Christian Gattiker im Interview - «Wir haben den Swiss Market Index auf Untergewichten gesetzt»

Im cash-Interview erklärt Christian Gattiker, Leiter Research bei Julius Bär, die Marktausgangslage für die nächsten Monate, wie sich Anleger bei Bankaktien verhalten sollten und welche Schweizer Titel ein Kauf sind.
20.11.2020 09:39
Interview: Manuel Boeck
Christian Gattiker, Head of Research bei der Bank Julius Bär.
Christian Gattiker, Head of Research bei der Bank Julius Bär.
Bild: ZVG

cash.ch: Vor knapp zwei Wochen meldete Biontech/Pfizer vielversprechende Resultate für ihren Impfstoffkandidaten gegen das Coronavirus. Die weltweiten Börsen reagierten mit starken Kursanstiegen. Wie beeinflusst der Ausblick auf einen baldigen Impfstoff das Investitionsverhalten an den Börsen?

Christian Gattiker: Es gab an den Märkten einen weiteren und nachhaltigeren Versuch, das Ende der ganzen Corona-Malaise zu schätzen. Dies war ermutigend, doch es ist noch nicht "Bahn frei" für alles, was in den letzten sechs Monaten unter die Räder kam.

Die Gegenbewegung ist eine Übertreibung an den Märkten?

Nein, erratische und fahrige Bewegungen sind immer ein Teil der Preisfindung an den Finanzmärkten. Im Rückblick wird man sich vielmehr fragen, ob nicht die Übertreibung in die andere Richtung stattgefunden hatte. Wir sahen ein horrendes Abstürzen von namhaften Sektoren wie Öl- oder Finanzwerten. Dies hat jetzt wieder korrigiert. Nur die Geschwindigkeit, mit der dies vonstatten ging, hat alle wieder überrascht.

Inwiefern haben die Impfstoffnews Ihren Marktausblick verändert?

Wir sehen eine schrittweise Eindämmung der Krise als übergeordnetes Bild. Es ist selten ein Puzzleteil allein, dass die Lösung bringt. Die Gesundheitskrise wird jetzt auf verschiedenen Ebenen zurückgedrängt. Es fängt an bei den Corona-Behandlungen, die besser werden. Weiter ist das Krisenmanagement der Politik effizienter, nicht mehr mit dem Dampfhammer. Zudem zeigen sich an der Impffront Fortschritte. Und schliesslich haben sich die Unternehmen und Konsumenten auf die aktuelle Situation eingestellt. Gesamthaft schwächt sich damit der negative Einfluss der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft über die Zeit ab.

 

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Die Zentralbanken und Regierungen helfen ja auch rege.

Dies kommt noch hinzu. Die Geldpolitik der Zentralbanken und die Ausgabenpolitik der Staaten wird bis weit ins nächste Jahr hinein sehr grosszügig sein. Insgesamt haben wir daher ein Bild, dass viel zuversichtlicher ist, als dass es die Nachrichtenlage bis zumindest vor dem Impfstoff hergab. Es brauchte die Impfstoffnews, um die Nachrichtenlage zurechtzurücken.

Wie fügt sich der designierte US-Präsident Joe Biden in ihr Bild ein?

Zwei Aspekte sind wichtig: Zum einen gibt es eine Klarheit bezüglich des Resultats. 75 Prozent der Fondsmanager gingen vor der Wahl davon aus, dass das Resultat so oder so angefochten wird. Diese Anfechtungen scheinen jedoch schwieriger als gedacht. Im Prinzip kann man davon ausgehen, dass das Resultat Bestand haben wird. Dies ist ein positiver Aspekt. Zum zweiten ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass dank eines republikanisch dominierten Senats eine Sperrminorität fortbestehen wird. Joe Biden kann sicher viel auf der Stimmungsebene machen, auf der politischen Ebene haben wir jedoch keine dramatische Verschiebung zu erwarten. Dies spielt für die Wirtschaft eine Rolle im Sinne von Konstanz und Planbarkeit.

