100'000 Franken sind für die Mehrheit der Bevölkerung eine «Stange» Geld. Der durchschnittliche Herr oder Frau Schweizer müssen mehr als ein Jahr dafür arbeiten, um diesen Betrag rein vom ausbezahlten Lohn zu erreichen. Umso wichtiger: Wenn ein solcher Betrag erreicht, gewonnen oder geerbt wird: Was macht man damit?

Experten sind sich einig: Das Geld dem Sparbuch vor sich hin dümpeln zu lassen, ist eine der schlechteren Lösungen - wenn auch eine der sichersten. Die Sparzinsen in der Schweiz sind extrem tief - und sollte sich die Schweizerische Nationalbank für negative Leitzinsen entscheiden, dürften Banken nachziehen und Strafzinsen auf höhere Sparbeträge erheben. Wie gehabt in der Negativzinsphase von 2015 bis 2022.

Die Alternative, die sich aufdrängt: Das Geld anlegen. Dabei gibt es jedoch nicht nur eine Option, sondern viele verschiedene.

Egal für welche Anlageklasse(n) man sich entscheidet, Diversifikation ist das A und O. Denn wer sein Geld über verschiedene Anlageklassen, Regionen und Branchen streut, reduziert das Risiko einzelner Fehlentwicklungen und stabilisiert die Gesamtentwicklung des Portfolios.

Damit fällt das Stichwort «Portfolio-Allokation» – oder im Neudeutschen auch gängig als «Asset Allocation». Sie bezeichnet die strategische Aufteilung des Vermögens auf verschiedene Anlageklassen.

Matthias Geissbühler, Anlagechef von Raiffeisen, verrät: «Persönlich würde ich 100'000 Franken in dividendenstarke Schweizer Blue Chips, Schweizer Small und Mid Caps sowie Gold investieren.» Die Allokation sähe also wie folgt aus: 10 Prozent Gold als physisch hinterlegter ETF (Exchange Traded Fund oder: börsenkotierter Index-Fonds), 25 Prozent in einem diversifizierten aktiven Fonds von Schweizer Small/Mid Caps und 65 Prozent Schweizer Bluechips. 

Anlagehorizont, Risikofähigkeit und Zukunftspläne

Bevor eine solche Allokation jedoch vorgenommen wird, steht eine Analyse der Risikofähigkeit und der Risikobereitschaft im Mittelpunkt, rät Geissbühler. Erstere bezeichnet die Fähigkeit des Anlegers, Wertschwankungen auf seinen Anlagen zu verkraften, ohne in finanzielle Bedrängnis zu geraten. Zweitere fokussiert sich eher auf die persönlichere Ebene, also: Wie viel Risiko will ich nehmen? 

Beide können sich je nach persönlicher Lebenssituation stark unterscheiden, und vielmehr sollten sie sich entsprechend ausrichten. Grundsätzlich gilt: Je länger der Zeithorizont, desto mehr Risiko kann eingegangen werden. 

«Jüngeren Anlegerinnen und Anlegern mit einem längeren Anlagehorizont ist ein höherer Aktienanteil zu empfehlen», sagt der Raiffeisen-Experte. Eine mögliche Aufteilung sieht er so: 5 Prozent Liquidität, 18 Prozent Obligationen, 63 Prozent Aktien, 7 Prozent Gold und 7 Prozent Schweizer Immobilienfonds. Das entspreche einem Wachstumsportfolio.

Nebst den persönlichen Umständen spielen auch externe Faktoren eine wichtige Rolle. Hierbei stehen nebst der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung auch das Zinsumfeld und die Inflation im Zentrum. Gerade im aktuellen Nullzinsumfeld, wo die Renditen auf sicheren Obligationen fast nichts mehr hergeben, rücken Aktien gemäss Matthias Geissbühler stärker in den Vordergrund. 

Ein zukunftsorientierter Blick kann auch die Wahl der Assets vereinfachen, da so strukturelle Trends, die Märkte und Anleger in der nächsten Dekade beeinflussen werden, herausgearbeitet werden können. So rücken automatisch bestimmte Assetklassen und konkrete Anlagen in den Vorder- oder Hintergrund.

