitionen (Capex) der weltweit grössten Technologieunternehmen. Beide Entwicklungspfade spiegeln den Ausbau der Infrastruktur über Generationen hinweg wider – beim einen im erdnahen Orbit, beim anderen in terrestrischen KI-Rechenzentren.
Wickstrand-Iversen von DNB Asset Management hält die Bewertung von SpaceX für sehr ambitioniert und empfiehlt andere Investments. «Wir finden kleinere Space-Unternehmen wie AST SpaceMobile, Rocket Lab oder Redwire aktuell interessanter.» Der frühe SpaceX-Investor und Gründer von Space Capital Chad Anderson betont zudem, dass SpaceX jetzt ein KI-Unternehmen sei. Investoren zahlten nicht für das heutige Geschäft, sondern für die Plattform, die die orbitale Infrastruktur der nächsten 50 Jahre bestimmt.
Etwas reserviert zeigt sich auch ein zweiter Investor, der früh eingestiegen ist. Mike Alves, Gründer und Fondsmanager des Vida Vision Fund bezeichnete es gegenüber Bloomberg als «schockierend», wie aggressiv das Unternehmen seine KI-Fähigkeiten vermarktet. Für ein Raketenunternehmen sei dies enorm, sagte Alves.
Musk erreicht sein Ziel
Im Gegensatz zu Tesla, wo Elon Musk mittlerweile mit einem Anteil von 20 Prozent ein Minderheitsaktionär ist, hält er bei SpaceX nach dem Börsengang alle Zügel fest in der Hand. Das birgt Chancen wie Risiken. SpaceX wird Aktien mit zwei Stimmrechten haben, wobei die Aktien der Klasse B jeweils 10 Stimmen erhalten. Musk wird 93,6 Prozent der Klasse B und 12,3 Prozent der stimmrechtsschwächeren Klasse A halten. Somit blickt der Vorzeigeunternehmer auf eine Gesamtstimmmacht von 85,1 Prozent.
Musk kann das Unternehmen weiterhin nach seinen Vorstellungen führen und ungewöhnliche Dinge tun, ohne die Aktionäre befragen zu müssen. Investierende müssen ihm vertrauen, und wenn es einem nicht gefällt, können sich die Aktionäre zwar beschweren. An einer Generalversammlung haben diese indessen nur eine Chance, eine Veränderung zu bewirken, wenn Musk dem zustimmt. Aufgrund von Musks Stimmrechtskontrolle ist SpaceX nach Börsenregeln zudem ein sogenanntes «kontrolliertes Unternehmen» und benötigt daher weder eine Mehrheit unabhängiger Direktoren noch einen unabhängigen Vergütungsausschuss.
Zudem kann Musk die Mehrheit des Aufsichtsrats selbst ernennen, ohne die Aktionäre der Klasse A abstimmen zu lassen. Gemäss den aufgelisteten Risikofaktoren im Prospekt können Musk und seine verbundenen Unternehmen nicht daran gehindert werden, Vermögenswerte zu besitzen oder Geschäfte zu betreiben, die direkt oder indirekt mit SpaceX konkurrieren.
Diversifikation bleibt wichtig
Bei Börsengängen ist ein positives Umfeld ein zentraler Punkt für eine positive Entwicklung. Der in diesem Jahr am meisten beachtete Börsengang des amerikanischen Halbleiter- und KI-Konzerns Cerebras Systems ist dabei kein gutes Omen. Das Unternehmen ging Mitte Mai an die US-Börse Nasdaq bei einem Emissionspreis von 350 Dollar. In der ersten Handelsstunde schoss der Titel bis auf 380 Dollar hoch. Seither hat der Titel mehr als 30 Prozent an Wert eingebüsst. Möglich ist, dass auch die Aktie von SpaceX nach einer Anfangseuphorie deutlich an Wert verliert und dann billiger zu haben ist.
Dabei ist unbestritten, dass sich SpaceX über die nächsten 50 Jahre zur Nummer eins im Weltraum entwickeln kann. Wer die Aktien im IPO erwirbt, setzt deshalb auf den «Bonus» Elon Musk. Zur Erinnerung: Die bei 460 Dollar stehende Tesla-Aktie ging Mitte 2010 bei 1,27 Dollar an die Börse. Den Beweis, eine Aktie in neuen Bewertungsstratosphäre zu heben, hat der Unternehmer erbracht. Zumindest in der Anfangsphase. Denn Anleger müssen auch wissen: Die Aktie steht heute - nach einigen Aufs und Abs und bisweilen schwer erklärbaren Entscheiden und Äusserungen von Musk - nur wenig über dem Niveau, das sie schon Ende 2021 erreicht hatte.
Aufgrund der Risiken bei SpaceX dürfte ein Engagement im «Tema Space Innovators ETF» - Tickersymbol NASA - daher sinnvoller sein. Dieser hält bereits 11 Prozent an SpaceX, ist aber auch in Rocket Lab (Anteil 10,7 Prozent), Planet Lab (5,9 Prozent), Intuitive Machine (5,8 Prozent), Firefly (5,5 Prozent), AST SpaceMobile (4,9 Prozent) oder Filtronic (4,8 Prozent) investiert. Diversifikation ist gerade bei Weltraumaktien wichtig, da die Branche von hohen Entwicklungsrisiken, langen Kapitalbindungszeiten und extremer Volatilität geprägt ist. Fehlgeschlagene Raketenstarts, Insolvenzen junger Start-ups oder regulatorische Hürden können bei Einzelwerten zu massiven Verlusten respektive bis zum Totalverlust führen.
Risikoaverse Investoren sollten zudem eher einen Blick auf die etablierten Luft- und Raumfahrtunternehmen werfen. Das Verhältnis des Umsatzes zur Börsenkapitalisierung (P/S) ist bei Airbus (3), Lockheed Martin (2,5), Northrop Grumman (1,9) oder Boeing (1,8) wesentlich tiefer als bei Tesla mit 98. Wer nur auf SpaceX abzielt, geht das Risiko von sehr hohen Kursschwankungen ein. Ein Engagement zu zwei Dritteln im «Tema Space Innovators ETF», ergänzt durch Einzeltitel, erscheint als sinnvollere Strategie.

