Die russische Zentralbank hat zwischen Dezember 2025 und Mai 2026 rund 34 Tonnen Gold verkauft, wie aus Bloomberg-Daten hervorgeht. Der Bestand ist damit auf 73,7 Millionen Unzen beziehungsweise 2292 Tonnen gefallen. Derart wenig Gold hielt Russland zuletzt im Laufe des Jahres 2021, kurz bevor der Krieg in der Ukraine eskalierte. Die verkauften 34 Tonnen Gold entsprechen einem Gegenwert von 5,2 Milliarden Dollar, wenn man den durchschnittlichen Feinunzenpreis der ersten Monate des Jahres von 4700 Dollar zugrunde legt.
Die Gründe für die Goldverkäufe können vielseitig sein: «Der gestiegene Finanzierungsbedarf des Staates aufgrund des Krieges ist eine mögliche Erklärung. Ebenso denkbar sind Gewinnmitnahmen nach dem starken Goldpreisanstieg oder ein reguläres Management der Währungsreserven», sagen die Spezialisten des Edelmetallhändlers Philoro.
Es gehe in erster Linie um die Deckung des russischen Budgetdefizits, erklärte auch die zuständige Expertin der Finanzgesellschaft Freedom Finance Global in einem Ende Mai erschienen Bericht.
Dass Russland aufgrund des seit über Jahren andauernden Krieges Geld für die Staatskasse braucht, sieht auch Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft: «In den ersten Jahren des Krieges gegen die Ukraine hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten, doch nun sind die Reserven aufgebraucht», sagte der Ökonom Anfang Juni. Er führte aus: «Die wirtschaftlichen Grundlagen haben sich deutlich abgeschwächt. Die fiskalischen Reserven sind weitgehend aufgebraucht, das Wachstum ist zum Stillstand gekommen, und die Abhängigkeit von China wird immer ausgeprägter. Gleichzeitig dürften höhere Ölpreise infolge des Krieges am Golf vermutlich nur vorübergehende fiskalische Effekte haben.»
Russland ist vom Käufer zum Verkäufer geworden
Bemerkenswert ist zudem, dass die Verkäufe seit Anfang 2026 einen über Jahre anhaltenden Trend umkehren: Russland hatte seine Goldreserven seit der Jahrtausendwende von 422 auf über 2300 Tonnen aufgestockt.
Ausserdem sind Zentralbanken in der jüngeren Vergangenheit überwiegend als Käufer, nicht als Verkäufer, des gelben Edelmetalls aufgetreten und waren dadurch einer der Treiber des Goldpreises. Hingegen dürfte Russland durch seine Goldverkäufe den Weltmarktpreis kaum bewegt haben. «Die russischen Verkäufe fallen gemessen an der weltweiten Goldnachfrage und den umfangreichen Käufen anderer Zentralbanken kaum ins Gewicht», sagen die Spezialisten von Philoro.
Dass eine Unze des Edelmetalls mittlerweile weniger als 4000 Dollar kostet, liegt an der Entspannung der weltpolitischen Lage und an der Zinspolitik der US-Notenbank (Fed). Diese hielt den geldpolitischen Schlüsselsatz an der letzten Sitzung konstant. Doch da die Inflationsrate über dem 2-Prozent-Ziel der Fed liegt, gehen die Erwartungen in Richtung einer strafferen Geldpolitik und höherer Zinsen. Diese machen Gold gegenüber zinstragenden Anlageklassen weniger attraktiv.

