Schon die blossen Zahlen sind enorm: Das Weltraumunternehmen SpaceX ruft eine Bewertung von 1,8 bis 2 Billionen Dollar auf und will beim Börsengang im Juni gut und gern 75 Milliarden Dollar einnehmen. Das ist ohne Beispiel in der Börsengeschichte. Den bislang grössten Emissionserlös erzielte der Erdölriese Saudi Aramco mit knapp 30 Milliarden Dollar im Jahr 2019.
Nicht weniger als 23 Banken begleiten den IPO («Initial Public Offering»; «Börsengang») des von Milliardär und Tech-Unternehmer Elon Musk kontrollierten Unternehmens, darunter die Bank of America, Citigroup, JPMorgan, Goldman Sachs und Morgan Stanley. Sie werden wissen, dass die von SpaceX ausgehende Wucht den Aktienmarkt verändern wird. Effekte gehen dabei auf andere Aktien, auf Indexfonds und auf andere, kleinere Unternehmen aus, die ebenfalls Kapital aufnehmen wollen.
«Zusammen mit weiteren möglichen Mega-IPOs - OpenAI und Anthropic - kommt potenziell mehrere Billionen US-Dollar neues handelbares Angebot auf den Markt», sagen Thierry Borgeat und Patrick Rissi, Co-Gründer des Finanzdienstleisters Arvy gegenüber cash.ch. Sie rechnen denn auch mit Verkaufsdruck und Rotation, sobald die Sperrfrist von rund 90 Tagen, die für bisherige SpaceX-Anteilseigner gilt, abgelaufen sein wird. Wahrscheinlich ist, dass dann weitere Aktienpakete auf den Markt kommen.
SpaceX-IPO mittel- bis langfristig positiv für Nividia
Unter den Namen, welche von SpaceX bedrängt werden dürften, figuriert Tesla. Ob man darin Ironie oder Kalkül erkennen will, bleibe dahingestellt. Der SpaceX-IPO könne jedenfalls nicht nicht positiv für Tesla sein, sagte Joe Gilbert, Portfoliomanager bei Integrity Asset Management im Gespräch mit Bloomberg. «Wir glauben, dass Musks Fokus sich vor allem auf SpaceX konzentrieren wird. Zwar hat Musk in der Vergangenheit gezeigt, dass er mehrere Projekte gleichzeitig managen kann, aber es wirkt, als ob SpaceX jetzt sein neues ‹Lieblingskind› ist – auf Kosten von Tesla.»
Doch Musk wäre nicht Musk, wenn er nicht schon den nächsten Schritt ins Auge gefasst hat. Ein Zusammenschluss von Tesla und SpaceX ergibt zunächst wenig Sinn, da sich die Geschäftsmodelle der beiden Unternehmen unterscheiden und Investoren die Wahl zwischen den beiden Firmen haben wollen.
Dann wiederum macht eine Verschmelzung des Weltraumunternehmens und des Elektroautopioniers viel Sinn: «Du hast bereits dieses grosse, systemrelevante, börsennotierte Unternehmen, und jetzt bringst du ein zweites an die Börse», formulierte Nicholas Colas, Mitgründer von DataTrek Research. «Ich sehe nicht, welchen Mehrwert es hat, zwei zu haben. Wenn dein Verkaufsargument ist, dass Elon das Unternehmen führt, dann ist der beste Ansatz, ein Unternehmen zu haben.»
Zu den Profiteuren des SpaceX-IPOs dürfte Nvidia gehören, zumindest mittel- bis langfristig. Denn SpaceX kauft bei dem von CEO Jensen Huang geführten Technologiekonzern ein, und «frisches Kapital stützt die Nachfrage», sagt Thierry Borgeat von Arvy. Zudem dürfte sich die Stimmung im Technologiesektor weiter heben, insbesondere dann, wenn SpaceX nach dem Börsengang operativ überzeugt.
Kurzfristig aber könne der Hype um SpaceX die Aufmerksamkeit von Nvidia, führt Borgeat aus. Sprich: Elon Musks Weltraumfirma zieht das Kapital der Anleger auf sich und - vorübergehend wenigstens - von Nvidia ab.
Treffen wird es wohl auch kleinere Unternehmen, die frisches Kapital aufnehmen wollen. Sie werden sich vorerst hinten anstellen müssen, da SpaceX die Liquidität am Markt gewissermassen aufsaugt.
ETF-Anleger werden auch SpaceX kaufen
Eine wiederum andere Lage ergibt sich für ETF-Anleger. Sie kaufen einen Korb von Titeln, der einen Index und mit diesem den Aktienmarkt abbildet. Gerade aber wenn eine Reihe grosser Unternehmen - SpaceX, Anthropic und OpenAI - neu an der Börse sind, verschieben sich die Gewichte des Gesamtmarktes. Deshalb haben Börsenbetreiber wie die Nasdaq vor kurzem Regeländerungen beschlossen, sodass SpaceX zügig in den Index aufgenommen werden kann.
Die Folge: Investoren, die einen ETF auf den technologiedominierten US-Aktienindex kaufen, kaufen zugleich auch SpaceX. «SpaceX auch nur für kurze Zeit auszulassen, wäre eine grosse Sache, genauso wie es eine grosse Sache war, als Tesla aus dem S&P 500 gestrichen wurde», sagt Zachary Evens, Research-Analyst bei Morningstar und unterstreicht: «Ein Index, der darauf abzielt, die Konturen des US-Aktienmarktes genau abzubilden, sollte alle wichtigen Aktien enthalten.»
Vorerst dürften die Risiken aufgrund der Ankunft von SpaceX als gelistete Firma am Aktienmarkt überwiegen. «Mittel- bis langfristig bleiben wir für das Musk-Ecosystem konstruktiv, würden uns aber rund um den IPO defensiv positionieren und SpaceX selbst eher mit 6 bis 24 Monaten Geduld angehen», resümieren Borgeat und Rissi.

