Warum verkaufen Lindt-Chefs ihre Titel?

Wenn Topmanager Aktien des eigenen Unternehmens verkaufen, erregt dies Aufsehen. Im März fallen unter anderem umfangreiche Verkäufe durch die Chefs von Lindt & Sprüngli auf. In anderen Firmen wurde hingegen dazugekauft.
30.03.2016 06:56
Von Marc Forster
So wie bei der Schokoladenproduktion portionengenau gearbeitet wird, wurden auch Lindt-PS häppchenweise verkauft.
So wie bei der Schokoladenproduktion portionengenau gearbeitet wird, wurden auch Lindt-PS häppchenweise verkauft.
Bild: ZVG

Die Vermutung liegt nahe: Wer ein Unternehmen leitet, kauft oder verkauft Aktien mit dem Wissen um den weiteren Geschäftsverlauf. Im März kam es beim Lindt & Sprüngli zu 16 Transaktionen - alles Verkäufe. Deren Summe beläuft sich auf 24,1 Millionen Franken. Gemäss den Meldungen auf der Website der SIX Group waren der oder die Verkäufer Mitglieder des Verwaltungsrats oder der Geschäftsleitung.

Genauer definiert ist dies in den öffentlich einsehbaren Meldungen der SIX nicht. Management-Transaktionen müssen offengelegt werden, denn der Regulator will dadurch eine gewisse Transparenz schaffen. Gemeldet werden müssen Transaktionen, die von Verwaltungsräten oder Angehörigen des obersten Managements getätigt werden.

Zum Teil ist es Kaffeesatzlesen

Nur: Die Meldungen allein erlauben aber wenig definitive Einschätzungen. Manager können Aktien auch abstossen, um für irgendwelche Ausgaben an Geld zu kommen. Zudem häufen sich Management-Transaktionen beim einem Unternehmen dann, wenn zum Beispiel Aktien, die als Vergütungsbestandteil ausbezahlt worden waren, nach einer gewissen Zeit nicht mehr gesperrt sind. Dies ist in den SIX-Meldungen in der Regel so vermerkt.

Lindt macht nicht seit diesem März wegen Managementtransaktionen von sich reden. Schon 2015 veräusserten die Topmanager des Schoggi-Konzerns für sage und schreibe 185 Millionen Franken Partizipationsscheine (PS), also die Beteiligungspapiere ohne Stimmrecht. Aber so leicht lassen sich die Firmenlenker nicht in die Karten blicken. Lindt-CEO Ernst Tanner sagte vor wenigen Wochen in einem cash-Interview, er habe dafür Verständnis: "Das Lindt-Management hat Optionen auf Partizipationsscheinen ausgelöst. Die einen haben ein Haus gekauft, andere eine Familie gegründet. Dafür sind diese Optionen da."

Laut Angaben einer Lindt-Sprecherin vom letzten Oktober in der "Aargauer Zeitung" sind die Verkäufe "eng" an das Optionsprogramm für Mitarbeiter gebunden. Die Optionen auf Partizipationsscheine, die sie als Teil ihres Salärs erhalten, seien während drei bis fünf Jahren gesperrt. Sieben Jahre nach der Zuteilung verfallen sie.

Solche Präzisierungen fehlen aber auf der Website der SIX bei den Verkäufen der Lindt-PS. Was aber immer nachgesehen werden kann und unabänderlich festgehalten ist, ist der Kurs: Der PS von Lindt ist 2015 um 26,8 Prozent gestiegen. Seit Anfang Jahr fiel der Kurs aber um 8,5 Prozent. Im März, wo sich die Transaktionen häuften, bewegte er sich mehr oder weniger seitwärts. Sowohl der PS wie die Aktie von Lindt erreichten letztes Jahr ein Rekordhoch. Gut möglich daher auch, dass einige der Topmanager des Schoggi-Konzerns nicht mehr an ähnliche Steigerungsraten der Wertpapiere glauben und daher vorzeitig Kasse machen.

Käufe und Verkäufe nach Kursanstieg

Neben Lindt listet die SIX weitere Meldungen auf. Beim Marktdienstleister DSKH, der sein Geschäft auf Asien ausgerichtet hat, meldete ein Mitglied der Konzernführung Mitte März in einer einzigen Transaktion 250'000 Namensaktien für 16,2 Millionen Franken.  Sagen lässt sich, dass in der zweiten Februarhälfe, also vor der Transaktion, innerhalb von etwa zehn Tagen der Kurs um 8 Prozent gestiegen war, bevor sie wieder fielen. Die Auswirkungen des Verkaufs auf den Kurs insgesamt auszuloten ist wiederum schwierig. Mit einem Kurszugewinn von 1,6 Prozent seit Jahresanfang liegen die DKSH-Valoren immerhin noch besser im Rennen als der Gesamtmarkt (SPI -9,1 Prozent).

In die Schlagzeilen geraten ist Aryzta-Chef Owen Killian, der Mitte März für rund 19 Millionen Franken Aktien verkaufte. Genau in diesen Tagen fiel der Kurs des Backwarenkonzerns um 25 Prozent, wovon er sich seitdem auch nicht stark erholt hat. Killian war gezwungen, eine Erklärung abzugeben. Offenbar musste er Aktien, die er als Sicherheiten für private Kredite hinterlegt hatte, zu Geld machen. Der Kurs hat sich noch nicht erholt.

Beim Mischkonzern Calida verdienten Verwaltungsräte und/oder Geschäftsleitungsmitglieder in neun gemeldeten vergütungsabhängigen Verkäufen im März insgesamt rund 360'000 Franken. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn um den Monatswechsel Februar/März stieg der Aktienkurs innert weniger Tage um 20 Prozent. Gleichzeitig kaufen die Caldida-Chefs auch: Ebenfalls im März wurden aus dem Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung für rund 350'000 Franken Aktien erworben.

Grossinvestor kauft zu - und sagt es auch

Mit grössen Wertpapier-Zukäufen durch das Management fielen in letzter Zeit auch Bâloise auf (287'000 Franken, 3 Transaktionen) und Vontobel (600'000 Franken, drei Transaktionen) auf. Mit einem hohen Kaufvolumen schliesslich erscheint auch die Aktie von LafargeHolcim in den SIX-Meldelisten, wo an zwei Tagen im März für 11 Millionen Franken Aktienkäufe gemeldet wurden. Kurz darauf sagte Nassef Sawiris, Grossinvestor, Verwaltungsrat und Bruder von Tourismusunternehmer Samih Sawiris, er habe in diesen Transaktionen Aktien des Zementkonzerns erworben.

LafargeHolcim meldet durchwachsene Geschäftsverläufe und gehört zu den seit Jahresanfang am schlechtesten performenden Titeln im SMI: Der Kursverlust beträgt 15 Prozent. Im März allein betrachtet stiegen die Kurse aber um 6,3 Prozent.

Dass Verwaltungsrat Sawiris einen hohen Betrag in Aktien des Unternehmens steckt, kann als gewisser Vertrauensbeweis in die Zukunft der erst 2015 fusionierten Gruppe gelten. Während es für einen Verkauf viele Gründe gibt, deutet ein Kauf schon stark darauf hin, dass der Käufer steigende Kurse erwarten. Einen Aktienkauf durch das Management als direktes Kaufsignal zu werten, ist wiederum heikel. Wie oft im Aktienhandel sind solche Informationen mit viel Spekulationspotenzial behaftet. Sollte Sawiris bald wieder LafargeHolcim-Aktien verkaufen, wäre dies - immerhin - möglicherweise aus den Meldungen bei der SIX sichtbar.