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Das hiesige Börsengeschehen stand in den letzten Tagen ganz im Zeichen grösserer Kursverwerfungen. Davon betroffen waren auch einige mehr oder weniger prominente "Opfer", etwa der Solarmodulhersteller Meyer Burger, das Pharmaunternehmen Idorsia, der Zahnarztbedarfsanbieter Coltene oder der Zugbauer Stadler Rail. Doch auch der Sanitärtechnikhersteller Geberit, der Pharmazulieferer Bachem oder der Cloud-Spezialist SoftwareOne gerieten ziemlich unter die Räder – wenn auch aus den unterschiedlichsten Gründen.

Wenn sich allerdings etwas wie ein roter Faden durchs Börsengeschehen zieht, dann sind das die insgesamt schwächer als erwartet ausfallenden Jahresergebnisse. Der starke Franken hat vielerorts tiefe Spuren im Geschäftsverlauf hinterlassen. Es überrascht mich, wie sehr viele Analysten die Folgen der Frankenstärke unterschätzt haben. Dabei lagen diese ja eigentlich auf der Hand.

Dass es auch anders geht, zeigen die überraschend starken Ergebnisse von Temenos und Richemont. Temenos scheint bei den Kosten endlich die Hausaufgaben gemacht zu haben. Das machte sich im Schlussquartal bezahlt, was den Aktien am heutigen Freitag Kursgewinne beschert. Nicht ohne Grund, liegt der operative Gewinn (EBIT) auf bereinigter Basis mit etwas mehr als 101 Millionen Dollar doch weit über den durchschnittlich von Analysten erwarteten 73 Millionen Dollar.

Das erklärt nun auch die augenscheinliche Häufung positiver Analystenkommentare in den vergangenen zwei Wochen. Zur Erinnerung: Jefferies ging von "Hold" auf "Buy" bis 90 (zuvor 70) Franken, Stifel von "Hold" auf "Buy" bis 100 (zuvor 80) Franken und die Bank of America sogar von "Underperform" auf "Buy" bis 100 (zuvor 53) Franken. Selbst die Bank Julius Bär will das "Hold" lautende Anlageurteil und das Kursziel von 70 Franken unter positiven Vorzeichen überdenken. Nun ist Warten angesagt –auf den detaillierten Zahlenkranz und noch vielmehr auf die diesjährigen Finanzziele.

Ebenfalls zu überzeugen vermochte Richemont. Allen Unkenrufen zum Trotz blickt der Luxusgüterhersteller auf ein erfreuliches Weihnachtsquartal zurück. Wortwörtlich brillierte einmal mehr das Schmuckgeschäft. Letzteres gilt nicht nur als krisensicher, sondern auch als margenstark und deshalb als lukrativ.

Kursfeuerwerk bei den Richemont-Aktien seit Donnerstag (Quelle: www.cash.ch)

Dass es bei den Valoren der Swatch Group im Windschatten davon nur kurz zu einem Aufbäumen kam, dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass der Bieler Uhrenhersteller ganz anders ausgerichtet und stärker von den Launen der Konsumentinnen und Konsumenten abhängig ist als der Gegenspieler Richemont. Die Swatch Group dürfte in den nächsten Tagen ebenfalls erste Vorabinformationen zum vergangenen Jahr veröffentlichen. Wann genau, darüber hüllt man sich am Hauptsitz in Biel wie üblich in Schweigen.

Ein allgegenwärtiges Thema bleibt der Kollaps des Immobilienentwicklers Signa. Seit dieser Woche liegt die Gläubigerliste vor. Diese liest sich wie das "Wer-ist-Wer" der Finanzindustrie. Auf besonders hohen Forderungen pochen die drei deutschen Versicherer Signal Iduna (912 Millionen Euro), Munich Re (700 Millionen Euro) und Allianz (300 Millionen Euro), wie ich einem Kommentar von Vontobel-Analyst Simon Fössmeier entnehme. Unter den Gläubigern ist auch Zurich Insurance zu finden, allerdings bloss mit Forderungen in Höhe von 1,8 Millionen Euro. Aus Schweizer Sicht ist der Signa-Kollaps – die Bank Julius Bär und einige Kantonalbanken ausgeklammert – vor allem eines: Ein Sturm im Wasserglas.

