Schweizer Aktienfavoriten - EZB, SNB und Co. spielen ein gefährliches Spiel

Der cash Insider rechnet mit der «Politik des billigen Geldes» ab und warnt vor verheerenden Kollateralschäden im Bereich der Altersvorsorge. Ausserdem zieht er eine weitere Zwischenbilanz bei den Aktienfavoriten.
04.09.2019 12:30
cash Insider
EZB, SNB und Co. spielen ein gefährliches Spiel
Bild: fotolia.com

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

+++

Zwei Schritte vor und wieder zwei zurück - besser liesse sich das Geschehen der letzten vier Wochen am Schweizer Aktienmarkt kaum umschreiben. Die Nachrichtenlage im Handelsstreit zwischen Washington und Peking ändert sich gefühlt alle paar Stunden. Und als ob das nicht schon genug wäre, erweist sich der nicht enden wollende Schlagabtausch der beiden Wirtschaftssupermächte immer mehr als Brandbeschleuniger für die Rezessionsängste der Marktakteure.

Dass der August für den Swiss Performance Index (SPI) unter dem Strich ein Nullsummenspiel war, verdankt das breit gefasste Börsenbarometer vor allem dem Schwergewicht Nestlé. Knapp 200 Indexpunkte steuerten die Aktien des Nahrungsmittelkonzerns aus Vevey im vergangenen Monat bei. Von den 2300 Punkten, um die der SPI seit Jahresbeginn zulegen könnte, ist alleine das Schwergewicht für mehr als die Hälfte verantwortlich.

Was die Aktionäre von Nestlé freuen dürfte, ist für alle anderen Marktakteure höchst ärgerlich. Denn wer gar keine Aktien des Traditionsunternehmens besitzt oder ihnen im Aktienportfolio bloss ein geringes Gewicht beimisst, der hinkt den hiesigen Aktienindizes weit hinterher.

Angesichts der unsicheren Nachrichtenlage und der nicht weniger unsicheren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kann man es den Marktakteuren nicht verübeln, dass sie in diesem defensiven Schwergewicht Zuflucht suchen.

Dieser geballte Zufluss ausländischer Milliarden in nur eine einzige Aktie birgt allerdings auch Gefahren. Nicht auszudenken, was das für die hiesigen Aktienindizes - und insbesondere für den Swiss Market Index (SMI) - bedeuten würde, sollten die mächtigen Grossinvestoren schon nur Teile davon wieder abziehen wollen.

Diese Flucht in sichere Häfen zeugt von einem tiefen Misstrauen der Marktakteure. Nicht nur von einer tiefen Verunsicherung in Bezug auf die zukünftige Weltwirtschaftsentwicklung, sondern vielmehr von einem Misstrauen in die Geldpolitik. In dieses Bild passt übrigens auch der erstarkte Franken. Selbst die auf eine Laufzeit von 50 Jahren negative Rendite bei Anleihen der Schweizerischen Eidgenossenschaft erweist sich als abschreckend genug.

Bilanz der letzten Jahre

Jahr Aktienfavoriten SPI
2013 +40,1 Prozent +23,9 Prozent
2014 +11,4 Prozent +15,2 Prozent
2015 +4,1 Prozent +  2,4 Prozent
2016 -3,7 Prozent -   1,7 Prozent
2017 +23,6 Prozent +20,1 Prozent
2018 -19,1 Prozent -   8,8 Prozent
2019* +12,7 Prozent +22,7 Prozent

* Schlusskurse vom 30. August 2019

Rückblickend hatten wir diesen Sommer - zumindest gefühlt - so viele Tropennächte wie noch nie. Doch obschon die kühlere Jahreszeit naht, wache auch ich nachts immer mal wieder schweissgebadet auf. Nicht etwa der Hitze wegen, nein, ich spreche von Angstschweiss.

Mit Ausnahme der amerikanischen Notenbank haben es die übrigen führenden Zentralbanken in den letzten Jahren völlig verschlafen, ihre Geldpolitik auch nur im entferntesten einer Normalisierung zu unterziehen. Und nun, da der nächste Wirtschaftsabschwung vor der Tür steht, sind in Europa die Leitzinsen bereits negativ und in den Notenbankbilanzen türmen sich vor allem staatliche Schuldtitel in Milliardenhöhe auf. Da fragt sich doch, mit was für Massnahmen die Europäische Zentralbank (EZB) in knapp einer Woche überhaupt noch nachlegen und wie unsere Schweizerische Nationalbank (SNB) auf diese antworten will.

Je extremer die Massnahmen, desto grösser der Kollateralschaden. Nehmen wir beispielsweise die Negativzinsen. Wenn Schuldner von den Gläubigern noch Geld fürs Schuldenmachen erhalten, entbehrt das jeglicher kaufmännischer Logik. Die Folge ist, dass das Kapital innerhalb einer Volkswirtschaft dann nicht mehr dorthin fliesst, wo es den grösstmöglichen Nutzen entfaltet. Im Fachjargon spricht man in diesem Zusammenhang auch von Fehlallokationen. Diese wiederum schmälern die langfristigen Wachstumsperspektiven beträchtlich.