Tieferes Risikoprofil

Klar: Man muss mit einem tiefen Risikoprofil nicht alles Bargeld anlegen. Aktien sind jedoch langfristig die wichtigste Quelle für Wachstum im Portfolio, weil Anleger an den Gewinnen von Unternehmen teilhaben. Kurzfristig können die Kurse jedoch stark schwanken, besonders in wirtschaftlich unsicheren Phasen. Wer investiert, braucht deshalb Geduld und eine gute Diversifikation über Branchen, Länder und Währungen hinweg. Das Risiko lässt sich bei Aktien jedoch anpassen durch Anteilsquote, Branchenwahl, oder die Unternehmensgrösse. 

Geissbühler empfiehlt Schweizer Anlegern, einen «Home Bias» zu verfolgen, also sollte die Hälfte der Aktienquote in Schweizer Aktien investiert werden. «Ich bevorzuge Titel wie Nestlé, Novartis, Roche, Givaudan, Sika, Swiss Life, Swiss Re, Swatch sowie Kühne+Nagel.» Wer noch mehr Sicherheit sucht, kann den Fokus auf sogenannte Dividendenaristokraten legen, welche über eine hohe und zuverlässige Ausschüttung verfügen und so einen entscheidenden finanziellen Zustupf bieten (eine Auswahl dazu hier).

Ebenso sind diverse ETF oder generell Fonds eine vielversprechende Möglichkeit, welche sich nicht auf Einzeltitel fokussieren und so das Risiko minimieren. Für Heimatorientierte sind ETF wie der «MSCI Switzerland Index» oder der «iShares SMI® ETF» eine Überlegung wert. Letzterer hat im vergangenen Jahr eine Gesamtrendite von 17,6 Prozent erzielt. Auch im Ausland gibt es solche Angebote wie den «FTSE All-World» oder den «Solactive GBS Global Markets Large & Mid Cap Index».

Immobilien gelten ebenfalls oft als solide Anlage, weil sie über lange Zeiträume stabile Mieterträge liefern und einen gewissen Schutz vor Inflation bieten. Gleichzeitig sind sie weniger liquide und stark vom Zinsumfeld abhängig: Steigende Zinsen können Preise unter Druck setzen, während Leerstände oder unerwartete Kosten die Rendite beeinträchtigen. In einem Portfolio übernehmen Immobilien deshalb eine stabilisierende, aber nicht risikofreie Rolle. Eine Beteiligung kann entweder über Direktinvestitionen, wie den Kauf einer eigenen Wohnung oder eines Hauses, oder über Immobilienfonds oder Immobilien-ETFs erfolgen. Diese werden von diversen Schweizer Banken oder Versicherern angeboten.

Anlagen wie Obligationen bieten weiter eine solide Basis: Sie sind in der Regel weniger schwankungsanfällig und liefern planbare Erträge, qualitativ gute Anleihen können das Portfolio stabilisieren. Auf der Anleiheseite empfiehlt Geissbühler eine Beimischung von ausländischen Investment-Grade-Anleihen, aber auch Schwellenländeranleihen, beispielsweise ein «iShares J.P. Morgan EM Local Govt Bond UCITS ETF». Bei diesen sollte eine Währungsabsicherung erfolgen, in Schweizer Franken «gehedgte» Tranchen. Ebenso bieten Edelmetalle, insbesondere Gold, eine relativ sichere Absicherung gegen Krisen und Inflation und mildern Schwankungen im Gesamtportfolio ab.

Dennoch gilt: Auch defensive Anlagen sind nicht risikofrei - Zinsänderungen, Bonitätsrisiken oder Produktkosten können die Rendite beeinflussen. Wichtig ist daher, die Gewichtung regelmässig zu überprüfen und allenfalls anzupassen - etwa über breit gestreute Immobilienfonds statt einzelner Objekte oder durch eine moderate Gewichtung.

Höheres Risikoprofil

Für Risikofreudigere kann der Aktienanteil noch weiter erhöht werden. Nimmt man das Portfolio-Beispiel des Raiffeisen-CEO, so schlägt er folgende Aufteilung vor: Obligationenteil auf 0 Prozent reduzieren und die Aktienquote entsprechend auf 81 Prozent erhöhen. Der Rest, also 5 Prozent Liquidität, 7 Prozent Gold und 7 Prozent Schweizer Immobilienfonds bleibt unverändert.

