«Unsere Botschaft an die Commerzbank ist: Es ist an der Zeit zu reden», sagte UniCredit-Chef Andrea Orcel in einer Telefonkonferenz am Montag. Er strebe auch einen «konstruktiven Dialog» mit anderen Commerzbank-Aktionären an. Damit gemeint ist vor allem die Bundesregierung, die noch zwölf Prozent hält und - wie die Commerzbank-Führung unter Bettina Orlopp - eine Übernahme der Bank bisher ablehnt. Das freiwillige Angebot, das die Mailänder Grossbank in eigenen Aktien bezahlen will, bewertet die Commerzbank mit knapp 35 Milliarden Euro.
«Ich gehe nicht davon aus, dass wir damit die Kontrolle (über die Commerzbank) übernehmen», sagte Orcel. Die Offerte, die Anfang Mai offiziell vorgelegt werden soll, gebe nun zwölf Wochen Zeit dafür. «Wir werden sehen, wohin uns das bringt.» Er hofft auf einen Befreiungsschlag. «Wir sind absolut offen dafür, Lösungen in Gesprächen mit der deutschen Politik zu finden, die alle glücklich machen.» Es gehe darum, das Hin und Her der vergangenen Monate zu beenden, das nichts gebracht habe. Ohne diesen Vorstoss «wären wir in Feindseligkeit und Aggression abgerutscht», formulierte Orcel.
An seinem Ziel, die Commerzbank zu übernehmen, hat sich nichts geändert. «Wir glauben an Deutschland, wir glauben an den Mittelstand, und wir lieben Polen», sagte er. UniCredit ist mit der Münchner HypoVereinsbank bereits in Deutschland vertreten. «Europa braucht grössere und stärkere Banken», Deutschland tue es nicht gut, dass sein Bankensystem so fragmentiert sei. «Eine Fusion würde nicht nur Wert für die Aktionäre schaffen, sondern auch für Deutschland und Europa.» Seine Ansicht werde aber nicht von allen geteilt, räumte Orcel ein.
Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) reagierte zurückhaltend: «Wir werden die neue Situation ergebnisoffen und verantwortungsvoll prüfen und bewerten», teilte der Politiker mit. «Massstab für uns ist und bleibt, dass der europäische Finanzplatz Frankfurt am Main, Europas Nummer eins, gestärkt und nicht geschwächt wird», fügte er hinzu. Ausserdem müssten in allen Gesprächen die Interessen der Mitarbeiter und der Kunden der Commerzbank «angemessen berücksichtigt» werden.
Bund verhalf Unicredit erst zum Einstieg bei Commerzbank
UniCredit will den Commerzbank-Aktionären rund 0,485 eigene Aktien bieten, das entspreche 30,80 Euro je Commerzbank-Aktie. Das sind nur vier Prozent mehr als der Schlusskurs vom Freitag von 29,59 Euro. Am Montag legte die im Leitindex Dax notierte Commerzbank-Aktie um 3,5 Prozent auf 30,60 Euro zu. UniCredit-Aktien gaben leicht nach. Angesichts dessen werde UniCredit damit nicht deutlich über 30 Prozent hinauskommen - die Marke, an der die Italiener schon kratzen. Europäische Bankenaktien hatten in den vergangenen Wochen angesichts des Iran-Kriegs und den befürchteten Folgen deutlich nachgegeben. UniCredit hat erst seit einigen Wochen gesetzlich die Möglichkeit, ein Angebot in eigenen Aktien und nicht in bar zu machen.
Ein verunglückter Verkauf von Commerzbank-Aktien durch die Bundesregierung hatte UniCredit im September 2024 zum Einstieg bei dem Frankfurter Geldhaus verholfen. Seither haben die Italiener nach und nach aufgestockt. Derzeit halten sie direkt 26 Prozent an der Commerzbank und haben über Derivate Zugriff auf weitere knapp vier Prozent.
Mit dem freiwilligen Angebot hat Orcel die Gelegenheit, weitere Commerzbank-Aktien an der Börse zu kaufen, ohne ein Pflichtangebot vorlegen zu müssen, das voraussichtlich höher sein müsste. Ein Pflichtangebot wäre fällig geworden, wenn die Italiener die 30-Prozent-Schwelle - etwa durch den Einzug zurückgekaufter Commerzbank-Aktien - überschritten hätten. Vor dem Start der Offerte braucht UniCredit aber noch die Zustimmung einer ausserordentlichen Hauptversammlung, die am 4. Mai stattfinden soll.
Das Vorgehen der Unicredit erinnert an das des Mailänder Medienkonzerns MFE beim bayerischen Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 2025. Die Holding MFE-MediaForEurope der Familie des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi hatte mit einer niedrigen Offerte ebenfalls eigentlich nur über die 30-Prozent-Schwelle kommen wollen, um günstig weiter aufstocken zu können. Ein Bieterkampf mit dem zweitgrössten Aktionär PPF führte am Ende aber zu einer Aufstockung - und einer Mehrheitsübernahme von ProSiebenSat.1.

