cash.ch: Herr Imbach, bleibt Bitcoin die dominierende Kryptowährung?

Mathias Imbach: Bitcoin und Ethereum bleiben neben den Stablecoins auf absehbare Zeit die grössten und wichtigsten Kryptowährungen. 

Vom Einbruch der Kryptowährungen im Oktober 2025 haben sich viele Altcoins wie Curve, Polkadot oder Sui kaum erholt. Wie schwer sind diese Altcoins angeschlagen?

Im Herbst letzten Jahres ging vor allem wegen Trumps Zollmassnahmen viel Marktkapitalisierung bei den Altcoins verloren. Auffallend ist dabei, dass sich Ethereum relativ betrachtet sehr gut gehalten hat, während es bei Solana, die auch zu den Blue Chips unter den Kryptowährungen gehört, höhere Preisverluste gab. 

Ist das eine temporäre Konsolidierungswelle oder eher ein Abgesang auf die kleineren Kryptodevisen?

Die Altcoins, welche kein ökonomisches Modell vorweisen können, werden es künftig schwer haben. Es wird aber auch einige Protokolle wie beispielsweise Hyperliquid geben, die ein erfolgreiches Modell gefunden haben. Ich glaube auch, dass einige DeFi-Protokolle sich erholen werden, wenn das «Total Value Locked» - kurz TVL - durch besseres Markt-Momentum wieder nach oben tendiert. (TVL bezeichnet dabei den Gesamtwert der in DeFi-Protokollen eingezahlten oder gesperrten Kryptowährungen und ist eine Kernmetrik zur Messung von Vertrauen, Liquidität und Nutzung, Anm. d. Red.). 

Wieso werden sich die dezentralisierten Finanz- oder sogenannten DeFi-Protokolle erholen?

Protokolle wie Ethereum funktionieren seit Jahren ohne Unterbruch komplett dezentral und bieten Nutzern realen Mehrwert. Dazu kommt immer mehr regulatorische Klarheit, wie mit dem amerikanischen Clarity-Act. Auf Prediction-Market-Plattformen wie Polymarket beträgt die Wahrscheinlichkeit aktuell über 60 Prozent, dass dieser Gesetzesvorschlag angenommen werden wird. Ferner sitzen einige Protokolle weiterhin auf Reserven von Hunderten Millionen Dollar, sodass diese über die nächsten Jahre keine finanziellen Probleme haben werden. Es stellt sich daher die Frage, ob sie es schaffen, mit diesem Geld etwas Intelligentes zu machen. Mit dem richtigen Managementteam ist dies durchaus möglich.

Können Sie ein Protokoll benennen?

Nehmen wir den Anbieter des Blockchain-basierten Netzwerks für internationale Echtzeit-Zahlungen Ripple, welcher mit der Kryptowährung XRP sehr viel Geld verdient hat. In den letzten Jahren kaufte Ripple Firmen wie Hidden Road oder die Schweizer Firma Metaco. Damit erweiterte Ripple das Angebot bei der Verwahrung von digitalen Vermögenswerten und im Prime Brokerage. Das generiert neue, 'echte' Umsätze. Es gibt dabei mindestens vier Möglichkeiten für die Zukunft eines Krypto-Tokens. Erstens Blue-Chip-Tokens wie Ethereum mit wirklicher Wertschöpfung. Zweitens Tokens, welche Nischen erfolgreich besetzen, wie zum Beispiel Hyperliquid. Drittens Projekte, welche weiterhin signifikante finanzielle Reserven haben und diese produktiv einzusetzen vermögen. Viertens: Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. 

Das wird eine klare Verschiebung zu profitablen Coins geben?

Das beste Beispiel ist die Ethereum Blockchain, durch welche circa 70 Prozent der Stablecoins gesichert werden. Eine grosse Anzahl von ihnen bereitet die Blockchain gleichzeitig auf das Zeitalter von 'Agentic Payments' vor, das heisst Zahlungen, welche durch KI gesteuerte Agenten durchgeführt werden. Das Zusammenbringen von innovativen Technologien wie Blockchain sowie KI bietet enormes Potenzial. Ich nehme nicht an, dass sich bei KI das herkömmliche Zahlungssystem SWIFT im klassischen Modell mit Abschluss plus zwei Handelstage durchsetzen wird. Wie in der Vergangenheit entstehen dadurch Trends, Narrative und Adoption sowie ultimativ eine positive Preisentwicklung. Nach Phasen von Übertreibungen kommen dann auch wieder Marktbesinnung und Preiskorrekturen. Nichts Neues also.

Wie steht es um die Memecoins?

Wenn es einfach nur eine Memecoin-Story ist, dann steht kein nachhaltiges Geschäftsmodell dahinter. Der Preis eines Memecoins reflektiert höchstens die Stärke einer 'Community'. In einer gehebelten Phase, in der kein 'Fear Of Missing Out' oder FOMO unter den Anlegern besteht und Retailinvestoren nicht aktiv involviert sind, bleiben Memecoins in einer Abwärtsspirale gefangen.

Dann dürften Hunderttausende Memecoins ohne Zukunft sein.

Wenn ich wollte, könnte ich heute zehn neue Memecoins lancieren. Das kann jeder von zu Hause aus und kostet nichts. Insofern wird es in der Zukunft einfach ein viel kleineres Universum sein.

Diese «Pump and Dump»-Schemen, wo Coins kurzfristig hochgepusht werden, um dann innert Tagen wieder abzustürzen, wie der von der Trump-Gattin Melania, dürften damit der Vergangenheit angehören?

