Angeschlagener Pharmakonzern - Wie Roche zur Last für den SMI wurde

Seit Wochen und Monaten fällt Roche an der Börse durch eine eklatante Formschwäche auf. Das macht das Schwergewicht zur Hypothek für den SMI. Und das ausgerechnet im 10. Amtsjahr von Konzernchef Severin Schwan.
06.06.2018 08:30
Von Lorenz Burkhalter
Roche-Chef Severin Schwan sieht sich in seinem 10. Amtsjahr erneut mit einem erodieren Aktienkurs konfrontiert.
Roche-Chef Severin Schwan sieht sich in seinem 10. Amtsjahr erneut mit einem erodieren Aktienkurs konfrontiert.
Bild: cash

Es gab eine Zeit, da galt Roche an der Schweizer Börse als das Mass aller Dinge. Die Valoren des Basler Pharma- und Diagnostikkonzerns kletterten von einem Kursrekord zum nächsten. Roche sei nur am Tag des Kaufes teuer, so relativierten Händler damals die ziemlich anspruchsvolle Bewertung.

Doch das war mal, wie ein Blick auf die Kursentwicklung der letzten Wochen und Monate verrät: Am späten Dienstagnachmittag fiel der Kurs des Genussscheins von Roche vorübergehend auf unter 210 Franken und damit auf den tiefsten Stand seit fast fünf Jahren. Alleine seit Jahresbeginn errechnet sich ein deutliches Minus von 15 Prozent.

Auf der Suche nach den Gründen für die Kursschwäche

Das Indexschwergewicht wird zusehends auch für den Swiss Market Index (SMI) zur Belastung. Nahezu 200 Punkte kostete Roche das Börsenbarometer in diesem Jahr bereits.

Die Gründe, weshalb der Pharma- und Diagnostikkonzern bei Anlegern in Ungnade gefallen ist, sind vielschichtig. Ganz allgemein stehen die weitestgehend von der konjunkturellen Entwicklung unabhängigen Aktien von Pharmaherstellern nicht gerade hoch in der Anlegergunst. Andere, deutlich zukunftsträchtigere Titelsegmente wie beispielsweise die Technologiewerte laufen den Pharmaaktien schon eine ganze Weile den Rang ab.

Genussschein von Roche (rot) im Fünfjahresvergleich mit dem SMI (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Ungewissheit geht zudem vom kürzlich vorgestellten Massnahmenpaket der US-Regierung zur Eindämmung ausufernder Medikamentenpreise aus. In Expertenkreisen als vergleichsweise zahnlos bezeichnet, könnte das Massnahmenpaket dennoch den Einsatz günstigerer Generika, also von Nachahmermedikamenten, fördern.

Die "Grossen Drei" vom Patentablauf betroffen

Hier kommen nun die hausgemachten Probleme von Roche ins Spiel. In der Europäischen Union hat das Brustkrebsmedikament Rituxan den Patentschutz bereits verloren. Seither nagen Nachahmerpräparate an den Umsätzen des Originalherstellers aus Basel. In den USA kam es jüngst zwar zu Verzögerungen bei der Markteinführung von Konkurrenzpräparaten für Rituxan. Das nahm die Börse allerdings nur am Rande wahr.

Nach Rituxan dürften in den nächsten Jahren mit Herceptin und Avastin zwei weitere milliardenschwere Verkaufsschlager von Roche den Patentschutz verlieren. Schätzungen zufolge tragen die "Grossen Drei" nicht weniger als zwei Drittel um Jahresgewinn bei.

Darüber, ob der Pharma- und Diagnostikkonzern den drohenden Umsatz- und Gewinnrückgang bei diesen drei Schlüsselmedikamenten durch junge Präparate wie Ocrevus oder Tecentriq auffangen kann, scheiden sich die Meinungen der Analysten.

Am vergangenen Wochenende lud die American Society of Clinical Oncology zum diesjährigen Treffen nach Chicago. Zahlreiche Pharmahersteller, darunter auch Roche, stellten rund um das Treffen wichtige Studienergebnisse zu neuartigen Krebstherapien vor.

HSBC mit wegweisender Verkaufsempfehlung

Experten befürchten nun, dass andere Rivalen wie der US-Pharmakonzern Merck oder Bristol-Myers Squibb den Baslern die Technologie- und Marktführerschaft im Geschäft mit Krebsmedikamenten streitig machen könnten. Nicht ganz unbegründet, wie die jüngsten Studienergebnisse der Krebstherapie Keytruda von Merck auf dem Gebiet von Lungenkrebs zeigen.

Konzernchef Severin Schwan ist angesichts dieser Vielzahl von Herausforderungen nicht um seinen Job zu beneiden. Schwan befindet sich im 10. Amtsjahr und machte zuletzt vor allem aufgrund seiner millionenschweren Bezüge für das vergangene Geschäftsjahr Schlagzeilen. Das passt nicht zu einem Aktienkurs, der seit Jahren sinkt.

Eine Vorahnung für die Roche-Misere hatte schon im April 2017 die HSBC. Die britische Grossbank sprach damals als erste Bank seit Jahren eine Verkaufsempfehlung für den Genussschein von Roche aus, was einem Tabubruch gleichkam (cash berichtete).

Selbst nach dem Kurszerfall der letzten Wochen will die HSBC partout nicht von ihrer Verkaufsempfehlung abweichen. Ganz im Gegenteil: Im Zuge einer Reduktion der Schätzungen für den Spitzenumsatz des Krebsmedikaments Tecentriq fällt das Kursziel für den Genussschein sogar auf 192 (zuvor 201) Franken. Das entspräche noch einmal einem Rückschlag von knapp 10 Prozent.

Beileibe nicht nur negative Stimmen

Anders als im April 2017 hat nicht nur mehr die HSBC eine Verkaufsempfehlung ausstehen. Auch die französische Société Générale, Morgan Stanley oder die Credit Suisse raten den Anlegern dazu, den Genussschein von Roche zu meiden.

Doch es gibt auch andere Stimmen: So setzen die Strategen von Baader-Helvea den Genussschein am frühen Mittwochmorgen auf die Liste der "Top Stock Ideas". Das Anlageurteil lautet Buy, das Kursziel wie bis anhin 270 Franken.

Die Strategen erachten die Ängste rund um das Krebsmedikament Tecentriq als übertrieben und glauben, dass sich Roche in der zweiten Jahreshälfte aus dem Stimmungstief befreien kann.

Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 12,3 auf den nächstjährigen Schätzungen und einer Dividendenrendite von knapp 4 Prozent ist das Indexschwergewicht alles andere als teuer. Allerdings dürfte Roche die zahlreichen Probleme wohl nicht von heute auf morgen in den Griff bekommen. Kommt hinzu, dass die Dominanz der Gründerfamilien Hoffmann-Oeri im Aktionariat einen strategischen Befreiungsschlag bisweilen zu verhindern wusste.