Der Ölmarkt zeigt sich im April 2026 äusserst nervös. «Derzeit wird der Preis vor allem durch das Angebotsdefizit getrieben», erklärt Jason Giezendanner, Rohstoffanalyst der Schwyzer Kantonalbank (SZKB). US-Präsident Donald Trump kündigte vor wenigen Tagen an, den Schiffsverkehr von und zu iranischen Häfen in der Strasse von Hormus durch die US-Marine blockieren zu lassen, nachdem die Verhandlungen mit Teheran gescheitert waren.
Diese Meerenge ist für die Staaten am Persischen Golf unerlässlich, um Erdöl in die ganze Welt zu exportieren. Rund ein Fünftel der globalen Energieversorgung fliesst durch die Transportroute. Durch die aktuelle Entwicklung ist das grundlegende Vertrauen in stabile Lieferketten aus dem Nahen Osten erschüttert.
«Rund 13 Millionen Fass pro Tag sind durch die Blockade der Strasse von Hormus vom Markt abgeschnitten, etwa 12 Prozent des globalen Angebots vor dem Krieg», verdeutlicht der SZKB-Experte. Die letzten Verschiffungen von vor der Blockade werden bis etwa 20. April angekommen sein, danach wirke das Defizit voll auf den Markt.
Für Herr und Frau Durchschnitt in der Schweiz sind die höheren Ölpreise primär ein Kostentreiber, der sich zunehmend im Alltag bemerkbar macht. Öl macht einen grossen Bestandteil der globalen Wertschöpfungskette aus: steigt der Preis, verteuern sich sogleich Transport, Produktion und Logistik der Unternehmen. Diese geben die Mehrkosten teilweise oder ganz an die Konsumenten weiter.
Die teurere Zapfsäule
Am direktesten zeigt sich der Einfluss des Ölpreises an der Tankstelle. Rohöl ist der Hauptbestandteil von Benzin, also schlagen sich steigende Rohölpreise früher oder später in höheren Kosten fürs Autofahren nieder.
Giezendanner rechnet vor: «Der durchschnittliche Benzinpreis in der Schweiz ist seit Jahresbeginn um etwa 13 Prozent gestiegen.» Lag er anfangs Jahr noch bei rund 1,65 Franken pro Liter, kostet der Sprit nun durchschnittlich 1,87 Franken pro Liter. Was zunächst nach wenig aussieht, addiert sich auf Monatssicht jedoch schnell zu einem zwei- oder dreistelligen Betrag.
Einzelne Haushalte spüren die paar Rappen Unterschied stärker als andere. Der SZKB-Experte bestätigt: «Am stärksten betroffen sind Haushalte und Unternehmen mit hohem Treibstoffverbrauch.» Aber es trifft auch Familien mit geringem Einkommen, weil der Preisaufschlag einen grösseren Anteil im Portemonnaie wegfrisst als bei einer Familie mit einem hohen Einkommen.
Direkter Schutz ist laut Giezendanner nur begrenzt möglich. Möglichkeiten sind etwa die stärkere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder vermehrtes Homeoffice, wie es in Teilen Asiens bereits vom Staat gefördert werde.
Vom Einkaufskorb bis zur Inflation
Die wohl weitreichendste Wirkung hat der höhere Ölpreis bei den Alltagsgütern. Ein langjähriges Sprichwort besagt: «Jeder Trade ist ein Öl-Trade». Kaum ein Produkt kommt heutzutage ohne fossile Energie aus – sei es in der Herstellung, beim Transport oder in der Verpackung.
«Energie und Treibstoffe machen rund 5 Prozent des Landesindex der Konsumentenpreise aus. Bei länger anhaltend hohen Preisen steigen auch die Kosten entlang der Lieferketten und damit die Preise vieler Güter», erklärt Jason Giezendanner. Gerade in der Schweiz, einer stark importabhängigen Volkswirtschaft, wird dieser Effekt einzig durch den starken Franken etwas abgefedert.
