Der Ölpreis klettert unaufhaltsam nach oben. Nach einer Woche gegenseitiger Bombardierungen zwischen Israel und den USA einerseits und dem Iran andererseits hat sich der Preis für das schwarze Gold bei über 100 Dollar pro Fass eingependelt - ein Niveau, das zuletzt 2018 und 2022 erreicht wurde. Ob die Preisniveaus der Jahre 1995 bis 2014 - damals lag der Preis für ein Fass «Light Crude» zwischen 120 und 240 Dollar - wieder erreicht werden, bleibt offen.
Wie die Vergangenheit zeigt, dürfte die aktuelle Lage an den Rohstoffmärkten aber nicht von allzu langer Dauer sein: Denn Donald Trump könnte alsbald einen Sieg verkünden, der in Tat und Wahrheit aber ein Rückzieher ist. Das würde seinem Ruf als TACO «Trump Always Chickens Out» wieder einmal gerecht werden. Frei übersetzt heisst TACO: Trump macht immer einen Rückzieher.
Viele Aktien von Erdölkonzernen, Raffinerieunternehmen und deren Zulieferer haben sich im Sog des Ölpreises bereits massiv verteuert und notieren deutlich über den Zwölf-Monats-Kurszielen der Analysten. Für Investoren, die inmitten des Ölpreisanstiegs nach attraktiven Anlagemöglichkeiten im Energiesektor suchen, stellt sich deshalb die zentrale Frage: Welche Unternehmen bieten trotz der jüngsten Kurssteigerungen noch Chancen - und welche Risiken lauern, wenn das Ende des gegenseitigen Beschusses angekündigt wird?
Nachhaltigkeit der Kursgewinne: Wer profitiert langfristig?
Die aktuelle Kursrallye vieler Energieunternehmen basiert vor allem auf dem Ölpreisschub und den massiv gestiegenen Raffineriemargen - ausgelöst durch die Blockade der Strasse von Hormus. Doch diese Entwicklung könnte sich schnell beruhigen oder sogar umkehren, sobald die Meerenge wieder geöffnet wird.
Besonders anfällig auf eine Normalisierung der Lage sind Unternehmen mit hoher Abhängigkeit vom Ölpreis oder hohen Produktionskosten, wie etwa US-Schieferölproduzenten. Ebenso anfällig für mögliche Korrekturen sind Firmen mit überdurchschnittlicher Sensitivität gegenüber Raffineriemargen - darunter sind einige grosse europäische Konzerne wie OMV (Österreich) oder Repsol (Spanien). Überdies haben die Aktien von Unternehmen mit hohem operativen Leverage stark profitiert.
Anders sieht es bei Unternehmen mit diversifizierten Geschäftsmodellen oder einem hohen Anteil an Servicedienstleistungen aus. Zwar profitierten sie kurzfristig weniger stark vom Ölpreisanstieg, doch ihre relative Unabhängigkeit von täglichen Preisschwankungen könnte sich als positives Differenzierungsmerkmal für die nahe Zukunft weisen. Hier eine Auswahl an Unternehmen.
1) TotalEnergies
Der französische Öl- und Energiekonzern TotalEnergies weist Differenzierungsmerkmale zu klassischen Ölkonzernen auf. Während etwas weniger als die Hälfte der Einnahmen aus dem klassischen Öl- und Gasgeschäft stammt, entfallen rund 44 Prozent auf den Chemiesektor und 10 Prozent auf nachhaltige Stromproduktion.
Das Unternehmen hat sich ehrgeizige Emissionsziele gesetzt, darunter einen massiven Ausbau erneuerbarer Energien. Noch vor vier Jahren betrug die Kapazität erneuerbarer Energien 7 Terawattstunden - heute sind es bereits 31 Terawattstunden. TotalEnergies setzt dabei auf hochwertige Projekte mit hoher Rendite. Mit einer Dividendenrendite von 4,7 Prozent und einer Kaufempfehlung der meisten Analysten (das durchschnittliche Kursziel liegt 5 Prozent unter dem aktuellen Kurs) bietet das Unternehmen eine attraktive Mischung aus Stabilität und Wachstumspotenzial. Die Aktie hat seit Jahresbeginn 30 Prozent zugelegt.
