Es ist schon rein gedanklich eine Kehrtwende: Nachdem man über Jahrzehnte Vermögen aufgebaut hat, wird man das Geld nach der Pensionierung bewusst wieder ausgeben - ja schier ausgeben müssen. Das klingt einladend und scheint trivial: Geld ausgeben - was soll daran schwierig sein? Die Antwort lautet: Sogenanntes Entsparen ist anspruchsvoll, weil es von der Lebenserwartung, dem verfügbaren Vermögen, den Einkünften, den Ausgaben, der eigenen Risikofähigkeit, den Steuern sowie von persönlichen und finanziellen Weichenstellungen abhängt.
«Der erste Entscheid ist: Rente oder Kapital?», sagt Felix Niederer, CEO des Finanzdienstleisters True Wealth im Gespräch mit cash.ch. Ob man das Pensionskassenvermögen als Rente oder als Kapital bezieht, hängt vom Umwandlungssatz, von der persönlichen Finanzkompetenz, vom Wunsch nach Flexibilität beziehungsweise vom Wunsch nach einem voraussagbaren Einkommen ab. Erfahrungsgemäss entscheidet sich bei der Pensionskasse je rund ein Drittel der Leute für die Rente, für das Kapital beziehungsweise für eine Mischform aus beidem.
Wesentlich ist dann auch die Lebenserwartung. Heute 65‑jährige Männer werden laut offizieller Statistik im Schnitt noch etwas mehr als 20 Jahre leben. Gleichaltrige Frauen haben ab heute durchschnittlich noch 23 Jahre Lebenszeit vor sich. Finanziell anspruchsvoll wird es, wenn jemand deutlich länger lebt, als die Statistik es vermuten lässt. Bisweilen kann ein langes Leben zum finanziellen Risiko werden: Was, wenn das Geld ausgeht, während man noch lebt? Staatliche Hilfe hält einen über Wasser, wofür sich allerdings viele Menschen schämen.
Aus dieser Warte gesehen, sind Rentenbezüger auf der sicheren Seite: «Die Rente ist planbar und räumt das Langlebigkeitsrisiko aus - beziehungsweise verlagert es auf die Pensionskasse», sagt Niederer.
Der Kapitalbezug gebe einem Flexibilität, berge aber das Risiko, dass man das Geld aufbrauche, bevor man sterbe, so der True-Wealth-CEO weiter. «Deswegen ist beim Kapitalbezug eine sorgfältige Planung entscheidend. Sie berücksichtigt die Steuerprogression, die Lebenserwartung, die voraussichtlichen Ausgaben pro Jahr, die Teuerung und die eigene Risikofähigkeit - also die Fähigkeit, schwache Phasen am Kapitalmarkt finanziell durchzustehen.»
Die Steuerprogression ist eine relevante Grösse: Kapital, das aus der Pensionskasse oder der Säule 3a bezogen wird, unterliegt einem progressiven Steuersystem - für höhere Beträge gelten höhere Steuersätze als für kleinere Beträge. Wer eine steuerliche Mehrbelastung vermeiden will, staffelt die Bezüge, zum Beispiel indem er oder sie mehrere 3a-Konten führt und diese eines nach dem anderen auflöst.
Das Budget als Anker
Für die Planung des sogenannten Entsparens nach der Pensionierung ist das Budget zentral, wie Melanie Näf, Leiterin des Fachzentrums Finanzplanung von Raiffeisen Schweiz, sagt. Sie führt aus: «Ausgaben können neben den fixen Lebensunterhaltskosten auch neue Freizeitbeschäftigungen, Renovationen oder ein neues Auto sein.» Einnahmen könnten insbesondere aus Renten oder Kapitalerträgen stammen. «Sind die Ausgaben höher als die Einnahmen, entspricht die Differenz dem Vermögensverzehr.»
Beispiele zeigen, dass die Verwendung des aus unterschiedlichen Töpfen - namentlich aus AHV, Pensionskasse und dritter Säule - stammenden Guthabens entscheidend ist.
Eine erste Rechung geht von einem Ehepaar aus, wobei der Einfachheit halber beide Partner 65-jährig seien und somit gleichzeitig in den Ruhestand gingen. Beide haben sich gegen den Kapitalbezug aus der zweiten Säule entschieden und kommen auf gemeinsame Einkünfte aus AHV- und Pensionskassenrenten von 90'000 Franken pro Jahr. In der dritten Säule haben beide zusammen 80'000 Franken angespart. Das Paar benötigt pro Jahr 96'000 Franken für den notwendigen Lebensunterhalt sowie für Hobbys und Reisen.
Die Differenz zwischen Ausgaben und fixem Renteneinkommen beträgt 6000 Franken. Dieser Betrag soll durch das Vermögen aus der dritten Säule gedeckt werden. Diese total 80'000 Franken werden nach spätestens 14 Jahren aufgebraucht sein, wenn sie auf ein Konto mit null Prozent Zins gelegt werden.
Die Summe von 80'000 Franken reicht hingegen für 24 Jahren, wenn sie am Kapitalmarkt angelegt wird und dabei - stolze - 5 Prozent Rendite erzielt. Dann ist das Vermögen aufgebraucht, wenn die Eheleute 89-jährig sind und somit das statistisch erwartbare Lebensalter leicht überschritten haben.