Gehen Sie in der US-Aussenpolitik unter Biden von positiven Impulsen für die Märkte aus?

In der Sache wird es gleichbleiben, doch im Ton wird es konzilianter. Die Verhärtung der Fronten zu China ist schon vor der Trump-Administration von den Demokraten eingeläutet worden. Zudem: Wenn man auf die Trump-Administration zurückschaut, war es oft nur viel Lärm. In der zweiten Hälfte der Amtszeit konnte Trump nicht viel bewirken, nur twittern und Verfügungen unterschreiben. Schliesslich hat Trump den Markt mit seinen Tweets mal in der Euphorie gebremst, mal aus dem Stimmungstief geholt. Ich gehe nicht davon aus, dass Biden der Heilsbringer ist, was die internationalen Angelegenheiten angeht.

In den letzten Wochen kam wieder die Diskussion "Value versus Growth" auf. Was gilt in der aktuellen Marktsituation jetzt: Growth oder Value?

Das grosse Bild auf lange Sicht spricht immer noch für Growth, also für diejenigen Aktien, die den Markt in den letzten fünf Jahren geprägt haben. Aktuell sehen wir einen ersten Versuch, eine Gegenbewegung einzuleiten. Wir erwarten, dass dies erstmal eine vorübergehende Erscheinung ist. Der Grundtrend ist ungebrochen. Relativ gesehen könnte Growth gegenüber Value vorübergehend vor Ort treten und weniger stark abschneiden und die runtergeprügelten Werte damit ein Zwischenhoch sehen. Dass sich dies im grossen Bild wandelt, müssten wir eine viel stärkere wirtschaftliche Dynamik sehen. Wir müssten in ein Fahrwasser hineinkommen, was wachstumsmässig mindestens so gut oder besser wäre als vor der Krise.

Der Megatrend Digitalisierung, der Wachstumstitel sehr getrieben hat, wird ja nicht stoppen.

Genau, die Gesundheitskrise hat die dominanten Trends unumkehrbar beschleunigt. Dem Argument kann man aber entgegenhalten, dass dies schon eingepreist sein könnte. Wenn sich das wirtschaftliche Bild tatsächlich dramatisch verbessert, dann könnten Titel wie Amazon oder Facebook trotz einer weitergehenden Digitalisierung über längere Zeit an Ort treten. Deren Wachstum wäre dann nicht mehr so exorbitant viel höher als das gesamtwirtschaftliche Wachstum.

Was bedeutet die antizipierte weltweite Wirtschaftserholung für den Schweizer Aktienmarkt?

Den SMI haben wir letzte Woche auf "Untergewichten" gesetzt. Das heisst nicht, dass wir einen Kurszerfall im SMI erwarten. Wir erwarten einzig, dass es in den nächsten Quartalen mehr Aufwärtspotenzial ausserhalb des SMI gibt – bei zyklischen Werten im Ausland oder bei kleinen und mittelgrossen Schweizer Unternehmen, die im SMIM-Index enthalten sind. Nichtsdestotrotz: Wir erwarten, dass die Aktienmärkte inklusive SMI in den nächsten sechs bis zwölf Monaten weiter steigen.

In der Corona-Krise zeigen am Schweizer Aktienmarkt insbesondere Finanztitel eine massive Underperformance. Im November haben diese jedoch stark zugelegt. Woran liegt diese plötzliche Stärke?

Finanztitel sind Value-Werte. Die Frage nach der Marktführerschaft spiegelt sich auch am Schweizer Aktienmarkt wider. Ist dies ein Zwischenhoch, das gut mehrere Monate andauern kann, oder ist dies eine grössere Trendwende? Im Moment gehen wir von einem Zwischenhoch aus.

Sie raten daher zu keinem Einstieg bei einem Schweizer Banken- oder Versicherungstitel?

