Überraschend starke Konjunkturdaten und ein Rückgang beim Ölpreis haben die Stimmung an den Börsen aufgehellt. Der deutsche Leitindex Dax notierte am Dienstag gegen Mittag fast ein ‌Prozent höher bei 26'324 ⁠Punkten. Der EuroStoxx50 rückte um gut ein halbes Prozent auf 6485 Zähler vor. Im Plus lagen auch die Futures für die wichtigsten Indizes an der Wall Street.

Die deutsche Wirtschaft ist im Frühjahr ⁠trotz Belastungen durch den Iran-Krieg schneller gewachsen als bislang angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von April bis Juni dank höherer Exporte um 0,3 Prozent zum Vorquartal. Eine frühere Schätzung hatte nur ein Plus von 0,2 Prozent ergeben. «Gemessen an den stellenweise düsteren ‌Konjunkturaussichten in Anbetracht des Iran-Krieges fällt das deutsche Wachstum erstaunlich solide aus», kommentierte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.

Auch die Stimmung in ‌den Chefetagen der deutschen Unternehmen ist so gut wie seit einem Jahr nicht mehr und lässt Hoffnung ​auf einen tragfähigen Aufschwung aufkommen. Der Geschäftsklimaindex stieg im August das vierte Mal in Folge, wie das Münchner Ifo-Institut zu seiner Umfrage unter rund 9000 Führungskräften mitteilte. Mit 88,8 Punkten liegt das Barometer nun nicht nur über den Expertenerwartungen, sondern wieder über dem Niveau, das vor dem Ausbruch des Iran-Krieges Ende Februar erreicht wurde.

VW-Chef verteidigt Sparpläne

Für Gesprächsstoff bei den Anlegern sorgte jedoch vor allem Volkswagen. Konzern-Chef Oliver Blume erklärte auf der Betriebsversammlung im Stammwerk Wolfsburg einmal mehr, dass VW unter grossem Druck von US-Zöllen, geopolitischen Risiken und neuen Rivalen Kosten senken und schlanker werden müsse. Das Aus von vier ‌deutschen Werken sei keine beschlossene Sache. Es sollten vielmehr «belastbare Perspektiven» für alle Standorte geschaffen werden. Mehr als 10.000 Mitarbeitende in und vor der Halle quittierten seine Rede Teilnehmern zufolge mit Pfiffen. Auch die Anleger reagierten verschnupft. Die VW-Aktie gab 0,7 Prozent nach.

Nach unten ging es auch für Gerresheimer. Knapp ein Jahr nach seiner Rückkehr als Vorstandschef nimmt Uwe Röhrhoff beim Verpackungshersteller vorzeitig den Hut. Die Gerresheimer-Aktie rutschte nach ​der Ankündigung um mehr als sechs Prozent ab.

Gefragt waren hingegen die Aktien von Siemens Energy, die um rund zwei Prozent anzogen. Der Energietechnikkonzern bereitet nach ​einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg die Abspaltung seines Dampfturbinen- und Wasserstoffgeschäfts vor.

Auf den Einkaufszetteln der Anleger standen vor allem ​Werte aus dem Rüstungssektor. Angetrieben wurde die Branche von einem Kurssprung von neun Prozent bei Melrose. Der Luft- und Raumfahrtkonzern will die Produktion in seinem Werk in Garden Grove in Kalifornien nach einem Chemieunfall bis Ende September wieder vollständig aufnehmen.

Ölpreis auf Wochentief

Für ‌gute Stimmung an den Finanzmärkten sorgte zudem ein Rückgang bei den Ölpreisen. Die Nordsee-Rohölsorte Brent und US-Leichtöl WTI verbilligten sich um jeweils rund drei Prozent auf 89,56 und 82,50 Dollar je Fass (159 Liter). Die Verlagerung von einer militärischen Eskalation hin zu wirtschaftlichem Druck im Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran habe die Nervosität am Ölmarkt etwas gemindert, sagte Ole Hansen, Rohstoffstratege bei der Saxo Bank. ​Zudem sei die Ankündigung ​der US-Sanktionen nicht so hart ausgefallen, wie vom Markt befürchtet. Die US-Regierung hat eine mögliche Ausweitung ihrer ⁠Sanktionen gegen den Iran bekanntgegeben, setzt diese aber noch nicht in vollem Umfang um. Die angedrohte Bestrafung von Ländern, ​die Geschäftsbeziehungen zum Iran unterhalten, wurde vorerst aufgeschoben.

Der ⁠Iran hat den USA seinerseits mit Vergeltung gedroht. Unterdessen zeichnete sich jedoch bei den Vermittlungsbemühungen Pakistans eine Annäherung ab. Bei den jüngsten Gesprächen in Teheran seien erhebliche Fortschritte erzielt worden, teilte das pakistanische ‌Militär am Dienstag mit. Im Mittelpunkt stand demnach, eine weitere Eskalation zu vermeiden und die für Öltransporte wichtige Strasse von Hormus wieder zu öffnen.

(Reuters)