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Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Auch an der Börse kommt der Appetit meist erst beim Essen. Oder genauer gesagt mit steigenden Kursen.

Am Mittwoch zündete Stifel-Analyst Tobias Fahrenholz beim Automobilzulieferer Bossard ein Kursfeuerwerk. Er stufte die Aktien des Schraubenspezialisten aus Zug mit einem Kursziel von 200 (zuvor 160) Franken von "Hold" auf "Buy" hoch, woraufhin diese in der Spitze um mehr als 10 Prozent zulegten. Und das, obwohl der Analyst nicht mit wirklich neuen Erkenntnissen aufwarten konnte. Er mache bei der Bewertung Aufholpotenzial gegenüber anderen Branchengrössen aus, so liess Fahrenholz unter anderem durchblicken.

Das Kursfeuerwerk ist keine Selbstverständlichkeit, reagierte die Börse bei anderen Kaufempfehlungen oder Kurszielerhöhungen zuletzt doch ziemlich unterkühlt. Das Rezept, um steigende Kurse zu verursachen, scheint denn auch denkbar einfach: Man nehme eine Aktie mit einem engen Markt und heize ihr mit einer Kaufempfehlung so richtig ein.

Das dachte sich womöglich auch Analyst Serge Rotzer von der Credit Suisse, als er am Freitagmorgen die Wiederabdeckung der Aktien von Ascom mit "Outperform" und einem Kursziel von 15,80 Franken aufnahm. Er sieht die operative Talsohle beim Spitalkommunikationsspezialisten aus Bern durchschritten. Mit seinen operativen Gewinnschätzungen liegt Rotzer um bis zu 11 Prozent über den durchschnittlichen Erwartungen seiner Kollegen.

Kursentwicklung der VAT-Group-Aktien seit dem Börsengang im April 2016 (Quelle: www.cash.ch)

Seit besagtem Morgen sorgen weitere Analysten für eine Fülle an neuen Schweizer Aktienempfehlungen. Eine geradezu spektakuläre Kehrtwende vollzieht Sebastian Künne von der Royal Bank of Canada. Wohlverstanden auf dem Rekordhoch. Er stuft die Aktien des Halbleiterzulieferers VAT Group von "Sector Underperform" auf "Sector Outperform" herauf. Und um der Kehrtwende den nötigen Nachdruck zu verleihen, nimmt der Analyst eine Quasi-Verdoppelung des Kursziels auf 240 (130) Franken vor. Seine Gewinnerwartungen für das Unternehmen aus dem Rheintal erhöht er allerdings nur etwas.

Von einer Kehrwende in zwei Akten kann bei der Heraufstufung der Aktien von Adecco von "Hold" auf "Buy" durch die Deutsche Bank gesprochen werden. Neuerdings beziffert Analyst Dominic Edridge das Kursziel auf 65 (zuvor 48) Franken. Seines Erachtens befindet sich die Belebung in den Absatzmärkten des Stellenvermittlers noch in den Kinderschuhen. Die durchschnittlichen Gewinnerwartungen seiner Berufskollegen hält er deshalb für zu tief. Zur Erinnerung: Sein Vorgänger Tom Sykes war über mehrere Jahre hinweg stets pessimistisch für das Unternehmen und seine Papiere.

Analyst Edouard Aubin von Morgan Stanley haben es hingegen die Aktien von Richemont angetan. In Erwartung einer kräftigen Belebung der Nachfrage nach Luxusgütern in China hebt er sein Anlageurteil von "Equal-weight" auf "Overweight" an. Das Kursziel gibt Aubin neuerdings mit 87 (zuvor 74) Franken an. Das wiederum entspräche dem 37-fachen des nächstjährigen Gewinns. Im günstigsten Fall sieht der Analyst die Valoren gar auf 104 Franken klettern.

Seit wenigen Tagen haben die Aktien von Richemont wieder Auftrieb (Quelle: www.cash.ch)

Zu diesen Kaufempfehlungen gesellen sich immer öfter auch neue Analystenstimmen hinzu. So nahm erst kürzlich die Citigroup die Erstabdeckung der Aktien der Versandapotheke Zur Rose mit "Buy" und einem Kursziel von 330 Franken auf. Mirabaud Securities pries hingegen die Papiere von DKSH mit einem Kursziel von 75 Franken zum Kauf an und feierte den Marktexpansionsdienstleister als heisse Wette was die Verteilung von Covid-19-Impfstoffen im asiatischen Raum anbetrifft.

Solange die Musik spielt, wird getanzt. Doch wenn die Musik plötzlich verstummt, verhält es sich an der Börse meist wie beim bekannten Gesellschaftsspiel "Reise nach Jerusalem" - dann werden die Stühle knapp. Oder wie die Amerikaner so schön zu sagen pflegen: Wer nackt im Meer steht und wer mit Badehose, zeigt sich erst, wenn die Ebbe einsetzt.

Bleiben wir deshalb also doch noch ein bisschen im Meer stehen und lauschen der Musik, behalten aus weiser Vorahnung jedoch die Badehose an – immer im Wissen, dass die Ebbe doch irgendwann wieder einsetzt...

 

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