Der weitreichende Firmenumbau bei Volkswagen könnte das Aus für eine mehr als 75 Jahre alte Marke bedeuten: Seat. Die Zeichen für den Fortbestand der lange defizitären spanischen Tochter stehen Insidern zufolge schlecht. Seat wäre die erste traditionsreiche Automarke, die seit der Rezession Anfang der 2010er-Jahre verschwindet, als etwa General Motors die Marken Saturn und Pontiac einstampfte, Ford den Namen Mercury aufgab und Saab gleich ganz pleite ging. Dies unterstreicht die Bereitschaft von VW-Chef Oliver Blume, den Konzern zu verschlanken und Investitionen auf die stärksten Marken zu konzentrieren.
Zwar betont Seat selbst, dass die Zukunft der Marke offen sei und noch geprüft werde, wie es nach dem Ende des derzeitigen Produktzyklus weitergehen solle. Für die Zeit nach 2030 seien verschiedene Optionen möglich, und eine Entscheidung sei noch nicht getroffen. Allerdings wird schon länger über die Zukunft der Marke spekuliert, zuletzt im Vorfeld der VW-Aufsichtsratssitzung Anfang September. Eine mit dem Vorgang vertraute Person sagte, die Zukunft gehöre der Seat-Schwestermarke Cupra, die alle künftigen Modelle erhalten solle. «Wir wollen nicht an zwei Markennamen festhalten.» Ein Sprecher des VW-Aufsichtsrats lehnte eine Stellungnahme ab.
Seat hat kein Elektroauto
Schon jetzt sieht Seat im Vergleich zur jüngeren Schwestermarke alt aus. Elektromodelle unter der Marke Seat sind Mangelware, der elektrische Kleinwagen Mii wurde 2021 aus dem Programm genommen und ist nur noch als Gebrauchtwagen erhältlich. Bei der neuen Kleinwagengruppe um den ID.Polo von VW sind Cupra und Skoda vertreten, Seat nicht. Derzeit haben die Spanier ausschliesslich Verbrenner- und Hybridmodelle im Angebot. Die Palette ist überdies vergleichsweise alt. Seit 2020 hat Seat kein neues Modell mehr auf den Markt gebracht.
Die junge Tochter Cupra, erst 2018 gegründet, hat ihre Mutter inzwischen beim Absatz überholt. Der Anteil von Seat am gesamten VW-Absatz schrumpfte zuletzt auf weniger als drei Prozent. Matias Carnero, Betriebsratsvorsitzender bei Seat, fürchtet einen Arbeitsplatzabbau. «Wenn die Marke verschwindet, weil sie nicht ins Elektrozeitalter mitgenommen wird, haben wir ein ernsthaftes Problem.»
Im Volkswagen-Portfolio steht Seat für günstige Einstiegsmodelle. Die Marke, 1950 im faschistischen Spanien gegründet, gehört seit 1986 zu Volkswagen. Das billigste Auto der Spanier wird in Deutschland für knapp 20'000 Euro Listenpreis angeboten und ist damit das günstigste Angebot im gesamten VW-Konzern. Spitzenmanager, wie zuletzt Seat-Marketingchef Sven Schuwirth, haben wiederholt erklärt, dass die Marke nicht in Elektroautos investieren könne, weil sich das nicht lohne. «Die Warnzeichen waren immer da», sagt Autoanalyst Matthias Schmidt. «Es war stets klar, dass Volkswagen nicht bereit ist, mit Seat weiterzumachen.» Auch wenn der Wolfsburger Konzern ohne Seat nicht mehr im Niedrigpreissegment antritt.
Aufstieg der chinesischen Autobauer
Sollte nun tatsächlich Seat in einigen Jahren vom Markt verschwinden, wäre das ein ungewöhnlicher Schritt. Autohersteller trennen sich üblicherweise nur dann von Marken, wenn sie keine andere Chance sehen. Die Überlegungen zeigen, wie sehr der Aufstieg chinesischer Anbieter den übrigen Herstellern das Wasser abgegraben hat. Zwischen 2019 und 2025 schrumpfte der Absatz der europäischen, japanischen, koreanischen und US-Autobauer zusammen um fast 17 Prozent oder 12,6 Millionen Fahrzeuge, wie Daten des Analysehauses Car Industry Analysis zeigen. Etwa die Hälfte des Rückgangs entfällt auf die europäischen Autobauer. Zuwächse verzeichneten im gleichen Zeitraum die chinesischen Hersteller.
In dieser Situation ist Seat nicht die einzige Automarke, deren Zukunft zur Disposition steht. Die Opel-Mutter Stellantis konzentriert sich bei ihren Investitionen auf vier von insgesamt 14 Marken - Jeep, Ram, Peugeot und Fiat. Analysten gehen davon aus, dass nicht alle dieser Marken überleben. «Die etablierten europäischen Autobauer machen die Schotten dicht und schlagen zurück», sagt Auto-Analyst Schmidt. «Die Stärkeren werden überleben.»
Derzeit sind es die chinesischen Autobauer, die mit ihrem rapiden Wachstum und ihrem Exporthunger die etablierten Hersteller unter Druck setzen. In der Vergangenheit waren es Volkswagen und Toyota, die eine Konsolidierungswelle auslösten. Sam Fioriani, Vizepräsident beim Analysehaus AutoForecast Solutions, verweist auf Marken wie Simca aus Frankreich oder Triumph aus Grossbritannien, die den Aufstieg von Toyota und Volkswagen nicht überlebt haben. «Diese Marken sind schlichtweg verschwunden, als ein Günstigerer kam und sie vom Markt gedrängt hat.»
Die jetzige Neuordnung wird nach der Ansicht von Experten nicht auf die traditionellen Hersteller beschränkt bleiben. Der chinesische Automarkt ist nach einem langen Boom überfüllt. Die Beratungsfirma AlixPartners prognostiziert, dass von den derzeit 129 in China aktiven Elektroauto-Marken bis 2030 lediglich 15 finanziell überlebensfähig sein werden. Branchenkenner Fiorani prognostiziert: «Langfristig wird es weniger traditionelle Hersteller und weniger chinesische Anbieter geben.»
(Reuters)

