Es dürfte beinahe schon Allgemeinwissen sein: Frauen sind die besseren Anleger. Unzählige Studien haben dies über viele Jahre belegt. Jüngst hat die Warwick Business School diese Erkenntnisse mit konkreten Zahlen untermauert.

Die Studie der renommierten britischen Wirtschaftsuniversität zeigt, dass die Renditedifferenz zwischen Frauen und Männern im Durchschnitt 1,8 Prozent pro Jahr beträgt. Hochgerechnet auf zwei Jahrzehnte bedeutet das eine um 40 Prozent höhere Rendite bei von Frauen verwalteten Vermögen. Eine beeindruckende Zahl.

Das wirft eine zentrale Frage auf: Warum setzen sich die besseren Voraussetzungen nicht auch in einer stärkeren Marktpräsenz durch? Und wie sollen Frauen am Schluss sogar noch verlieren?

Von Psychologie und männerdominierter Domäne

Die eigentlich einfache Antwort auf diese Fragen hat mehrere Gründe. Zwei davon sind die psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern und ein Finanzwesen, das nach wie vor eine männerdominierte Domäne ist. Beides wirkt als erhebliche Barriere für den Einstieg von Frauen in die Finanzwelt.

Eine Studie des Versicherers New York Life verdeutlicht diese Problematik. Demnach fühlt sich etwa die Hälfte der befragten Frauen von Finanzberatern bevormundet. Etwa 40 Prozent haben das Gefühl, dass ihre Vorschläge oder Wünsche nicht ernst genommen werden. Und ebenso viele der Frauen empfinden, dass sie von ihren Beratern aktiv aus den Finanzgesprächen gedrängt werden. Vermutlich wird das Gespräch dann (im Beisein der Frau) mit dem Mann fortgeführt und abgeschlossen.

Im Vergleich zu früheren Umfragen des Versicherers von vor sechs Jahren haben sich alle diese Werte um bis zu ein Drittel verschlechtert - insbesondere beim Gefühl der Bevormundung. Frauen stossen demnach nicht nur auf strukturelle, sondern auch auf soziale Hürden, die ihr Selbstvertrauen untergraben. Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass viele Frauen den Finanzmärkten distanziert gegenüberstehen. Die Folge ist eine vergleichsweise geringe Beteiligung, die sich langfristig negativ auswirkt. Ein grosses Plus verwandelt sich also in ein Minus.

Denn Studien zeigen, dass ein beträchtlicher Teil des von Frauen verwalteten Vermögens nicht investiert ist. Laut dem Finanzdienstleister Inyova kümmern sich nur rund 11 Prozent der Frauen regelmässig um das Vermögen. Aufgrund steigender Herausforderungen bei der Vorsorge und der höheren Lebenserwartung von Frauen steigt aber die Bedeutung einer eigenständigen Vermögensplanung. Die vermehrte Partizipation der Frauen an den Finanzmärkten sollte damit eigentlich oberste Priorität haben.

Psychologische Fallstricke: Warum Frauen sich teils selbst im Weg stehen

Dabei hätten Frauen eigentlich die besten Eigenschaften, um an den Finanzmärkten erfolgreich zu sein: Disziplin, langfristiges Denken und ein höheres Sicherheitsbedürfnis als Männer. Die Autoren der Warwick Business School bezeichnen den Anlagestil von Männern im Vergleich zu Frauen als «Lotterie-Stil». Damit ist die Neigung gemeint, in spekulative Aktien zu investieren, deren Wert möglicherweise stark steigen könnte, gepaart mit dem Wunsch, an verlustreichen Aktien festzuhalten, während gewinnbringende Papiere - also jene, die tatsächlich an Wert gewonnen haben - verkauft werden.

Ein weiterer Faktor ist der Mut: Männer haben zu viel davon, was zur sogenannten «Overconfidence» führt. Dabei agieren Männer nicht nur schneller, sondern auch öfter. Durch diese Overconfidence überschätzen Männer ihre Fähigkeiten, handeln impulsiv und setzen auf riskante Wetten. Wie bei den Lotterielosen ist die Höhe des Gewinns verlockend, die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns wird aber fast immer unterschätzt.

Frauen hingegen sind disziplinierter, handeln bedachter und denken langfristiger. Diese an sich guten Eigenschaften werden jedoch im Zusammenhang mit der zuvor erwähnten Bevormundung zur Falle. Denn während Männer zu viel riskieren, riskieren Frauen oft nichts. Der Wunsch, zunächst alles möglichst vollständig zu verstehen, bevor investiert wird, führt häufig dazu, dass Investitionsentscheidungen hinausgezögert oder ganz vermieden werden - im Fall von einem untergrabenen Selbstvertrauen. In der heutigen Finanzwelt ist «vollständiges» Wissen ohnehin eine Unmöglichkeit. Und so bleiben Frauen, die sich nicht sicher genug fühlen, lieber in vermeintlich sicherem Cash. 

