Die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro durch US-Spezialkräfte und seine Überstellung in ein Gefängnis in New York sorgen für neue Unsicherheit an den globalen Finanzmärkten. Anleger könnten hin- und hergerissen sein: Zwar wächst die Sorge vor kurzfristigen politischen Turbulenzen, die Investoren in als sicher geltende Anlagen wie Gold treiben könnten. Andererseits besteht die Hoffnung, dass durch die US-Intervention langfristig die riesigen Ölreserven Venezuelas dem Weltmarkt zugänglich gemacht werden. Ein grösseres Ölangebot könnte die Energiepreise senken und damit die Weltwirtschaft und die Aktienmärkte beflügeln.
«Wir hätten wahrscheinlich eine sofortige Entkopplung der Ölpreise vom Goldpreis gesehen», schrieb Mohamed El-Erian, ehemaliger Chef des Anleihen-Riesen Pimco, auf der Plattform X. Der Ölpreis wäre demnach wegen der Aussicht auf steigende Exporte aus Venezuela gefallen, während der Goldpreis als Krisenwährung wegen der Unsicherheit zugelegt hätte. Das Edelmetall verzeichnete im vergangenen Jahr, angetrieben von US-Zinssenkungen und Krisen, den stärksten Anstieg seit 46 Jahren.
Auf längere Sicht sehen einige Anleger eine grosse Chance. Nur Stunden nach der Festnahme erklärte US-Präsident Donald Trump, amerikanische Ölkonzerne seien bereit, Milliarden zu investieren, um Venezuelas Ölförderung wieder aufzubauen. «Aus Anlegersicht könnten hier mit der Zeit riesige Mengen an Ölreserven erschlossen werden», erklärte Brian Jacobsen, Chef-Anlagestratege bei Annex Wealth Management. Er verwies auf ein Muster an den Börsen: «Märkte neigen zwar bei der Erwartung von Konflikten zunächst zur Zurückhaltung. Sobald ein Konflikt aber beginnt, werden Anleger oft schnell wieder mutiger.»
LANGER WEG ZUM WIEDERAUFBAU DER ÖLFÖRDERUNG
Doch der Weg zu sprudelnden Öleinnahmen in Venezuela ist lang und steinig, warnen die meisten Strategen. Misswirtschaft und mangelnde Investitionen haben die Produktion über Jahrzehnte einbrechen lassen. Dies verschärfte sich, nachdem die Regierung in den 2000er Jahren den Ölsektor verstaatlicht und dabei auch die Vermögenswerte von Konzernen wie Exxon Mobil und ConocoPhillips übernommen hatte. Investitionswillige Unternehmen stünden heute vor grossen Hürden: Sicherheitsrisiken, eine verfallene Infrastruktur, ungeklärte Rechtsfragen zum US-Einsatz und die Gefahr langfristiger politischer Unruhen.
Zudem wirft das Vorgehen der USA grundsätzliche Fragen für die Weltordnung auf. Stephen Dover, Chef-Marktstratege des Franklin Templeton Institute, schrieb auf LinkedIn, die US-Regierung zeige ihre Bereitschaft, einseitig zu handeln. Dies könne den Trend verstärken, dass Staaten mehr für ihre eigene Sicherheit ausgeben. Es könne zudem das Vertrauen in internationale Abkommen und Organisationen schwächen. Ein stabiles Venezuela könne der Welt zwar erhebliche Ölmengen liefern, so Dover: «Das wäre bedeutend für das globale Wachstum, aber es wird politische Stabilität und erhebliche Investitionen erfordern, um dieses Potenzial zu erschliessen.»
(Reuters)