Innerhalb der Aktienwahl kommen hier auch eher einzelne Titel infrage. Ein klassisches Beispiel dafür sind Techwerte wie Nvidia oder weitere Vertreter der «Magnificent Seven». Das KI-Vorreiter-Unternehmen Nvidia hatte 2024 fast 190 Prozent zugelegt. Letztes Jahr waren es 55 Prozent. 

In der Schweiz bieten VAT, Comet oder Inficon heimische Beteiligung am Megatrend. Ihre Kursverläufe sind allerdings stark von denjenigen der grossen US-Namen abhängig und weisen eine hohe Volatilität auf. Zur Erinnerung: Nvidia büsste vergangenes Jahr an einem Börsentag 600 Milliarden Dollar ein. Das ist die Krux an sogenannten Wachstumstiteln – es ist ein schmaler Grat zwischen hoher Rendite und hohem Risiko. 

Währungsanlagen oder Kryptowährungen sind ebenso risikobehaftet. Cyberdevisen wie Bitcoin oder andere digitale Assets bieten Innovations- und Wachstumspotenzial, sind aber extrem volatil und unterliegen regulatorischen sowie technologischen Risiken. Kurse können in kurzer Zeit stark steigen – aber ebenso schnell deutlich fallen. Hier können Anleger direkt Anteile der Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether kaufen, oder über einen ETF oder ETP wie den «ETP HODLX» von 21shares, der die zehn grössten Kryptowährungen umfasst.

Auch Währungsanlagen - etwa der Kauf einzelner Fremdwährungen oder währungsspezifischer Produkte wie Währungs-ETCs (Exchange Traded Currencies) – reagieren stark auf Zinsen, Konjunktur und Politik. Diese Faktoren lassen sich nur begrenzt vorhersagen, weshalb Wechselkurse teils abrupt und deutlich schwanken. Währungen eignen sich daher eher als taktischer Zusatz, nicht als Kernanlage.

Es lohnt sich, sogenannte «Safe-Haven-Währungen» zu bevorzugen, wie den Schweizer Franken, den Yen, den US-Dollar oder den Euro. Aber auch diese Währungen können schwanken – sicherer bedeutet nicht risikofrei. 

Grundregeln für den Erfolg

Wichtig: Egal welches Risikoprofil und welches Ziel: Grundsätzlich gilt, dass erfolgreiches Anlegen weniger auf «Geheimtipps» und schnellen Erfolgen, als auf einigen einfachen, konsequent angewendeten Prinzipien basiert. Perfekt ist weniger wichtig als konsequent und langfristig. Niemand erwischt immer den besten Zeitpunkt – sofern es diesen überhaupt gibt. Entscheidend ist, dranzubleiben, Kosten tief zu halten, Emotionen zu zügeln – und dem Plan treu zu bleiben.

Nicht vergessen werden sollte ausserdem das Rebalancing, denn mit der Zeit verschieben Marktbewegungen die ursprüngliche Gewichtung eines Portfolios. Es lohnt sich in regelmässigen Abständen, die getätigten Investitionen zu prüfen und allenfalls anzupassen

Auch wenn von hohen Beträgen auf dem Sparkonto abgeraten wird: Ein Notgroschen von mehreren Monatsausgaben – sicher und jederzeit verfügbar auf dem Sparkonto – verhindert, dass Anlagen vorschnell verkauft werden müssen. Experten empfehlen, mindestens drei bis sechs Monatslöhne auf der Seite zu haben. Dieses Polster sollte vor dem Investieren verwahrt werden.

Auch die Altersvorsorge über die Säule 3a ist zwingend für den Erhalt des Lebensstandards auch nach der Pensionierung. Die Säule 3a profitiert zusätzlich von steuerlichen Vorteilen, ist jedoch, was die Liquidität angeht, schwierig, da nur in bestimmten Fällen auf das Ersparte zugegriffen werden kann.

Aisha Gutknecht arbeitet seit Juli 2024 als Redaktorin für cash.ch.
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