Der weltweite KI-Boom füllt ASML die Auftragsbücher. Der niederländische Konzern ist der weltweit führende Anbieter von Maschinen zur Computerchip-Produktion. Nach einer Serie starker Geschäftszahlen und optimistischer Prognosen fragen sich immer mehr Anleger: Kann ASML als erstes europäisches Unternehmen beim Börsenwert die Marke von einer Billion Dollar knacken?
«Die Aussichten für die Branche insgesamt sind besser denn je, und ASML nimmt dabei eine entscheidende Position ein», erläutert John Lamb der Fondsgesellschaft Capital Group. Konkurrenz müsse das Unternehmen auf absehbare Zeit nicht fürchten, weil die Entwicklung hochmoderner Chipmaschinen viele Jahre dauere und Milliarden verschlinge. Sein Kollege Antoine Hucher vom Vermögensverwalter Aviva Investors sieht ASML ebenfalls auf Kurs zu einer Billionenbewertung. «Angesichts der jüngsten Kursturbulenzen bei KI-Werten wird der Weg dorthin jedoch nicht geradlinig verlaufen.»
ASML ist der weltweit einzige Anbieter sogenannter Lithographie-Maschinen, die mit extrem ultraviolettem (EUV) Licht arbeiten. Dadurch können sie besonders feine Strukturen auf Siliziumscheiben (Wafer) belichten, wie sie für die neuesten KI- und Smartphone-Prozessoren benötigt werden. Die Anlagen haben die Grösse eines Doppeldecker-Busses und kosten mehrere hundert Millionen Dollar pro Stück. Wichtige Kunden des niederländischen Konzerns sind der weltgrösste Halbleiter-Auftragsfertiger TSMC sowie die Speicherchip-Hersteller Samsung und SK Hynix.
Die ASML-Aktie hat ihren Kurs in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Die in den USA notierten Titel kosten aktuell etwa 1750 Dollar. Daraus ergibt sich eine Marktkapitalisierung von knapp 680 Milliarden Dollar. Zum Sprung über die Marke von einer Billion Dollar müsste der Kurs um weitere 49 Prozent auf rund 2600 Dollar steigen. Einige Analysten trauen den Papieren innerhalb der kommenden zwölf Monate dieses Niveau zu.
Doch bereits jetzt sind die Papiere vergleichsweise teuer: Ihr Kurs/Gewinn-Verhältnis liegt mit 38 deutlich über dem des Kunden TSMC, der unter anderem für Nvida Hochleistungsprozessoren für Künstliche Intelligenz (KI) fertigt. Diese hohe Bewertung sei nur dann gerechtfertigt, wenn das Tempo beim Ausbau der KI-Infrastruktur unverändert hoch bleibe, betont Finanzmarktexperte Trent Masters vom Vermögensverwalter Alphinity. «Jede Abkühlung wird auf die Zahlen von ASML durchschlagen.» Weltweit investieren Cloud-Anbieter, allen voran die sogenannten Hyperscaler Amazon Web Services (AWS), Google und Microsoft allein in diesem Jahr einen hohen dreistelligen Milliardenbetrag in den Bau neuer Rechenzentren.
Geopolitische Risiken
Weitere Risiken drohen von politischer Seite. Auf Druck der USA darf ASML seine EUV-Maschinen nicht nach China liefern. Damit soll der technologische und militärische Aufstieg der Volksrepublik gebremst werden. Ältere Modelle, die mit tief-ultraviolettem Licht (DUV) arbeiten, dürfen vorerst noch verkauft werden. Ein US-Gesetzentwurf würde dies jedoch verbieten. Zudem wäre es ASML dann wohl untersagt, bereits ausgelieferte Anlagen zu warten. Das China-Geschäft trägt aktuell rund ein Fünftel zum Konzernumsatz bei.
Dem Analysten Kinngai Chan vom Research-Haus Summit Insights zufolge bieten sich ASML auch jenseits des KI-Booms Wachstumschancen. Die Speicherchip-Produzenten Samsung, Hynix und Micron stiegen derzeit von DUV- auf die modernen und kostspieligeren EUV-Maschinen um. Sein Kollege Marc Hesselink von der ING Bank hält sogar eine weitere Beschleunigung der Nachfrage für möglich. Die vom Milliardär Elon Musk geplante «Terafab», die Chips für seinen Weltraumkonzern SpaceX und den Elektroautobauer Tesla produzieren soll, könnte sich zu einem weiteren Umsatzbringer entwickeln.
(Reuters)