2) Aker ASA
Die norwegische Industrie-Investmentgesellschaft Aker investiert sowohl in kotierte als auch nicht-kotierte Unternehmen. Ihr Joint-Venture mit dem Erdölkonzern BP zählt zu den wichtigsten Einnahmequellen und macht 43 Prozent des Anlagevermögens sowie 65 Prozent der Einnahmen aus. Daneben hält Aker Beteiligungen an Pharmaunternehmen, Immobiliengesellschaften und Technologieinfrastrukturkonzernen.
Die Performance der Aktie ist beeindruckend: Innerhalb eines Jahres stieg der Kurs um über 100 Prozent. Damit einher ging auch - gemessen am Preis-Buchwert-Verhältnis - eine deutliche Bewertungsaufwertung vom Allzeittief von 0,7x auf ein Mehrjahreshoch von 1,8x. Luft nach oben gibts noch: Anfang 2022 erreichte sie eine Bewertungsobergrenze von fast 4x, und sechs von acht Analysten raten weiterhin zum Kauf.
3) SLB
SLB (ehemals Schlumberger) ist der weltweit führende Technologieanbieter für die Öl- und Gasindustrie und spezialisiert auf Lagerstättencharakterisierung, Bohrlochbau und digitale Lösungen. SLB erzielt zwar 100 Prozent der Einnahmen in der Öl- und Gasindustrie. Da es sich jedoch vielfach um (wiederkehrende) Servicedienstleistungen handelt, bewegt sich der Aktienkurs unabhängig von den kurzfristigen Ölpreisbewegungen.
Mitte Oktober notierte die Aktie noch bei 31 Dollar, Ende Februar dann bei 51 Dollar. Seit Beginn des Iran-Konflikts haben die SLB-Valoren über 10 Prozent verloren. Dennoch sind die Analysten immer noch positiv eingestellt: Fast 90 Prozent empfehlen den Titel Kauf, das Kurspotential schätzen sie auf knapp 23 Prozent. Als Wachstumsunternehmen zahlt SLB eine niedrigere Dividende (2,6 Prozent).
4) TechnipFMC
Der in London ansässige Technologie- und Dienstleistungskonzern TechnipFMC ist weltweit führend im Surface- und Subsea-Pipelinebau. 87 Prozent des Umsatzes erzielt das Unternehmen mit Offshore-Projekten und ist in diesem Segment Marktführer.
Da der Bau von Offshore-Ölförderanlagen extrem teuer und langwierig ist, konzentrieren sich grosse Ölkonzerne zunehmend auf hochprofitable Projekte. Dies dürfte bei TechnipFMC für eine stabile Auftragslage führen, die nicht von den kurzfristigen, volatilen Ölpreisbewegungen dominiert wird.
Tatsächlich wies das Unternehmen bereits vor dem Angriff der USA auf den Iran volle Auftragsbücher auf: Im vierten Quartal 2025 stieg das Auftrags-Umsatz-Verhältnis auf 1,2-fache, was einem Anstieg von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entsprach. Besonders bemerkenswert ist dies in einer Phase, in der die grössten Erdölkonzerne ihre Investitionen reduzieren und sich auf wenige Projekte konzentrieren.
Ein Kursplus von 600 Prozent in den vergangenen fünf Jahren widerspiegelt diese operative Stärke. Trotzdem bleibt die Aktie fair bewertet: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 20,8x liegt nur unweit vom langjährigen Durchschnitt von 17x. Zwei Drittel der Analystinnen und Analysten empfehlen den Kauf, wobei das Kursziel für die kommenden zwölf Monate nur 1 Prozent unter dem aktuellen Kursniveau liegt. Bemerkenswert ist, dass die Prognosen bisher eng mit der tatsächlichen Kursentwicklung übereinstimmten.

