Schweizer Börsengänge - Die grossen Gewinner sind die Altaktionäre

2018 gab es in der Schweiz so viele Börsengänge wie lange nicht mehr. Doch die Zwischenbilanz fällt ernüchternd aus. Die Gewinner waren meist die Vorbesitzer. Sie nutzten die Publikumsöffnung, um Kasse zu machen.
29.11.2018 12:30
cash Insider
Die grossen Gewinner sind die Altaktionäre
Bild: fotolia.com

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Bis in den Frühsommer hinein herrschte am Schweizer Aktienmarkt so etwas wie Goldgräberstimmung. Ein Unternehmen nach dem anderen wagte den Gang an die Börse. Das Interesse der Anleger schien schier unerschöpflich - genauso wie die Gier nach dem schnellen Geld (siehe auch Goldgräberstimmung bei Schweizer Börsendebütanten vom 18. April).

Zieht man allerdings eine Zwischenbilanz, fällt diese ziemlich ernüchternd aus. Nur gerade mit den Aktien der beiden Börsendebütanten von Ende März, Sensirion und Medartis, liess sich auch wirklich das schnelle Geld verdienen.

Zu 36 Franken ausgegeben, stiegen die Papiere des Sensorenherstellers Sensirion auf über 70 Franken. In den letzten Wochen hiess es dann aber zurück auf Start. Mittlerweile notieren die Aktien noch gut 10 Prozent über dem Emissionspreis.

Medartis gilt als der erfolgreichste Schweizer Börsengang des Jahres. (Quelle: cash.ch)

Auch die Papiere des Medizinaltechnikunternehmens Medartis konnten die Höchstkurse bei 84 Franken nicht halten. Sie kosten heute noch 65 Franken - verglichen mit einem Ausgabepreis von 48 Franken. Aus Sicht von Analyst Arsene Guekam von Kepler Cheuvreux ist das noch immer zu viel. Er nahm Mitte Mai die Erstabdeckung der Aktien mit "Reduce" und einem Kursziel von 59 Franken auf. Was die zweifelsfrei attraktiven Wachstumsaussichten anbetrifft, steht Medartis nach den leicht enttäuschenden Halbjahreszahlen vom August zusehends in der Beweispflicht.

Eine regelrechte Achterbahnfahrt der Gefühle durchlebten die Aktionäre von Ceva Logistics. Schon der erste Handelstag bot einen kleinen Vorgeschmack auf das, was noch folgen sollte. Denn obwohl die Aktien mit 27,50 Franken am ganz unteren Ende der Preisspanne von 27,50 bis 52,20 Franken platziert wurden, gerieten sie gleich von Beginn weg unter Verkaufsdruck. Angeblich verhinderten an diesem Tag nur Stützungskäufe durch die mit dem Börsengang betrauten Banken noch Schlimmeres (siehe Verhinderten nur Stützungskäufe Schlimmeres? vom 22. Mai).

Mitte Oktober erreichten die Papiere des Transportunternehmens bei 18,30 Franken einen traurigen Tiefststand. Dass danach eine kräftige Kurserholung einsetzte, ist eine glückliche Fügung und nichts anderes: Um einen unfreundlichen Übernahmeversuch durch die dänische DSV abzuwehren, sah sich der Ankeraktionär CMA CGM letztendlich zu einer Pflichtofferte in Höhe von 30 Franken je Aktie gezwungen.

Seither betreiben ausländische Finanzinvestoren Arbitrage in den Titeln, sprich: Sie kaufen bei Kursen unter 30 Franken Aktien zu, um diese alsdann dem Ankeraktionär anzudienen. Erst vor wenigen Tagen gab sich mit Mario Saradar ein libanesischer Investor als Grossaktionär mit einem 8-Prozent-Paket zu erkennen. Auch er dürfte dieses Paket früher oder später an CMA CGM weiterreichen.

Mit den Aktien von Ceva Logistics verdiente nur, wer nicht die Nerven verlor. (Quelle: cash.ch)

Womöglich warf so mancher Aktionär der ersten Stunde noch vor dem unfreundlichen Übernahmeversuch durch DSV das Handtuch und trennte sich zu Ausverkaufspreisen von seinen im Mai zugeteilten Titeln.

Auch die Publikumsöffnung von Polyphor ist den Erwartungen einiges schuldig geblieben. Nur wenige Wochen nach Ceva Logistics zu je 38 Franken bei Anlegern platziert, verharren die Aktien des Antibiotikaherstellers seit Tagen in der Nähe ihrer Tiefstkurse bei 21,20 Franken. Daran ändern auch die teils aggressiven Kaufempfehlungen der mit dem Börsengang betrauten Banken mit Kurszielen von bis zu 74 Franken nichts.

Als Familienunternehmen hatte der Automobilzulieferer Klingelnberg im Juni hingegen alle für einen Erfolg nötigen Zutaten: Eine traditionsreiche Firmengeschichte, gute Wachstumsaussichten und ein Standbein im zukunftsträchtigen Geschäft mit Elektroautomobilen.

Doch es sollte alles anders kommen: In den letzten Wochen lastete die Angst vor einem Abschwung in der Automobilindustrie auf den zu 53 Franken ausgegebenen Aktien. Selbst Kaufempfehlungen der Credit Suisse sowie der Berenberg Bank - beide mit einer Rolle bei der Publikumsöffnung bedacht - konnten nicht verhindern, dass die Aktien mittlerweile nur noch zu 37 Franken gehandelt werden. Dieses Phänomen ist nicht neu (siehe IPO-Banken überbieten sich mit Kaufempfehlungen vom 27. Juni).

Durchschaut wurden die mit dem Börsengang beauftragten Banken übrigens auch bei SIG Combibloc, dem jüngsten Neuzugang an der Schweizer Börse (siehe Anleger durchschauen das Spiel der IPO-Banken vom 8. November). Erst vor wenigen Tagen tauchten die Aktien des führenden Unternehmens aus der Verpackungsindustrie in den einstelligen Franken-Bereich ab. Zu diesem Zeitpunkt errechnete sich ein Minus von 12 Prozent gegenüber dem Emissionspreis von Ende September bei 11,25 Franken.

Quasi durch die Hintertür wurden Blackstone Resources (Erstbezahlter Kurs 13,50 Franken), Asmallworld (Erstbezahlter Kurs 12,40 Franken) sowie Obseva (Erstbezahlter Kurs 15,50 Franken) an die Schweizer Börse gebracht - wobei das Pharmaunternehmen Obseva zuvor schon über ein Jahr an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq kotiert war.

Rückblickend bezahlten Anleger gerade bei Blackstone Resources und Asmallworld mit Verlusten zwischen 60 und 70 Prozent gegenüber den erstbezahlten Kursen ein ziemlich hohes Lehrgeld.

Wäre das Geschäft mit Börsengängen eine Preisverleihung, würde es wohl heissen "Und der Gewinner ist: Der Altaktionär!". Gerade wenn der oder die Vorbesitzer aus der Private-Equity-Industrie stammen, ist meist Vorsicht geboten. Denn diese Finanzinvestoren sind bekannt dafür, dass sie niemandem Geschenke machen.
 

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