Der Zinseszins-Effekt bildlich dargestellt (Quelle: Wertpapierdepot.net)

Für die Altersvorsorge sind die Negativzinsen ebenfalls pures Gift. Auch bei uns in der Schweiz stützt sich die Altersvorsorge auf das Prinzip des Zinseszins-Effekts ab. Gerade deshalb gelten die altersmässig letzten Beitragsjahre als die wichtigsten im Erwerbsleben. Doch ohne Zinsen auch kein Zinseszins-Effekt. Damit fällt der "dritte Beitragszahler " - neben dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer - weg.

Folglich zwingt der Renditedruck die Vorsorgeeinrichtungen zu immer mehr Risiko - egal ob über eine höhere Aktienquote, längere Laufzeiten oder schlechtere Schuldner bei den Anleihen oder über einen Vorstoss in neue Anlageklassen wie etwa ins Geschäft mit Risikokapital.

Aktuelle Positionen Aktienfavoriten

Titel Anzahl Einstand akt. Wert* Erfolg G/V
Barmittel       30'935,96    
ABB N 500   19,73     9'375,00 -    490,00  -   4,97 Prozent
Bâloise N 75 134,00   12'652,50 + 2602,50 +25,90 Prozent
LafargeHolcim N 250 40,10   11'692,50 + 1667,50 +16,63 Prozent
Sika N 85 123,00   12'078,50 + 1623,50 +15,53 Prozent
Swatch Group I 37 266,70     9'919,70 +      51,80 +  0,52 Prozent
Georg Fischer N 17 790,00   13'778,50 -    131,50 -   0,95 Prozent
Siegfried N 30 332,00   12'240,00 + 2280,00 +22,89 Prozent
           
Total     112'672,66   +12,67 Prozent

* Schlusskurse vom 30. August 2019

Ich nehme diesen immensen Renditedruck auch bei den Vorsorgewerken, die ich auf Seiten des Stiftungsrats in beratender Funktion begleite, wahr. Als Vorsorgewerk mehr Risiken einzugehen zahlt sich allerdings nur so lange aus, wie immer neues Kapital in eine höhere Aktienquote oder in Anleihen mit längeren Laufzeiten oder schlechteren Schuldnern fliesst.

Man muss kein Experte sein, um zu ahnen, dass sich diese Risiken irgendwann rächen werden. Für ein Gros der (Wirtschafts-)Medien ist das selbstverständlich kein Thema. Ich weiss allerdings nicht, ob aufgrund fehlenden Wissens oder nur aus blossem Zweckoptimismus.

Weltweit weisen Anleihen mit einem Nominalwert in astronomischer Höhe von 17'000'000'000'000 Dollar eine negative Rendite auf Verfall auf. Und das, obschon die Gesamtverschuldung rund um den Globus bei mehr als dem Doppelten von vor Ausbruch der Finanzkrise der Jahre 2007/08 liegt.

Die Zentralbanken führender Wirtschaftsnationen bewegen sich am Rande ihrer Möglichkeiten. Und auf die Gefahr hin, dass ich als unverbesserlicher Schwarzmaler verschrieen werde: Die Geldpolitik spielt ein gefährliches Spiel. Zweifel an der Unabhängigkeit der Zentralbanken gibt es ja schon eine ganze Weile. Diesmal ist der Einsatz aber nichts Geringeres als die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik.

Verlieren die Bürgerinnen und Bürger auf der Strasse den Glauben an die Werthaltigkeit des Geldes, dann haben wir den Salat. Denn selbst wenn die offiziellen Konsumentenpreisindizes uns etwas anderes vorgaukeln, so wissen wir doch ganz genau: Angesichts ausufernder Gesundheitskosten, Krankenkassenbeiträge oder steigender Mieten bleibt Ende Monat immer weniger Geld im Portemonnaie übrig.

Aktuelle Positionen «Dogs of the SMI»

Titel Anzahl Einstand akt. Wert* Erfolg G/V
Barmittel       1'856,68    
Adecco N 220 45,93 11'453.20 + 1348,60 +13,35 Prozent
LafargeHolcim N 245 40,50 11'458,65 + 1536,15 +15,48 Prozent
Swisscom N 20 469,70   9'882,00 +   488,00 +   5,19 Prozent
Swiss Re N 110 90,12 10'467,60 +   554,40 +   5,59 Prozent
UBS N 815 12,24   8'516,75 -  1454,77 - 14,59 Prozent
Zurich Insurance N 35 293,10 12'327,00 + 2068,50 +20,16 Prozent
           
Total     65'961,88   +  9,94 Prozent

* Schlusskurse vom 30. August 2019

Ich möchte angesichts dieser geballten Ladung makroökonomischer Risiken für unser Finanzsystem und für die Finanzmärkte diesen Monat gar nicht im Einzelnen auf meine Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2019 eingehen. Sowieso rücken firmenspezifische Gründe in Börsenphasen wie der jetzigen in den Hintergrund. Ausserdem liegt die Unternehmensberichterstattung für die erste Jahreshälfte bereits hinter uns und jene für das dritte Quartal noch einige Wochen vor uns.

