Milliardendeal auf Telekommarkt: United Internet schluckt Drillisch

(neu: Aktienkurse aktualisiert, Markteinschätzungen, mehr Hintergrund.) - Jetzt also doch: Der Internet- und Telekomkonzern United Internet will das Mobilfunkunternehmen Drillisch schlucken. United-Internet-Chef Ralph Dommermuth will mit dem Milliarden-Deal eine starke vierte Kraft im deutschen Markt neben den Netzbetreibern Deutsche Telekom , Vodafone und Telefonica Deutschland schmieden. Dazu will United Internet seine Sparte 1&1 Telecommunication über zwei Kapitalerhöhungen in die Drillisch AG einbringen und so schon einmal die Mehrheit an dem TecDax-Unternehmen erwerben.
12.05.2017 10:02

1&1 werde dabei mit 5,85 Milliarden Euro bewertet. Zudem bietet United Internet allen Drillisch-Aktionären 50 Euro je Anteil, wie die Unternehmen am Freitagmorgen in Montabaur und Maintal mitteilten. Das ist ein Aufschlag von rund drei Prozent auf den Drillisch-Schlusskurs vom Donnerstag. United Internet hält bereits 20 Prozent der knapp 55 Millionen Drillisch-Aktien. Das Gebot für die übrigen Aktien liegt damit bei rund 2,2 Milliarden Euro. Allerdings müssen die Aufsichtsbehörden dem Deal zustimmen.

AKTIENKURSE SPRINGEN HOCH

An der Börse sorgte das Vorhaben für gute Laune. "Endlich wagt United Internet bei Drillisch den grossen Schritt", kommentierte ein Händler. Aktien beider Unternehmen zogen nach Handelsstart um jeweils fast 10 Prozent an. Papiere von Telefonica Deutschland profitierten mit fast drei Prozent Plus. Ein Händler kommentierte, die Münchener könnten die wahren Nutzniesser des Deals werden, weil sich United Internet und Drillisch im unteren Preissegment bisher einen starken Wettbewerb mit entsprechendem Druck auf die Preise geliefert haben. Davon ist Telefonica mit seinen günstigeren Marken wie Blau ebenfalls betroffen.

"1&1 verfügt über eine starke Marke, einen riesigen Kundenstamm und enorme Vertriebskraft. Drillisch ist ein schnell wachsender Mobilfunkanbieter mit einem attraktiven Produktportfolio", sagte Dommermuth, der auch an der Spitze des zusammengeschlossenen Mobilfunkanbieters stehen will. Der Mitgründer und grösste Aktionär von United Internet hatte Übernahmeabsichten in den vergangenen Jahren mit Verweis auf den stark gestiegenen Aktienkurs von Drillisch kleinzureden versucht.

DRILLISCH MIT EXKLUSIVEM ZUGANG ZU TELEFONICA-NETZ

Doch Drillisch ist vor allem deswegen attraktiv, weil das Unternehmen mit Telefonica Deutschland einen Deal zur Netzmiete eingegangen ist. Drillisch kann demnach schrittweise bis zu 20 Prozent der Netzkapazitäten des Münchener O2-Betreibers nutzen - und hat eine Option auf weitere 10 Prozent bis 2020. Die Netzmiete war eine Voraussetzung der Aufseher für die milliardenschwere E-Plus-Übernahme durch Telefonica 2014.

Der Grossteil der neuen Vertragskunden, die Telefonica im deutschen Netz gewinnt, kommen von United Internet und Drillisch. Telefonica Deutschland wolle mit den beiden langjährigen Partnern auch weiter gut zusammenarbeiten, sagte ein Sprecher.

Gemeinsam haben United Internet und Drillisch mehr als 12 Millionen Kundenverträge und machten vergangenes Jahr einen Umsatz von über 3,2 Milliarden Euro. Drillisch ist mit seinen Marken Smartmobil sowie Yourfone bekannt und soll an der Börse notiert bleiben. Der Abschluss der Transaktion wird - so denn die Kartellwächter mitspielen und auch die Drillisch-Aktionäre zustimmen - bis Ende des Jahres erwartet. Hauptkonkurrent Freenet zählte zuletzt 9,6 Millionen eigene Mobilfunkkunden.

EINSPARUNGEN IM EINKAUF GEPLANT

Mit dem Zusammenschluss wird auch die Konkurrenz für Freenet grösser, das ebenfalls ohne eigenes Netz Vorleistungen von Netzbetreibern kauft und weitervermietet. Mit dem Zusammenschluss von United Internet und Drillisch will Dommermuth auch Kosten im Einkauf bei den Netzbetreibern einsparen. Die Einsparungen durch die Übernahme sollen 2020 bei rund jährlich 150 Millionen liegen und bis 2025 dann auf rund 250 Millionen Euro ansteigen.

United Internet mit Marken wie 1&1, GMX und Web.de ist eines der wenigen übriggebliebenen deutschen Unternehmen aus der Zeit des Internetbooms an den Börsen rund um die Jahrtausendwende. Dommermuth gilt als begnadeter Verkäufer, aber auch als strategischer Kopf. In jüngster Zeit fädelte er einige Deals ein, die sein Unternehmen auch in Zukunft wachsen lassen sollen. Damit hat er sich ein Geflecht an Beteiligungen in der Telekombranche aufgebaut.

BETEILIGUNGSGEFLECHT VON DOMMERMUTH

Zum einen ist United Internet europäischer Marktführer im sogenannten Webhosting, dem Speichern von Webseiten und Daten auf Servern im Internet. Erst jüngst kaufte Dommermuth der Telekom deren Anbieter Strato ab. Daneben ist United Internet mit 8 Prozent am Start-up-Brutkasten Rocket Internet beteiligt und ist mit einem Viertel Grossaktionär am Kabelnetzbetreiber Tele Columbus. United Internet steckt auch hinter dem Glasfasernetzanbieter Versatel.

Die Sparte mit Internetanwendungen für Geschäftskunden will Dommermuth auf mittlere Sicht an die Börse bringen, um weiter zukaufen zu können. Dazu hat er sich den Finanzinvestor Warburg Pincus an Bord geholt, bei dem Ex-Telekom-Chef Rene Obermann die Fäden zieht. United Internet ist an der Börse derzeit inklusive des Kurssprungs vom Freitag knapp 9,6 Milliarden Euro wert - und damit deutlich mehr als zum Beispiel der Dax-Konzern Deutsche Lufthansa. Dommermuth selbst gehören 40 Prozent der Anteile./men/zb/stb

(AWP)