Aktuell sehen wir ähnliche Muster im Bereich KI ganz generell. Viele Anbieter bringen Produkte und Services auf den Markt, um vom Thema KI zu profitieren. Dies in der Hoffnung, dass die KI-Assoziation die Bewertung nach oben treibt. Der Markt wird auch hier über kurz oder lang korrigieren. 

Wie sieht ein ideales Krypto-Portfolio aus für die nächsten paar Jahre?

Anlegerinnen und Anleger sollten einen gesamtheitlichen Ansatz verfolgen. Es geht also um den Kryptoanteil im gesamten Portfolio. Je höher die Risikotoleranz sowie die Risikofähigkeit ist, desto höher kann dieser Anteil sein. Das ist offensichtlich sehr individuell. Man muss mit der erhöhten Volatilität umgehen können und langfristig denken, eine Investmentthese haben und sich daran halten. Ansonsten rate ich davon ab, in Kryptowährungen zu investieren. 

Welchen Anteil im Portfolio schlagen Sie vor?

Wer mit der Schwankungsanfälligkeit nicht zurechtkommt, sofort nervös wird oder auf sofortige Liquidität angewiesen ist, sollte ein Investment sein lassen. Auf der anderen Seite haben wir viele Family Offices sowie Privatkunden, die sich beispielsweise die Frage stellen, wie viel Risiko sie eingehen, wenn sie nicht in Krypto investieren. Wir sehen den Anteil der Kryptowährungen von 2 bis über 20 Prozent vom Gesamtportfolio. 

Was sind die Beweggründe für Krypto bei dieser Anlegergruppe?

Vor allem sehr vermögende Investoren stellen sich etwa die Frage, ob der Dollar sich weiter abschwächen und Amerika seine dominante Rolle verlieren könnte. Sie bereiten sich auf eine neue geopolitische Realität vor und sehen eine Investition in Bitcoin und eventuell weitere Kryptowährungen als einen Weg, sich gegen dieses Risiko abzusichern respektive vorzubereiten. Andere glauben an die starke Adoption von Stablecoins sowie Tokenisierung und investieren in die Plattformen, über welche diese Transaktionen abgewickelt werden.

Bitcoin und Ethereum?

Bei den Tokens ist es für mich ganz klar und simpel: Zuerst Bitcoin, dann Ethereum und vielleicht Solana, wenn man ein wenig mehr in die Risikokurve gehen will. Und liegen lassen. Denn es ist wie bei Aktien: 'Time in the market beats timing the market'.

Der Einstiegszeitpunkt ist nicht wichtig? Wer Bitcoin 120’000 Dollar gekauft hat, denkt da wohl anders darüber. 

Man kann die Preise kurzfristig nicht voraussehen. Zudem ist dieses ständige Taktieren und Abwarten über den Kauftermin mit zu vielen Emotionen verbunden. Deshalb empfehle ich: Klare Investmenthese formulieren und dann konsequent umsetzen, zum Beispiel via 'Dollar-Cost-Averaging'. 

Was bedeutet das?

Beim Durchschnittskosten-Einstieg werden regelmässig feste Beträge in Kryptowährungen analog einem Fondssparplan investiert. Durch die gleichbleibende Rate kaufen Anleger bei niedrigen Kursen mehr Anteile und bei hohen Kursen weniger. Dies kann  den Einstiegskurs glätten und das Risiko eines ungünstigen Kaufzeitpunkts reduzieren. Hierbei ist der Einstiegszeitpunkt irrelevant, wenn man fünf Jahre plus denkt. Wichtig ist einfach, eine einfache, klar definierte Anlagestrategie zu verfolgen. Dazu gehört auch das 'Staking' bei Ethereum, um die Inflation mit 'Rewards' zu kompensieren. 

Beim Staking werden Coins für einen bestimmten Zeitraum gesperrt?

Mit dem Hinterlegen wird bei diesem Prozess die Sicherheit und der Konsens einer Proof-of-Stake-Blockchain gewährleistet. Als Gegenleistung erhalten Investierende regelmässige Belohnungen, sogenannte «Rewards». Das ist ähnlich wie ein Zinsertrag oder eine Dividende. 

Die zwei höchstkapitalisierten Kryptowährungen, Bitcoin und Ethereum, dürften also nicht ins Bodenlose fallen?

Das muss jeder Investor für sich selbst entscheiden und entsprechend investieren. In der Vergangenheit wäre es jeweils ein besonders guter Zeitpunkt zum Einstieg gewesen, wenn die Medien besonders laut über das 'Ende von Bitcoin und Kryptowährungen' geschrieben haben. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen.

Mathias Imbach ist Mitbegründer und Group CEO der Sygnum Bank in Zürich. Zuvor war er Geschäftsführer bei RNT Associates, der persönlichen Investitionsplattform des indischen Unternehmers Ratan N. Tata. Er leitete zahlreiche Venture-Capital- und Private-Equity-Investitionen und war weltweit an Blockchain- und DLT-bezogenen Beteiligungsgeschäften beteiligt. Mathias begann seine Karriere bei Bain & Company, wo er Beratungsprojekte für Private-Equity-Fonds, Family Offices und Technologieunternehmen leitete. Er hat an der Universität St. Gallen promoviert und einen Master of Science der London School of Economics (LSE) erworben.

Thomas Daniel Marti
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