Die Illusion der Sicherheit

Tatsächlich liefert Bargeld langfristig die schlechteste Performance aller Anlageklassen. Laut dem Forschungsinstitut der Deutschen Bank, das eine Studie mit Finanzdaten aus 56 Ländern der vergangenen 200 Jahre veröffentlichte, ist Cash somit nicht die risikoärmste, sondern die riskanteste Anlageklasse überhaupt. 

Mit einer durchschnittlichen Rendite von minus zwei Prozent pro Jahr ist Inaktivität das Risikoreichste, was man über einen längeren Zeitraum tun kann. Im Nullzinsumfeld, in dem sich die Schweiz bereits seit vielen Jahren befindet, trifft dies umso mehr zu.

Zum Vergleich: Aktien waren während der vergangenen zwei Jahrhunderte die beste Anlageklasse mit einer inflationsbereinigten Rendite (in US-Dollar) von 4,9 Prozent pro Jahr.  Staatsanleihen erzielten 2,6 Prozent, Gold 0,4 Prozent.

Langfristige Vermögensverluste durch Inaktivität respektive das Halten von Bargeld sind enorm: Hätte eine Frau in ihren Zwanzigern 100 Franken pro Monat über 30 Jahre in Aktien, Staatsanleihen oder Bargeld investiert, läge das inflationsbereinigte Vermögen am Schluss bei etwa 81’700 Franken bei Aktien, 54’400 Franken bei Staatsanleihen - oder 27’000 Franken (Cash). Gesamthaft hat sie 36’000 Franken einbezahlt.

In einer Welt mit unvollständigen Informationen und langfristig spürbaren Vermögensverlusten durch Inaktivität ist «einfach machen» somit die eindeutig bessere Variante. Die Männer sind der Beweis dafür. Das ist auch der Grund, weshalb sie trotz unvorteilhafterer Eigenschaften vorn liegen: Sie handeln, auch wenn sie sich nicht sicher sind. Sie investieren, auch wenn sie nicht alles verstehen. Wer nicht alles auf eine Karte setzt, dem verzeiht die Zeit die kleinen Imperfektionen.

Handlungsvorschläge: Wie Frauen ihr Potenzial ausschöpfen könnten

Die Lösung des Problems liegt nicht darin, dass sich Frauen wie Männer verhalten sollen, sondern darin, dass sie ihre Stärken nutzen - und einen ersten Schritt wagen.

Erstens sollten sie ihre eigenen Einstiegshürden senken. Man muss nicht zwingend in Einzeltitel investieren, die ein vertieftes Wissen und Interesse über Unternehmen, das Geschäft und das Marktumfeld erfordern. Heute gibt es viele Fonds und Indexfonds (ETF), die eine einfache, diversifizierte und kostengünstige Alternative bieten und ganze Märkte, oder Sektoren abdecken. Diese Produkte ermöglichen es, schon mit kleinen Beträgen zu starten. Besonders zu Beginn des Investitionsprozesses, wenn man Erfahrung sammeln möchte, ist dies von Vorteil.

Ein Beispiel: Schon ab rund 85 Franken kann man über den UBS-ETF «UBS Core SPI» oder den «iShares Core SPI ETF» von Blackrock (er handelt bei 164 Franken) kostengünstig in die gesamte Schweizer Börse investieren. 86 Franken pro Monat sind ein kleiner Betrag, mit grossem Effekt: Nach dreissig Jahren hätte man damit ein Vermögen von über 85’000 Franken angehäuft.

Anschliessend sollte die eigene Finanzbildung gestärkt werden. Es geht aber nicht darum, alles zu verstehen, sondern darum, genug zu wissen, um selbstbewusst Entscheidungen zu treffen, den Beratern auf Augenhöhe zu begegnen. Die meisten kochen auch nur mit Wasser und setzen bloss das um, was ihre Bank beziehungsweise ihr Arbeitgeber ihnen vorgibt. Frauen (und auch Männer) sollten aber eine eigene Strategie rigoros umsetzen. Die Disziplin ist schliesslich das Steckenpferd der Frauen.

Durch frühzeitige Auseinandersetzung und Wissensaufbau können Frauen zudem gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Wenn die Zeit kommt, ist man bei Vorsorgethemen nicht überfordert oder kann als alleinige Überlebende einer Beziehung die Finanzthemen kompetent in die Hand nehmen.

Als letzten Punkt: Man sollte sich nichts vormachen. Die Finanzindustrie wird noch lange eine männerdominierte Domäne bleiben. Umso wichtiger ist es, dass Frauen Netzwerke aufbauen, in denen es hauptsächlich um den Austausch geht, ohne Verpflichtungen einzugehen. 

Hier können Vorbilder oder Mentorinnen für die nächste Generation von Anlegerinnen geschaffen werden. Gleichzeitig könnten durch solche Gruppen die Eintrittsbarrieren in die Finanzwelt weiter gesenkt werden. Gerade weil Frauen anders als Männer denken und andere Prioritäten setzen, können damit neue Formen des Erfolgs und innovative Ideen entstehen. Mit Vorteil für die gesamte Finanzindustrie.

Luca_Niederkofler
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