Leben sie länger, werden sie gewisse Ausgaben zurückfahren und so pro Jahr 6000 Franken sparen müssen. So können sie dank der Renten aus der ersten und der zweiten Säule den Lebensunterhalt weiter bestreiten, ohne ins Minus zu geraten.
Ein zweites, die Realität wiederum vereinfachendes Beispiel dreht sich um einen alleinstehenden Mann, der soeben das Rentenalter erreicht hat. Er bekommt eine AHV-Rente von 25'000 Franken pro Jahr. Derweil hat er sich gegen die Rente aus der beruflichen Vorsorge entschieden und insofern kein weiteres fixes Einkommen.
Das aus zweiter und dritter Säule bezogene Kapital beläuft sich auf total 700'000 Franken. Sein Lebensstil ist mässig, sodass er mit 70'000 Franken pro Jahr durchkommt. Unter Berücksichtigung der AHV-Einkünfte verbleiben 45'000 Franken, die der Mann durch den Einsatz seines Kapitals beitragen muss.
Parkiert er die 700'000 Franken auf einem Sparkonto ohne Zins, so sind sie nach 16 Jahren aufgebraucht. Eine missliche Lage für den Mann, da er nun weder eine Rente noch Kapital, aber wohl noch einige Jahr zu leben hat.
Besser ergeht es ihm, wenn er das Geld anlegt: Bei einer Rendite von 5 Prozent pro Jahr reicht das Geld für gut 30 Jahre, also bis zum 95. Altersjahr. Streitbar ist allerdings, ob 5 Prozent Rendite pro Jahr über drei Jahrzehnte erzielbar sind.
Die Beispiele zeigen also auch, dass beim Entsparen Umsicht angezeigt ist: «In der Planung sind vorsichtige Annahmen zu Ausgaben, Einnahmen, Renditen und Lebenserwartung sinnvoll. Sie ersparen böse Überraschungen oder schaffen zusätzlichen Spielraum am Ende des Planungshorizonts», sagt Melanie Näf von Raiffeisen. Empfehlenswert sei es, schon einige Jahre vor der Pensionierung ein Budget aufzustellen. «So sammelt man Erfahrung und erfährt, ob die getroffenen Annahmen realistisch sind oder angepasst werden müssen.»
Ebenso kann es laut der Raiffeisen-Expertin sinnvoll sein, bereits vor der Pensionierung Erfahrungen im Anlagebereich zu sammeln. «Dies ermöglicht es, die eigene Haltung gegenüber Investitionen an den Finanzmärkten besser einzuschätzen und das persönliche Risikoprofil zu entwickeln.»
Tipps aus der Praxis hat auch Felix Niederer: Puffer sind ihm zufolge wichtig, «damit einem nicht das Geld ausgeht, wenn man länger als erwartet lebt, Kapitalmärkte sich schwach entwickeln oder unvorhergesehene Ausgaben nötig werden.» Es empfehle sich deshalb, eine überdurchschnittliche Lebenserwartung und grosszügige Jahresausgaben einzuplanen. «Wenn am Schluss etwas übrig bleibt - umso besser.»
Kapital und Rente gemischt
Neben den ausschliesslichen Entscheiden für die Rente oder für das Kapital sind auch Mischformen möglich.
Ein Teilkapitalbezug mischt die Vor- und Nachteile beider Varianten: So trägt die Rente zur finanziellen Absicherung bei und fängt das Langlebigkeitsrisiko auf. Mit dem Kapital kann man sich einem je nach Pensionskasse tiefen Umwandlungssatz entziehen und sich zudem Flexibilität verschaffen.
Zur Abwägung, wie genau Rente und Kapital kombiniert werden sollen, gibt es eine Faustformel. Sie geht von einem finanziellen Grundbedarf aus. Dieser wird durch die AHV-Rente und andere sichere Einkommensquellen gedeckt. Der darüber hinausgehende Finanzbedarf kann mit dem Geld aus einem Kapitalbezug bestritten werden. Diese Tabelle gibt ein Beispiel für ein Jahresbudget:
| Posten | Betrag in CHF |
| AHV-Rente | 30'000 |
| Wohnen | - 18'000 |
| Lebensunterhalt | - 12’000 |
| Versicherungen | - 10’000 |
| Steuern | - 4’000 |
| Freizeit | - 6’000 |
| Puffer | - 4’000 |
| Saldo | - 24'000 |
Der AHV-Rente von 30'000 Franken stehen Ausgaben für den Grundbedarf von total 54'000 Franken gegenüber. Das Defizit - 24'000 Franken - soll durch eine Pensionskassenrente gedeckt werden. Bei einem Umwandlungssatz von 5 Prozent werden folglich 480'000 Franken verrentet. Das restliche Altersguthaben kann man als Kapital beziehen - beispielsweise 520'000 Franken, wenn man im Laufe des Lebens ein Guthaben von einer Million Franken in der zweiten Säule aufgebaut hat.
Bisher erschienen in der cash-Serie Finanzdemografie:

