Auf den ersten Blick scheint es paradox: Die US-Aktienmärkte eilen von Rekordhoch zu Rekordhoch, trotz eines Kriegs im Nahen Osten ‌und einer drohenden ⁠weltweiten Energiekrise. Beflügelt werden die Indizes S&P 500 und Nasdaq von robust wachsenden Unternehmensgewinnen, einer soliden Konjunktur und einem anhaltenden KI-Boom, während die Ölpreise in der ⁠Berichtssaison bislang nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Mehr als zwei Drittel der Bilanzen für die ersten drei Monate des Jahres 2026 sind schon vorgelegt und die S&P-500-Unternehmen sind auf dem besten Weg, ‌das stärkste Quartalswachstum seit mehr als vier Jahren zu verzeichnen. Nachdem einige der schlimmsten wirtschaftlichen Befürchtungen im Zusammenhang mit ‌dem Iran-Krieg nachgelassen haben, konnten sich die Anleger wieder auf die Stärke der ​Unternehmensgewinne konzentrieren. «Da sich die Lage nicht verschlechtert hat und der Waffenstillstand nun schon seit einiger Zeit in Kraft ist, waren es die Gewinne, die den Aufwärtstrend vorangetrieben haben», sagt Chris Fasciano, Chef-Marktstratege beim Commonwealth Financial Network. Der Leitindex S&P 500 liegt seit Jahresbeginn sechs Prozent im Plus und knüpft damit an drei Jahre in Folge mit kräftigen Zuwächsen an. Seit Ende März ist der Index um mehr als 14 Prozent gestiegen, nachdem er durch den Beginn des Krieges zwischen ‌den USA und Israel gegen den Iran zunächst eingebrochen war.

Aussichten für Gewinne werden immer rosiger

Denn die meisten Bilanzen übertrafen die Erwartungen der Börsianer bei weitem. Insgesamt dürften die Gewinne der S&P 500-Mitglieder LSEG-Zahlen zufolge im Quartal um rund 28 Prozent zulegen. Das wäre der höchste Anstieg seit dem vierten Quartal 2021, als sich ​die Unternehmen von den Pandemie-Lockdowns erholten. «Ohne Berücksichtigung von Sonderfaktoren wie günstigen Basiseffekten und Unternehmenssteuersenkungen ist das Gewinnwachstum wohl das stärkste ​seit zwei Jahrzehnten», sagt Binky Chadha, Chefstratege für US-Aktien bei der Deutschen Bank.

Auch die Zukunftsaussichten ​werden optimistischer eingeschätzt. Die Schätzungen der Analysten für die künftigen US-Gewinne in den nächsten zwölf Monaten sind seit Jahresbeginn um mehr als zehn Prozent gestiegen, wie aus Daten von LSEG Datastream hervorgeht. ‌Erwartet wird nun ein Gewinnwachstum von 22,6 Prozent, wobei die Schätzungen für jedes der nächsten drei Quartale höher ausfallen als noch Anfang April. Die Unternehmen zeigten, dass sie den kriegsbedingten Anstieg der Energiepreise auf mehr als 100 Dollar pro Barrel verkraften können, sagte Keith Lerner, Investmentchef bei Truist Advisory Services. «Die Firmen haben schon so viele ​Schocks durchgemacht, ​dass sie besser gerüstet sind, um flexibel zu reagieren.» Energiekosten machten für die ⁠meisten Firmen nur einen geringen Anteil der Gesamtkosten aus, heisst es bei der Deutschen Bank. ​Zudem machten sich Konsumschwächen üblicherweise erst mit ⁠einer Verzögerung von wenigen Quartalen bemerkbar.

KI-Boom sorgt für Rückenwind

Die massiven Investitionen in KI sind zudem ein entscheidender Faktor für die Gewinndynamik. Strategen von Goldman Sachs zufolge ‌werden fünf der grössten Technologiekonzerne im Jahr 2026 voraussichtlich 751 Milliarden Dollar in Rechenzentren und andere Infrastruktur investieren. Unternehmen, die von KI profitieren, steigerten ihre Gewinne im ersten Quartal um 50 Prozent, teilte die Deutsche Bank mit. Dazu zählen Halbleiterunternehmen, Tech-Hardware-Firmen sowie Hersteller von Elektrogeräten und ‌Bauunternehmen. KI sei «ein Baum, der viele Äste ausbreitet», sagte Chuck Carlson, Chef von Horizon Investment Services.

Je länger der Krieg ​im Nahen Osten allerdings andauert und Energie- sowie andere Preise hoch bleiben, desto stärker wird sich das auf Unternehmen und Verbraucher auswirken, mahnen Experten. «Im Moment sind die Anleger meiner Meinung nach bereit, gewissermassen auf der Welle starker Gewinne und allgemein positiver Wirtschaftsnachrichten mitzureiten», sagte Robert Pavlik, Senior-Portfoliomanager bei Dakota Wealth Management. Letztendlich sei damit zu rechnen, dass der ‌hohe Energiepreis die Wirtschaft einholen werde. 

(Reuters)