Der langjährige Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Roche, John Reed, verlässt das Unternehmen. Aus "persönlichen Gründen", wie der entsprechenden Medienmitteilung entnommen werden kann. Nachfolger werde William Pao. Er ist seit 2014 bei Roche und ist gegenwärtig Manager in der Krebsforschung.
Den meisten Nachrichtenagenturen ist diese Neuigkeit am Donnerstagmorgen nur eine knapp gehaltene Meldung wert. Hinter dem Abgang könnte sich aber mehr verbergen.
Der Rücktritt des Forschungschefs kommt für Roche jedenfalls zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Umsatzstarke Krebsmedikamente wie Rituxan, Herceptin und Avastin haben den Patentschutz bereits verloren oder verlieren ihn über die nächsten Jahre. Ab dann sehen sich die Basler der Konkurrenz günstigerer Nachahmerpräparate ausgesetzt und sind dringender denn je auf Fortschritte in der Forschung und Entwicklung angewiesen.
Schwieriges 2018
Gerade an der Börse ist die Angst vor einer Wachstumsflaute und rückläufigen Margen allgegenwärtig. Der Genussschein von Roche ging am Mittwochabend bei 226,40 Franken aus dem Handel. Das ist 8 Prozent tiefer als noch Anfang Jahr. Von den letztjährigen Höchstkursen aus betrachtet errechnet sich gar ein Minus von etwas mehr als 17 Prozent.

Kursentwicklung des Roche-Genussscheins über die letzten fünf Jahre (Quelle: www.cash.ch)
Mitunter ein Grund für das schlechte Abschneiden ist die verkappte Gewinnwarnung von Konzernchef Severin Schwan. Mitte Januar forderte er in der Finanzpresse "realistische Erwartungen" für 2018 (cash berichtete).
Zwei Wochen später wartete Schwan anlässlich der Jahresergebnispräsentation mit eher vorsichtig formulierten Zielvorgaben auf. Ohne die positiven Auswirkungen der US-Unternehmenssteuerreform strebt sein Arbeitgeber ein im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegendes Umsatz- und Gewinnwachstum an. Viele Analysten hatten sich gerade von der diesjährigen Gewinnentwicklung mehr erhofft.
Einige Pharmaanalysten halten diese Zielsetzungen zwar für konservativ. Dennoch werden an der Börse vermehrt Forderungen laut, Schwan solle von seinem Chefposten zurücktreten. Beobachter fragen sich deshalb, ob bei Roche der Rücktritt des Forschungschefs nicht grössere Veränderungen ankündigt.
Nach Novartis trifft es nun auch Roche
In einem Kommentar der Zürcher Kantonalbank wird darauf hingewiesen, dass der ausscheidende John Reed Neurowissenschaftler ist und sein Nachfolger Onkologe. Er habe gerade zu erkennen begonnen, dass die Pipeline der späten Produktkandidaten in der Neurologie nach fünf Jahren nun endlich zumindest von der Anzahl der vielversprechenden Projekte her mit der Onkologie gleichauf liege, so schreibt der Autor. Er befürchtet, dass dieser Trend unter dem Nachfolger von Reed wieder eine Wende erfahren und sich der Fokus auf die Immunonkologie verlagern könnte. Bei der Zürcher Kantonalbank wird der Genussschein von Roche mit "Marktgewichten" eingestuft.
Zu Personalrochaden kam es zuletzt auch beim Rivalen Novartis. Der ebenfalls in Basel beheimatete Gesundheitskonzern verlor den Onkologie-Chef. Unklar bleibt, ob dessen Rücktritt im Zusammenhang mit dem Wechsel an der Unternehmensspitze steht. Denn am 1. Februar übernahm Vas Narasimhan das Amt des langjährigen Konzernchefs Joe Jimenez.

