Vor Tausenden Mitarbeitern im Stammwerk Wolfsburg sagte Blume am Dienstag, die Massnahmen seien notwendig, weil die Fixkosten des Autobauers 30 Prozent höher seien als bei seinen Wettbewerbern. Die häufig genannte Zahl von zusätzlich 50'000 Stellenstreichungen weltweit sei eine theoretische Berechnung und kein festes Ziel. Damit verschärft sich der Konflikt um den Konzernumbau, der die Beziehungen zu den Beschäftigten bereits belastet.
Eine Konzentration der Kürzungen auf Deutschland würde die Belastungen für die Autoindustrie des Landes verschärfen. Sie ist seit Langem eine tragende Säule der grössten Volkswirtschaft Europas. Autohersteller und ihre Zulieferer haben bereits begonnen, Stellen abzubauen und Werke zu schliessen. Sie kämpfen mit schwacher Nachfrage, hohen Energiekosten und einem zunehmenden Wettbewerb aus China.
«Unser Zukunftsplan ist das grösste Transformationsprogramm in der Geschichte unseres Unternehmens», sagte Blume bei der ersten einer Reihe von Mitarbeiterversammlungen in den deutschen VW-Werken in dieser Woche. «Jetzt müssen sich alle beteiligen.»
Die Arbeitnehmerseite bleibt konfrontativ. Unabhängig davon sagte Volkswagen-Betriebsratschefin Daniela Cavallo am Dienstag den Beschäftigten, das Vertrauen in das Management und insbesondere in den CEO «ist beschädigt worden - nicht irreparabel, aber beschädigt».
Beide Seiten lassen jedoch Raum für eine Einigung. Blume sagte, die Werke hätten bis zu einem Jahr Zeit, tragfähige Alternativen zu entwickeln. Das könnte den Weg für einen Kompromiss ebnen, der auf freiwilligem Stellenabbau, geringeren Kapazitäten und neuen Nutzungen für bedrohte Standorte beruht.
Bereits vor der Mitarbeiterversammlung am Dienstag waren die Spannungen hoch. IG-Metall-Chefin Christiane Benner hat Blumes Vorstoss zur Kostensenkung und zur Steigerung der Margen auf 9 Prozent als «Wolkenkuckucksheim» bezeichnet. Ein örtlicher Gewerkschaftsführer warnte am Montag, die Gruppe sei zu Streiks bereit, falls Blume seine Pläne nicht zurücknehme.
Doch der 58-jährige Manager hat den Umbau zur entscheidenden Bewährungsprobe seiner Amtszeit gemacht. Er will die Kosten senken und Volkswagen für eine Branche neu aufstellen, die durch Elektromobilität, Software und schnell agierende Konkurrenten aus China unter Führung von BYD grundlegend verändert wird. Aufgrund der besonderen Führungsstruktur des Autobauers kann er die Kürzungen nicht einfach anordnen. Er muss die mächtigen Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen für seine Pläne gewinnen. Niedersachsen kann bei einigen wichtigen Entscheidungen ein Veto einlegen.
Es gebe viele Gegner, viele Vetospieler und wenig Unterstützung, sagte Wolfgang Schroeder. Der Politikwissenschaftsprofessor an der Universität Kassel hat die deutschen Arbeitsbeziehungen und Volkswagen untersucht.
Auch von oben wächst der Druck. Die Porsche SE ist die Holdinggesellschaft der milliardenschweren Familien Porsche und Piëch und kontrolliert Volkswagen. Sie hat das Management zu schnellerem Handeln gedrängt und gewarnt, VW stehe an einem «historischen Scheideweg». Die Familie hat einen eigenen Grund zur Eile: Sinkende Gewinne bei Volkswagen und dem Sportwagenhersteller Porsche AG verringern die Dividenden, auf die sie sich seit Langem verlassen hat.
Volkswagens Ergebnis ist durch rückläufige Verkäufe in China, hohe Ausgaben in Deutschland und nicht ausgelastete Fabriken stark belastet worden. Dadurch muss das Unternehmen Gemeinkosten von mindestens 10 Milliarden Euro abbauen.
Das Management arbeitet an Plänen, die jährliche europäische Produktionskapazität um weitere 500'000 Fahrzeuge zu reduzieren, die Führungsebenen auszudünnen und die Zahl der Modelle und Ausstattungsvarianten drastisch zu senken.
Besonders gross ist der Druck an den Standorten Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm. Blume sagte, VW könne dort derzeit keine wettbewerbsfähige Produktionsbelegung bis in die 2030er-Jahre identifizieren. Das Unternehmen will innerhalb der kommenden 6 bis 12 Monate tragfähige Perspektiven für alle seine Werke entwickeln. Eine Schliessung wäre die «letzte und teuerste Lösung», fügte er hinzu.
Die Beschäftigten haben bereits Zehntausenden Stellenstreichungen zugestimmt. Anschliessend wurde ihnen mitgeteilt, dass weitere Kürzungen nötig seien. Arbeitnehmervertreter sagen, die Beschäftigten sollten für jahrelange strategische Fehler bei Software, Elektrofahrzeugen und China bezahlen. Das Management müsse Zukunftsperspektiven für die Beschäftigten an allen deutschen Werken schaffen, hatte Cavallo am späten Montag in Hannover gesagt.
Die Arbeitnehmerseite hat gewarnt, dass bis zu 140'000 Arbeitsplätze gefährdet seien. Die Berechnung umfasst rund 50'000 bereits vereinbarte Stellenstreichungen in Deutschland sowie weitere 50'000 Stellen, die nach Angaben des Managements möglicherweise weltweit abgebaut werden müssen. Hinzu kommen etwa 40'000 Arbeitsplätze an den vier deutschen Werken mit ungewisser längerfristiger Zukunft.
Blume stieg auch deshalb an die Spitze auf, weil er als Vermittler galt, der zwischen den rivalisierenden Machtzentren von Volkswagen navigieren kann. Seine Zukunft könnte nun davon abhängen, ob er sie davon überzeugen kann, Entscheidungen zu akzeptieren, gegen die sie Widerstand angekündigt haben.
Der CEO stehe vor einer «Mammutaufgabe», sagte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment.
(Bloomberg/casj)

