Zuckerbrot und Peitsche: UniCredit-Chef Andrea Orcel signalisiert Zugeständnisse an die Commerzbank, setzt deren Vorstand aber gleichzeitig unter Druck, der Bank seine Strategie schon Anfang 2027 überzustülpen. ‌Obwohl die ⁠Mailänder Grossbank noch nicht die Mehrheit an der Commerzbank hält, geht Orcel fest von einer Übernahme aus. «Die Commerzbank entwickelt sich von einer attraktiven Finanzbeteiligung zu einer strategischen Transaktion mit substanziellem industriellem Wert durch die ⁠Umsetzung unserer bewährten Blaupause», heisst es in einer am Donnerstag veröffentlichten Präsentation Orcels. «Wir haben möglicherweise die Kontrolle ohne jegliche Zugeständnisse erlangt, wie man das normalerweise erwarten würde. Jetzt sind wir recht offen dafür», signalisierte der Manager mit Investmentbanker-Vergangenheit auf Fragen von Journalisten.

Orcel will ‌nun auf die Bundesregierung und die Betriebsräte zugehen - doch diese sehen zuerst den Vorstand am Zug. «Es ist jetzt Sache der beiden Banken, miteinander ‌zu sprechen», sagte ein Sprecher des SPD-geführten Finanzministeriums. Der Bund werde im Sinne des deutschen Mittelstands, des ​Finanzstandorts Frankfurt und der Beschäftigten handeln. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte zuletzt zu verstehen gegeben, dass der Bund eine Fusion nicht verhindern werde. Auch Betriebsratschef Sascha Uebel verwies auf Orlopp: «Wenn wir Betriebsräte hier als Verhandlungspartner genannt werden, liegt die UniCredit leider falsch», sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. «Gespräche mit dem Konzernbetriebsrat führen immer über das zuständige Management.»

Ein Commerzbank-Sprecher sagte: «Wir bleiben dabei: Nur ein konstruktiver Angang kann Wert für alle Stakeholder schaffen.» Mehrere Anläufe für Gespräche zwischen Orcel und Commerzbankchefin Bettina Orlopp waren im Sand verlaufen.

Orcel sieht sich trotzdem kurz vor dem Ziel: Mit den Genehmigungen der Aufseher sei vielleicht noch in diesem Jahr zu rechnen - schneller als ‌gedacht. Er gehe davon aus, dass die Commerzbank schon im Januar 2027 beginnen könne, seine im April unter dem Titel «Commerzbank Unlocked» vorgestellte Strategie umzusetzen. Ein Grossteil der Pläne lasse sich schnell, auch ohne eine Fusion der Commerzbank mit der Münchner UniCredit-Tochter HypoVereinsbank, umsetzen. Um das durchzusetzen, könne UniCredit auch eine ausserordentliche Hauptversammlung einberufen, noch vor dem regulären Aktionärstreffen im Frühjahr 2027. Er gehe aber nicht davon aus, dass das nötig werde, ​sagte Orcel. Er hatte öffentlich damit geliebäugelt, dort alle Anteilseignervertreter auszutauschen. Der Unternehmensberater Harald Christ, der einen der beiden für den Bund reservierten Posten besetzt, ​hat für 2027 seinen Rückzug angekündigt.

Auf zwei oder drei Jahre kommt es nicht an

«Das wird ein bisschen ein Kulturschock», sagte ​Kilian Huber, Professor an der Chicago Booth School of Business. «UniCredit achtet viel stärker auf ihre Ausgaben, während die Commerzbank sich für ihre langjährigen Kundenbeziehungen rühmt und auf jeden Geschäftsbereich achtet.»

In «konstruktiven Gesprächen» könnten die Pläne für die Commerzbank auch angepasst werden, machte ‌Orcel klar. «Es sollte kein Problem sein, zu einer Einigung zu kommen, die im besten Interesse aller ist.» Die Frankfurter Bank bangt vor allem um ihr Auslandsnetz, mit dem sie den deutschen Mittelstand beim Export begleitet, das Orcel aber für zu umfangreich hält. Auf zwei oder drei Jahre komme es nicht an, wenn es um eine Fusion mit der HypoVereinsbank gehe. Die Voraussetzung dafür wäre auch, dass der Bund seine restliche ​Zwölf-Prozent-Beteiligung an der Commerzbank ​verkaufen oder in UniCredit-Aktien tauschen würde - wogegen er sich sträubt. Für Gespräche darüber sei es auch noch zu ⁠früh, sagte Orcel. «Wir wären erfreut, die Bundesregierung als Aktionär zu behalten.»

Kein Pflichtangebot für die MBank

Trotz des Widerstands aus Deutschland ​hatten die Italiener sich mit einem Tauschangebot fast ⁠die Hälfte der Commerzbank-Anteile gesichert. Indem UniCredit unter der 50–Prozent-Marke bleibt, vermeidet die Bank auch ein teures Pflichtangebot für die polnische Commerzbank-Tochter mBank.

Die Folgen einer Commerzbank-Übernahme für die Bilanz von UniCredit fielen offenbar geringer aus ‌als gedacht. Die Mailänder Grossbank rechne für diesen Fall mit einer harten Kernkapitalquote von 13 Prozent, zwei Prozentpunkte weniger als ohne Commerzbank. Bisher hatte Orcel von einem Negativ-Effekt von 2,8 Prozentpunkten gesprochen, wenn UniCredit auch für die Risiken der Commerzbank vorsorgen müsse. Mit der Streichung eines 4,75 Milliarden Euro schweren Aktienrückkaufs kann UniCredit den Kapitalabfluss aber bremsen. Die Übernahme ‌werde bis 2028 zu einem zweistelligen Gewinnwachstum führen.

Aber auch ohne die Commerzbank rechnet UniCredit mit mehr Gewinn. Für das laufende Jahr schraubte Orcel die Prognose ​von «mindestens elf Milliarden Euro» Nettogewinn auf «deutlich über elf Milliarden oder 11,5 Milliarden» hoch. Im zweiten Quartal sank der Nettogewinn um 13 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. Dabei habe man sich die Absicherungsgeschäfte (Hedging) im Zuge der Commerzbank-Übernahme 245 Millionen Euro kosten lassen. Analysten hatten im Vorfeld im Schnitt mit einem Nettogewinn von 2,8 Milliarden Euro gerechnet. Für 2028 sagt UniCredit - die Commerzbank noch nicht eingerechnet - nun einen Gewinn von mehr als 13 Milliarden, für 2030 von ‌mehr als 15 Milliarden Euro voraus. 

(Reuters)