Die Marktstimmung an den US-Börsen wird zunehmend schwieriger. Die Investierenden in Übersee sind bis über beide Ohren in Call-Optionen engagiert, um von der Kursrallye zu profitieren. Unsicherheiten um den Iran-Krieg, Inflationsängste und höhere Leitzinsen mahnen zu einer gewissen Zurückhaltung.
«Die jüngste Rallye wurde von starken Unternehmensgewinnen, Optimismus im Bereich KI, dem Aufholen von Positionierungslücken und der durch Optionen ausgelösten Jagd nach Kursgewinnen getrieben», so die Derivatestrategen von Barclays unter der Leitung von Stefano Pascale gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. «Trotz eines positiven langfristigen Umfelds nehmen die Risiken für eine Kurskorrektur zu.»
Die Barclays-Strategen stellen fest, dass die Positionierung mittlerweile angespannt sei, die Zinssensitivität aufgrund anhaltender Inflationssorgen zugenommen habe und die Euphorieindikatoren sich kräftig erholt haben. Die geringere Volatilität und eine sich abflachend, ungleiche Verteilung der impliziten Volatilität zwischen Optionen mit demselben Verfallsdatum, aber unterschiedlichen Ausübungspreisen, mache Absicherungen gegen Kursverluste attraktiver.
Positiv ist die jüngste Korrektur bei den Halbleiter-Valoren von Broadcom zu werten, welcher bei den am Mittwoch vorgelegten Quartalszahlen nicht zu überzeugen vermochte. Entsprechend hat dies einen Teil des bullishen Momentums korrigiert. Zudem stehen viele Investoren dem IPO von SpaceX skeptisch gegenüber. Das ist ebenso hilfreich, um die jüngst zuweilen überbordende Jubelstimmung an den US-Märkten abzubremsen.
Neben dem Börsengang von SpaceX werden die Märkte in der nächsten Woche die anhaltend unsichere Lage im Nahen Osten und die erste Sitzung der Federal Reserve unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh in der nächsten Woche zu bewältigen haben.
Hype versus Wahrheit inmitten der IPO-Welle
Viele Investierende befürchten zudem, die Rekordbörsengänge von SpaceX, OpenAI oder Anthropic könnten in den nächsten Wochen und Monaten dem US-Aktienmarkt einen heftigeren Dämpfer versetzen.
Die Geschichte ist jedoch weniger eindeutig, wie Christian Gattiker, Leiter Research von Julius Bär, gegenüber cash.ch erklärte. «Frühere IPO-Wellen beendeten nicht immer einen Zyklus. Häufiger spiegelten sie eine hohe Liquidität, eine gesunde Risikobereitschaft und einen Markt wider, der bereit war, zukünftiges Wachstum zu finanzieren – Faktoren, die auch heute noch relevant sind.»
Die jüngste Berichtssaison bestätigt den positiven Trend. Die Hyperscaler wie Amazon, Google, Microsoft und Oracle lieferten erneut Ergebnisse, welche die Erwartungen übertrafen. Dies zeige, dass sie auf die jüngsten Monster-KI-Investitionen mit einem Umsatzwachstum von über 20 Prozent - sprich dem höchsten Wert seit vier Jahren - bisher erfolgreich monetarisieren können, so Gattiker. Dies habe eine breite Rallye für die «Pickel-und-Schaufeln-Hersteller» des KI-Booms, wie beispielsweise Halbleiter, und darüber hinaus ausgelöst.
Selbst in den Bereichen Software und Cybersicherheit, die als Verlierer galten, ändert sich das Bild. Die technischen Indikatoren in diesen Sektoren verbessern sich, und das Interesse an Leerverkäufen bleibe hoch. Dies biete Raum für Kurserholungen, sofern die Nachrichtenlage weiterhin positiv bleibe.
Deshalb sei es wichtig, den IPO-Boom richtig zu interpretieren, führt der Experte von Julius Bär weiter aus. Erstens sollten Mega-IPOs nicht mit automatischen «Must-have»-Investitionen für die nächsten zwölf Monate verwechselt werden.
Sie sollten jedoch auch nicht als definitive Indikatoren für das Ende eines Zyklus gewertet werden. «Viele der grössten IPO-Kandidaten werden erst später in diesem Jahr oder sogar erst Anfang 2027 erwartet, was eher für ein konstruktives Marktfenster als für eine unmittelbar bevorstehende Erschöpfung spricht», so die Konklusion von Gattiker.
Drei Punkte beachten
Die Analysten der Researchboutique Datatrek in New York haben drei Faktoren ausgemacht, welche das Ende des aktuellen Bullenmarkets ausmachen könnten. Erstens zeige die Erfahrung von 1999 und 2000, dass auf rasche und überdurchschnittliche Kursgewinne unmittelbar ein technischer Bärenmarkt mit einem Minus von 20 Prozent folgt. Dies sei ein Zeichen dafür, dass die Märkte ausschliesslich von Momentum und nicht von Fundamentaldaten bestimmt werden.
Zweitens sei ein Bullenmarkt wahrscheinlich beendet, wenn negative Ereignisse die politischen Entscheidungsträger überforderten. Als dritter Punkt können Fehler in der Fed-Geldpolitik Bullenmärkte zum Scheitern bringen, selbst wenn sie keine Rezession auslösen. Die Konklusion der Datetrek-Experten ist deshalb: «Wir bleiben optimistisch, da 'noch' keine dieser Bedingungen erfüllt ist.»