Die höheren Kosten der Unternehmen schlagen sich früher oder später auch in den Verkaufsregalen der Migros oder Coop nieder. Für Haushalte bedeutet das eine schleichende Erosion der Kaufkraft. Damit wird der Ölpreis zu einem zentralen Treiber der Inflation.
Nimmt man das Beispiel eines Produktes A, welches nur 50 Rappen mehr kostet, fällt das im ersten Moment vielen Ladenbesuchern nicht einmal auf. Aber in der Jahresrechnung ist der Effekt durchaus spürbar. Kauft ein Haushalt jede Woche ein Produkt A, sind das 78 Franken, also 26 Franken, die mehr bezahlt werden. Auch hier wird klar, dass ärmere Haushalte stärker betroffen sind als vermögende Personen.
Der SZKB-Experte betont jedoch, dass die Weltwirtschaft heutzutage deutlich weniger ölabhängig sei als noch zu Zeiten der Ölkrisen in den 1970er-Jahren. Die Wertschöpfung basiere stärker auf Dienstleistungen als auf energieintensiven Industriegütern. Alternative Energiequellen und eine höhere Nutzungseffizienz reduzierten deshalb die Bremswirkung des aktuellen Öl-Angebotsschocks.
Heizen: Der unterschätzte Kostenfaktor
Weniger sichtbar, aber oft gewichtiger ist der Einfluss auf die Heizkosten. Noch immer heizt ein erheblicher Teil der Schweizer Haushalte mit Öl – insbesondere in älteren Liegenschaften ausserhalb der urbanen Zentren.
Hier wirkt der Ölpreis im Gegensatz zum Tanken unmittelbar. Steigen die Notierungen für Rohöl, erhöhen sich die Kosten für das Auffüllen des Tanks eins zu eins. Anders als bei Treibstoffen an der Tankstelle wird dieser Effekt gerade für Mieterinnen und Mieter aber erst verzögert sichtbar, weil die Nebenkostenabrechnung nur einmal pro Jahr anfällt. Dann allerdings kann die Belastung umso stärker ausfallen.
Hinzu kommt, dass steigende Ölpreise häufig auch andere Energieträger verteuern. Gaspreise orientieren sich oft an der Entwicklung von Öl, und selbst Strom bleibt nicht vollständig verschont, da fossile Energien im europäischen Energiemix weiterhin eine grosse Rolle spielen. Der Effekt ist daher systemisch: Energie wird insgesamt teurer – unabhängig davon, womit konkret geheizt wird.
Zwischen Entspannung und Eskalation
Eine gewisse Sorge der Bevölkerung über den höheren Ölpreis ist also berechtigt, und eine Entspannung ist vorerst nicht in Sicht. «Selbst bei einem Deal und der Öffnung der Strasse von Hormus wird es mehrere Monate dauern, bis das Angebot wieder das Vorkrisenniveau erreicht, da die Infrastruktur beschädigt ist und Produzenten sowie Reedereien zunächst Sicherheit benötigen», schätzt Jason Giezendanner von der SZKB die Lage ein.
Dämpfend wirken Freigaben aus strategischen und kommerziellen Reserven. Der Analyst führt aus: «Die kommerziellen OECD-Lagerbestände könnten bereits im Mai ein operatives Minimum erreichen, was eine Nachfragerationierung nötig machen könnte. Zusätzliche Freigaben der strategischen Reserven durch die IEA, sowie insbesondere China, das über die weltweit grössten Reserven verfügt, könnten einen Teil des Schocks absorbieren.»
Bei einer weiteren Eskalation sei allerdings ein Anstieg in Richtung 120 Dollar pro Fass möglich. Der Kollege der UBS, Giovanni Staunovo, rechnet per Ende Juni mit 100 Dollar pro Fass, allerdings hätten die Ölprognosen aktuell eine erhöhte Unsicherheit.
Sicher ist: Solange der Nahostkonflikt und die Situation um die Meerenge nicht geklärt sind, dürfte eine erhöhte Risikoprämie im Preis eingepreist bleiben. Im Eskalationsfall sind weitere Preissprünge jederzeit möglich – mit entsprechenden Folgen für Inflation und Konsum.