Wer im Sommer vor drei Jahren den Mut hatte und im Zuge der Bilanzsanierung bei Meyer Burger zu Kursen von 9 Rappen beherzt zugriff, konnte seinen Einsatz innerhalb weniger Monate vervierfachen. Im vergangenen Frühjahr wurden die Aktien in der Spitze dann sogar zu 70 Rappen und mehr gehandelt – angeschoben von immer noch abenteuerlicheren Kaufempfehlungen.

Zur Erinnerung: Mir wurde damals eine acht Seiten starke Studie aus den Handelsräumen von Goldman Sachs zugespielt. In der Studie kamen die dem "Midcap Equity Desk" angehörenden Autoren sogar auf einen fairen Wert von 1,50 Franken je Aktie.

Doch es sollte alles ganz anders kommen: Mittlerweile stehen die Aktionärinnen und Aktionäre von Meyer Burger vor einem kleineren Trümmerhaufen. Wie seit diesem Mittwoch bekannt ist, schliesst das Solarunternehmen das vergangene Jahr mit einem operativen Verlust (EBITDA) in Höhe von 126 Millionen Franken ab. Das liegt weit über dem von Analysten durchschnittlich geschätzten Verlust von 72 Millionen Franken.

Eigenen Angaben zufolge sieht sich Meyer Burger deshalb gezwungen, die Modulproduktion im deutschen Freiberg einzustellen. Davon wären bis zu 500 Beschäftigte betroffen. Der "Plan-B" sieht vor, die Produktion künftig nach Übersee zu verlagern. Das wiederum wäre allerdings mit Kosten von rund 450 Millionen Franken verbunden.

Geld, welches das Unternehmen nicht hat. Denn die liquiden Mittel schmolzen bis Ende Dezember auf rund 150 Millionen Franken. Das liegt weit unter den von Analysten durchschnittlich erhofften 309 Millionen Franken. Ohne eine umfassende Kapitalerhöhung lässt sich der "Plan-B" wohl kaum umsetzen.

Noch ist der Entscheid nicht gefallen. Das veranlasste mich zu folgendem Kommentar:

Die jüngsten Neuigkeiten kommen in ihrer Gesamtheit fast so etwas wie einer "Bankrotterklärung" in Sachen Premium-Strategie gleich. Chinesische Billiganbieter scheinen Meyer Burger das Wasser gehörig abzugraben, wie die Vorabinformationen fürs vergangene Jahr zeigen. Ohne Hilfe aus der Politik lassen sich die hochwertigen, gleichzeitig aber auch hochpreisigen Module allem Anschein nach nur schwer verkaufen.

Seit Mittwoch sind die Aktien des Solarunternehmens wieder für weniger als 10 Rappen das Stück zu haben. Dort notierten sie ja bekanntlich einst vor der Bilanzsanierung und anschliessenden Neuausrichtung. Ich befürchte, dass die Valoren jetzt erst recht zum Spielball der Spekulanten verkommen.

Auch wenn Patrick Laager mittlerweile nicht mehr für die Credit Suisse, sondern für die Berenberg Bank arbeitet und Meyer Burger dort nicht mehr abdeckt, möchte ich es mir an dieser Stelle nicht nehmen lassen, ihm ein Kränzchen zu winden. Mit seiner Skepsis in Bezug auf die Premium-Strategie lag er rückblickend völlig richtig.

