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Es ist eine riesige Welle an Aktienumstufungen und Kurszielanpassungen, welche da über den Schweizer Aktienmarkt hereinbricht. Da überrascht es mich nicht, wenn momentan kaum ein Tag vergeht, ohne dass mir nicht irgendwelche Merkwürdigkeiten ins Auge springen würden.
Da wäre etwa die Kurszielerhöhung von Goldman Sachs für die Aktien von Accelleron. In einem mir zugespielten Kommentar bringt die zuständige Analystin Daniela Costa – bei der amerikanischen Investmentbank mittlerweile seit bald 18 Jahren für Unternehmen aus der europäischen Investitionsgüterindustrie verantwortlich – mit Blick auf die Jahresergebnisveröffentlichung ihr Bewertungsmodell auf den neusten Stand. Darauf abgestützt errechnet sie neuerdings ein Zwölf-Monats-Kursziel von 67 (zuvor 59) Franken, wobei sich an den Gewinnerwartungen eigentlich nicht wirklich viel ändert.
Das war übrigens auch schon bei der letzten Anpassung im Oktober vergangenen Jahres so, als die Goldman-Sachs-Analystin mit reichlich Verspätung auf das Halbjahresergebnis von Ende August reagierte und ihr Zwölf-Monats-Kursziel auf 59 (zuvor 52) Franken erhöhte. Damals wie heute werden die Valoren der früheren ABB-Tochter mit «Neutral» eingestuft.
Die von mir kritisierte Verspätung dürfte übrigens dem grossen Anlageuniversum geschuldet sein, welches die Analystin mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Abteilungskollegen abdeckt. Und da Accelleron «bloss» einen Börsenwert von 6,5 Milliarden Franken auf die Waage bringt, gibt man bei Goldman Sachs in London den teilweise deutlich grösseren europäischen Branchennachbarn verständlicherweise den Vorzug.
Noch am Freitag feierten die Aktien von ABB neue Kursrekorde (Quelle: www.cash.ch)
Selbst zum einstigen Mutterhaus ABB gilt es von interessanten Beobachtungen zu berichten. Dass die Aktien des schweizerisch-schwedischen Industrie-Urgesteins mit neuen Rekorden ins neue Jahr starten, dürfte dem für die Deutsche Bank tätigen Analysten Gael de-Bray vermutlich gar nicht schmecken. Am Freitag erhöhte er das Kursziel zwar zähneknirschend auf 54 (zuvor 49) Franken. Von seiner Verkaufsempfehlung will er sich allerdings partout nicht abbringen lassen.
Reumütig räumt der Analyst ein, die Gewinnaussichten des Unternehmens rückblickend zu pessimistisch eingeschätzt zu haben. Bei dieser Gelegenheit verpackt er auch gleich ein neues Aktienrückkaufprogramm in Höhe von bis zu drei Milliarden Dollar in sein Bewertungsmodell hinein.
Wer nun denkt, dass es sich bei der Kurszielerhöhung vom Freitag um eine Ausnahme handelt, der irrt. Neugierig wie ich bin, habe ich kurz in meinen Unterlagen nachgeschaut: Es war im Juni 2024, als de-Bray die Aktien von ABB in Erwartung von Gewinnenttäuschungen von «Hold» auf «Sell» herunterstufte. Seither ruderte der Analyst bei seinem Kursziel nach und nach zurück. Im April 2024 lautete dieses noch 41 Franken, Ende Juni desselben Jahres 42 Franken, Mitte September jedoch 45 Franken und gut vier Wochen später dann 47 Franken und kurze Zeit später 49 Franken.
Bei sämtlichen dieser Gelegenheiten blieb das «Sell» lautende Anlageurteil unangetastet. Doch der Aktienkurs beim schweizerisch-schwedischen Industrie-Urgestein stieg und stieg. Folglich muss sich der Deutsche-Bank-Analyst den Vorwurf gefallen lassen, dass es sich bei der Abfolge von Kurszielerhöhungen um eine «Kapitulation in Raten» handelt.
Diese Abfolge macht de-Bray aus meiner Sicht zum neuen «König der Kursziele». Vor etwas mehr als fünf Jahren hatte ich diesen Titel eigentlich dem für die Bank Vontobel tätigen Pharmaanalysten Stefan Schneider verliehen. Es macht ganz den Anschein, als habe Schneider damals meine Zeilen gelesen, passt er seine Kursziele für die Valoren von Roche und Novartis seither doch nur noch dann an, wenn auch wirklich Anlass hierzu besteht.
Ähnlich wie dem Barclays-Analysten ergeht es bei ABB auch Sean McLoughlin von der britischen HSBC. McLoughlin erhöht sein Kursziel auf 55 (zuvor 50) Franken. Im Wissen, dass die Valoren am Freitagabend bei knapp 62 Franken aus dem Handel gingen, kommt diese Anpassung für mich ziemlich halbherzig daher. Auch das «Hold» lautende Anlageurteil will da nicht so recht ins Bild passen.
Bei Roche hingegen verlässt mit James Quigley von Goldman Sachs einer der letzten Analysten das Lager der Pessimisten. Er stuft die Genussscheine von «Sell» auf «Neutral» herauf und veranschlagt neuerdings ein Zwölf-Monats-Kursziel von 365 (zuvor 260) Franken. Mit den Forschungserfolgen bei Giredestrant und Fenebrutinib hätten die Basler mit den zuvor grossen Bedenken in Bezug auf die Innovationskraft aufräumen können, wie Quigley schreibt. Im Wissen, dass diese Forschungserfolge schon seit langen Wochen bekannt sind, kommt diese Erkenntnis reichlich spät.
Seit November geht es für die Bons von Roche steil nach oben (Quelle: www.cash.ch)
Soviel ich weiss, hat mittlerweile nur noch die für Morgan Stanley tätige Pharmaanalystin Sarita Kapila eine Verkaufsempfehlung für Roche ausstehend. Sie stuft die Genussscheine mit «Underweight» und einem Kursziel von 290 Franken ein und hält die kursseitigen Vorschusslorbeeren für das Brustkrebsmittel Giredestrant für übertrieben.
Für Gesprächsstoff sorgt in hiesigen Börsenkreisen auch eine kräftige Kurszielerhöhung des Stifel-Analysten Ed Hall für die Aktien von Medartis. Denn während er die Valoren des Medizinaltechnikherstellers aus Basel neuerdings mit einem Kursziel von 102 (zuvor 86) Franken zum Kauf anpreist, streicht er seine Gewinnschätzungen um bis zu 60 Prozent zusammen. Mit anderen Worten: Der Analyst verpackt ganz schön viel «Zukunftsmusik» mit in sein Bewertungsmodell – unter anderem für die Übernahme von KeriMedical.
In Zeiten stark steigender Aktienmärkte ist es nicht eben ungewöhnlich, wenn die Gewinnerwartungen der Analysten nicht mit ihren Kurszielen schritthalten können – selbst wenn das Beispiel von Medartis auch gar extrem anmutet.
Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Wenn ein Aktienanalyst bei der Beurteilung eines Unternehmens danebenliegt, dann passt er seine Schätzungen an. Liegt ein Anleger daneben, dann verliert er Geld.
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