Rückblickend bin ich zwar mit einer grossen Nestlé-Position ins Jahr gestartet, habe jedoch den beiden anderen Schwergewichten Roche und Novartis keinen Platz eingeräumt. Zudem muss ich mir den Vorwurf gefallen lassen, dass ich beim Nahrungsmittelkonzern aus Vevey - wenn auch in zwei Schritten - zu früh ausgestiegen bin. Bei den Papieren der UBS bin ich hingegen zu früh eingestiegen und wurde Anfang August bei 10,80 Franken ausgestoppt.

Einem Plus von 12,7 Prozent bei meinen Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2019 zwischen Ende Dezember und Ende August steht ein um 22,7 Prozent höherer Swiss Performance Index (SPI) gegenüber.

Aktuelle Positionen «Turnaround-Kandidaten»

Titel Anzahl Einstand akt. Wert* Erfolg G/V
Barmittel     12'886,30    
ABB N 500   19,73   9'375,00 -    490,00 -   4,97 Prozent
Aryzta N 8'580     1,17   6'867,43 - 3132,56 - 31,33 Prozent
Ascom N 780   12,84   7'893,60 - 2121,60 - 21,18 Prozent
Autoneum N 73 137,30   7'935,10 - 2087,80 - 20,83 Prozent
DKSH N 168   59,55   8'100,96 - 1903,44 - 19,03 Prozent
Implenia N 300   33,78  10'146,00 +     12,00 +  0,12 Prozent
Klingelnberg N 295   33,85   8'938,50 - 1047,25 - 10,49 Prozent
           
Total     72'142,89   + 2,85  Prozent

* Schlusskurse vom 30. August 2019

Auch mit dividendenstarken Aktien liess sich im bisherigen Jahresverlauf nicht punkten. Mit einer Performance von 9,9 Prozent hinken die Dogs of the SMI nicht nur dem breiten Markt, sondern auch den Schweizer Aktienfavoriten hinterher.

Erneut kräftig nach unten ging es in den vergangenen vier Wochen für die Mitte Dezember kommunizierten Turnaround-Kandidaten. In der Spitze um fast 30 Prozent höher, ist das Plus zuletzt auf 2,9 Prozent geschmolzen.

Bisherige Transaktionen Aktienfavoriten

Datum Titel   Anzahl Kurs   Total
28.12.2018 Sika N Kauf 85 123,00 Franken 10'455,00-
28.12.2018 LafargeHolcim N Kauf 250 40,10 Franken 10'025,00-
28.12.2018 Nestlé N Kauf 250 78,80 Franken 19'950,00-
28.12.2018 Bâloise N Kauf 75 134,00 Franken 10'050,00-
28.12.2018 Siegfried N Kauf 30 332,00 Franken 9960,00-
28.12.2018 Georg Fischer N Kauf 12 790,00 Franken 9480,00-
07.01.2019 AMS I Kauf 75 19,795 Franken 1484,63-
07.01.2019 Aryzta N Kauf 1'230 1,2155 Franken 1495,07-
07.01.2019 U-blox N Kauf 19 79,90 Franken 1518,10-
07.01.2019 GAM N Kauf 1'230 3,994 Franken 1497,75-
07.01.2019 Meyer Burger N Kauf 2'200 0,68 Franken 1496,00-
07.01.2019 Kudelski I Kauf 260 5,70 Franken 1482,00-
07.01.2019 Autoneum N Kauf 10 153,40 Franken 1534,00-
28.01.2019 AMS I Verkauf 75 27,93 Franken 2094,75+
28.01.2019 GAM N Verkauf 375 4,49 Franken 1683,75+
01.02.2019 Kudelski I Verkauf 260 6,46 Franken 1679,60+
04.02.2019 Meyer Burger N Verkauf 2'200 0,85 Franken 1870,00+
04.03.2019 U-blox N Verkauf 19 94,70 Franken 1799,30+
04.03.2019 Nestlé N Verkauf 125 90,96 Franken 11'370,00+
06.05.2019 ABB N Kauf 500 19,73 Franken 9865,00-
05.06.2019 Nestlé N Verkauf 125 100,24 Franken 12'530,00+
05.06.2019 Autoneum N Verkauf 10 128,90 Franken 1289,00+
05.06.2019 Aryzta N Verkauf 1'230 1,15 Franken 1414,50+
05.06.2019 Georg Fischer N Kauf 5 886,00 Franken 4430,00-
05.06.2019 UBS N Kauf 850 11,76 Franken 9996,00-
05.06.2019 Swatch I Kauf 37 266,70 Franken 9867,90-
02.08.2019 UBS N Verkauf 850 10,80  Franken 9151,00+

 

 

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.