Doch, dies kann man machen. Die Frage ist nur: Ist es eine "Buy and Hold Strategie" für die nächsten zehn Jahre? Im Moment würde ich diese Titel nicht für die lange Frist kaufen. Doch Banken sind Frühzykliker. Und auch die in der Gesundheitskrise stark getroffenen Versicherungen sind momentan "günstig". Gute Banken- und Versicherungstitel wie UBS, Swiss Life, Zurich und Helvetia kann man jetzt schon zukaufen. Anleger sollten sich einfach vornehmen, im ersten Halbjahr 2021 den Investment Case nochmals gut zu überprüfen, ob nicht dann Gewinnmitnahmen angebracht sind. Für viele Schweizer Anleger besteht aber eher das Problem, dass sie die Bankaktien nie verkauft haben. Auf dem Hintergrund der Performance der letzten 15 Jahre braucht eine Aufstockung hier ziemlichen Mut. 

Bei welchen Schweizer Titeln ist aus heutiger Sicht ein Einstieg auch noch interessant?

Eine Nestlé kann man weiterhin kaufen, auch wenn der Titel in den nächsten Monaten weniger Potenzial aufweist als andere. Partners Group als klassischer Wachstumstitel ist ebenso interessant. Das Unternehmen hat es geschafft, in einem allgemeinen Tiefzinsumfeld und einem schwachen Wachstum im Bankenbereich Wachstum zu liefern. Doch auch Immobilientitel wie Mobimo sind nach wie vor attraktiv.

Der Goldpreis stieg in der Corona-Krise stark an, zeigte aber letzthin Schwäche. Wie geht es hier weiter?

Seitwärts. Die Preisentwicklung hat mit dem Risikoappetit der Anleger und der Entwicklung des Dollars zu tun. Aufgrund der Aufhellung der wirtschaftlichen Aussichten erfährt Gold weniger Panikkäufe, wie wir diese im Sommer gesehen haben. Die Dollarschwäche stützt hingegen den Preis. Für einen Anleger in Schweizer Franken finden wir Gold sowieso keine zwingende Anlage, ist die Währung doch selbst ein sicherer Hafen.

Die Dollarschwäche besteht seit Ende Mai. Seit Ende September geht es weiter abwärts für die Weltwährung. Was ist ihr Ausblick?

Wir gehen mittel- bis langfristig von einem schwächeren Dollar aus. Mein technischer Analyst sagt: "Dollar in Cash auf dem Konto ist die schlechteste Anlage weltweit". Wir hatten in der Corona-Krise die grösste Gelddruckübung, seit der Dollar die weltweite Reservewährung ist. Es ist eine regelrechte Dollarschwemme. Einzig die bestehende Krise der globalen Wirtschaft bewahrt den Dollar davor, noch schwächer zu werden.

Ist die Dollarschwäche sehr relevant für den Schweizer Anleger?

Für den Schweizer Anleger ist relevant, was der Schweizer Franken an sich macht. Die Dollarschwäche ist in einem guten Szenario der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung für den Schweizer Franken gar nicht so dramatisch, weil der Schweizer Franken als sicherer Hafen auch nicht mehr so gefragt sein würde. Wir gehen in diesem Fall vielmehr davon aus, dass sich der Euro massiv aufwerten würde. Die Dollarschwäche würde dann vielmehr gegenüber dem Euro als gegenüber dem Schweizer Franken zu sehen sein.

 
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Amazon.Com Rg3'162.58-0.76%
SMI10'364.50+0.21%
Swiss Life Hldg N409.00+0.20%
Zurich Insur Gr N364.00-0.27%
UBS Group N12.880-0.43%
Helvetia Hldg N90.00+0.22%
Nestle N99.00-0.31%
Part Grp Hldg N976.20-0.33%
Mobimo Hldg N266.50-0.74%
Gold 1 Uz1'839.54-0.11%
EUR/CHF1.0811-0.10%
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