Aufstieg und Fall der Aktien von Meyer Burger (Quelle: www.cash.ch)

Langjährige Leserinnen und Leser meiner Kolumne wissen, dass ich die Arbeit Laagers in all den Jahren eng mitverfolgt und seine Verkaufsempfehlungen immer mal wieder kritisiert habe. Das führte in hiesigen Börsenkreisen sogar zu Vermutungen, wonach es eine persönliche Fehde zwischen uns beiden gebe – was natürlich völliger Unfug ist. Ich wünsche ihm bei seinem neuen Arbeitgeber viel Erfolg.

Neben den Unternehmen mit ihren Jahresabschlüssen hielten uns Wirtschaftsjournalisten und Börsenkolumnisten auch die Analysten in den letzten Tagen ganz schön auf Trab. Gestern Donnerstag traf eine weitere Kaufempfehlung für die Aktien von AMS Osram ein. Robert Sanders von der Deutschen Bank strich zwar sein Kursziel für die Valoren des Sensorenherstellers auf 2,50 (zuvor 4) Franken zusammen, stufte letztere gleichzeitig jedoch von "Hold" auf "Buy" herauf.

Nach der erfolgreichen Bilanzsanierung könne sich die Geschäftsleitung nun voll und ganz dem Turnaround annehmen, wie der Analyst schreibt. Will man ihm Glauben schenken, dann wird AMS Osram das sich selbst gesteckte Ziel einer operativen Marge (EBIT) von 15 Prozent ein Jahr später als gedacht erreichen. Seines Erachtens wären die Aktien dann dennoch substanziell unterbewertet.

So richtig Stimmung will bei den Valoren des Sensorenherstellers jedoch noch immer nicht aufkommen. Selbst Aussagen des taiwanesischen Chip-Giganten TSMC, wonach sich die Chipnachfrage aus der Smartphoneindustrie endlich stabilisiert habe, fanden an der Börse kaum Gehör. Ganz anders verhielt es sich mit Berichten über Preissenkungen des amerikanischen Kultunternehmens Apple in China.

Eines ändert sich bei AMS Osram auch nach der Bilanzsanierung nicht: Es gibt an der Börse auch weiterhin viel Lärm um das einstige Sorgenkind – meist viel Lärm um Nichts...

An dieser Stelle möchte ich noch kurz auf ABB eingehen. Der schweizerisch-schwedische Industriekonzern gerät geopolitisch zwischen die Fronten. Das Unternehmen bestätigt Medienberichte, wonach aus Washington ein Schreiben des Ausschusses für Innere Sicherheit des amerikanischen Repräsentantenhauses mit Fragen eingegangen sei. Bei den Fragen dreht sich alles um Software für Hafenkräne des chinesischen Anbieters ZPMC. Im Raum stehen Vermutungen, dass die Software über eine Hintertür-Funktion verfügt, mittels welcher China auf die Kräne zugreifen könne. Angeblich stammen vier von fünf Kräne in amerikanischen Häfen von ZPMC.

Alle diese Informationen entnehme ich einem Kommentar aus dem Hause Vontobel. Wie der mir nicht namentlich bekannte Autor weiter schreibt, droht Washington damit, ABB gegebenenfalls von Regierungsaufträgen auszuschliessen. Er will jedoch verstanden wissen, dass der Industriekonzern kooperieren und sich möglicherweise sogar aus diesem Geschäft zurückziehen könnte. Bankeigenen Schätzungen zufolge wären weniger als ein halbes Prozent des gruppenweiten Jahresumsatzes davon betroffen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Zürcher Bank die Aktien von ABB mit einem Kursziel von 40 Franken zum Kauf empfiehlt.

Nächste Woche stehen mit Logitech, Givaudan, SGS und Lonza gleich bei vier SMI-Unternehmen erste Ergebnisse zur Veröffentlichung an. Doch auch die Firmen aus der zweiten und dritten Reihe sind nicht untätig. Und so gewinnt die Jahresberichterstattung hierzulande langsam an Fahrt. Mehr dazu kommenden Freitag, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.

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