Anlegerinnen und Anleger in Kryptowährungen und Bitcoin-Miner können aufatmen: Kryptowährungen scheinen den Bärenmarkt hinter sich gelassen zu haben. Nachdem seit Jahresbeginn Gold und Aktien die digitalen Assets überflügelt hatten, notiert die grösste Kryptowährung Bitcoin nach dem höchsten Wochenanstieg seit Jahren von 25 Prozent am Montag bei 78'500 Dollar.
Noch stärker ging es mit den Kryptowährungen Ethereum und Ripple hoch, welche letzte Woche Zuwächse von 31 Prozent respektive 55 Prozent verzeichneten. Mit dem Memecoin Pump ging es gar um mehr als 100 Prozent nach oben. Gerade der Anstieg dürfte bei dem einen oder anderen Investierenden für ein «Déjà-vu» sorgen, weil bei der Bitcoin-Rally vor zwei Jahren Memecoins zuerst durch die Decke gingen - ehe ein abrupter Absturz folgte.
Gemäss Marktkommentatoren steht die jüngste Rallye bei den Kryptowährungen indessen auf soliden Beinen. Die 13 in den USA notierten Krypto-ETFs verzeichneten in der vergangenen Woche Nettozuflüsse von 1,92 Milliarden Dollar - das ist der höchste Wert seit Anfang Oktober letzten Jahres, wie Bloomberg-Daten zeigen.
Die spektakuläre Rallye in den Kryptowährungen wurde zunächst durch US-Pläne zur Erhöhung der Rückkäufe langlaufender Anleihen zur Senkung der Renditen ausgelöst und durch einen Short-Squeeze verstärkt, da Händler gezwungen waren, ihre Wetten auf sinkende Kurse zu schliessen. Der sprunghafte Anstieg der ETF-Zuflüsse deute auf eine breitere Investorennachfrage nach dem Bitcoin-Token hin.
Wenig gehebelte Positionen
Von Bedeutung ist auch die Marktbeobachtung der Researchboutique CryptoQuant, wonach die jüngste Rally ohne gehebelte Positionierung der Marktteilnehmer zustande kam. Der Anteil des durch Kredite gedeckten Kapitals sei sogar gesunken und nicht wie normalerweise gestiegen. So erreichte der gehebelte Anteil an Positionen den Höchststand am 14. August vor Beginn der Rallye. Seitdem sei dieser rückläufig, obwohl die Kurse nach dem 19. August sprunghaft angestiegen seien. Das sei ungewöhnlich, erläuterten die Experten von CryptoQuant.
Rallyes, die durch geliehenes Geld getrieben werden, enden meist abrupt, da Positionen bei Kursrückgängen automatisch liquidiert werden. Eine Rallye, bei der frisches Kapital ohne steigende Verschuldung zufliesst, stehe deshalb auf einem solideren Fundament, so die Einschätzung der Experten von CryptoQuant. «Dies garantiert zwar mittelfristig keinen weiteren Kursanstieg, doch im Vergleich zu Mitte August - als die Kreditaufnahme ihren Höhepunkt erreichte und die Kurse stagnierten - sieht die heutige Struktur deutlich gesünder aus», so das Fazit.
Zinsfront als Spielverderber?
So viele positive Nachrichten werfen bei den Analysten der Kryptobörse Bitunix mit Blick auf das Zinsniveau in den USA die Frage auf, ob die Rallye anhalten werde. Entscheidend sei dabei nicht mehr allein, ob die Märkte eine US-Zinserhöhung oder -senkung erwarten, sondern ob die aktuelle Kombination aus Dollarniveau, Renditen von Staatsanleihen und globaler Liquidität Bestand haben kann.
Wenn die durch den US-Finanzminister Scott Bessent angekündigten Anleihegeschäfte die langfristigen Renditen weiterhin dämpfen, der Dollar schwach bleibt und die ETF-Zuflüsse positiv bleiben, habe Bitcoin die Voraussetzungen, seine Dynamik beizubehalten, so die Bitunix-Experten. Sollten hingegen die Schuldenlast von 40 Billionen Dollar und der anhaltende Inflationsdruck die US-Laufzeitprämie erneut in die Höhe treiben und die Federal Reserve zu einer restriktiveren Geldpolitik zwingen, könnte die aktuelle Rallye mit hohem Beta bei Krypto-Assets erneut unter Preisdruck geraten.
Gracie Lin, CEO der Kryptobörse OKX, steht im Gespräch mit Bloomberg ebenfalls auf der Euphoriebremse. «Wir verzeichneten in der vergangenen Woche an jedem Handelstag Nettozuflüsse, was auf ein erneutes Interesse der Investoren an Bitcoin hindeutet. Die Frage ist nun, ob diese Dynamik anhalten wird. Nach einer so starken Kursbewegung bei Bitcoin wären Gewinnmitnahmen nicht überraschend.»
Kurzfristigen Gegenwind könnte von den Optionsmärkten kommen. Einerseits wurde die Schwankungsanfälligkeit der Kryptowährungen im Zuge der Rallye neu bewertet, wie Can-Luca Köymen, Investment Strategist von Sygnum, gegenüber cash.ch erklärte. Die implizite Volatilität von Bitcoin auf 30 Tage stieg in der abgelaufenen Börsenwoche von 35 auf 42 Prozent, die von Ethereum von 46 auf 53 Prozent. Die realisierte Volatilität entspricht gemäss Sygnum inzwischen der impliziten. Das bedeutet, dass Händler für tatsächliche Kursbewegungen zahlen und nicht für eine Absicherung.
Andererseits tendiert die Positionierung positiv: In der angelaufenen Woche wurden 63 Prozent mehr Calls als Puts auf Bitcoin gehandelt. Zudem verlor die Absicherung gegen Kursverluste auf Ethereum ihre Prämie und Call-Optionen seien teurer als vergleichbare Puts.
Die Anzahl der offenen Bitcoin-Kontrakte konzentriere sich nach der Rallye dieser Woche auf Calls im Wert von 1,4 Milliarden US-Dollar mit Ausübungspreisen von 70'000 und 80'000 Dollar. Bei den Puts im Wert von 1,3 Milliarden US-Dollar steht der Ausübungspreis von 60'000 Dollar im Fokus, so der Stratege von Sygnum.

