cash.ch: Die UBS hat vor etwa zwei Jahren wie andere Banken auch Negativzinsen für Privatkunden eingeführt. Was sind die Erfahrungen mit diesem Schritt?

Anton Simonet: Bei Privatkunden, die ihr Geld investieren, sind wir flexibel. Die Frage stellt sich bei einzelnen Kunden, die ihr Geld nicht investieren wollen. Die Finanzindustrie fängt an, die Vermögenslimiten für Negativzinsen zu senken.

Ist das bei der UBS auch ein Thema?

Wir beobachten die Marktsituation laufend und besprechen dieses Thema individuell mit unseren Kunden.

Beeinflussen die Negativzinsen das Anlageverhalten der Kunden?

Bei sehr konservativen Kunden finden Sie im Obligationenmarkt keine entsprechende Lösung. Wenn die Verzinsung bei Anleihen mit sehr guter Qualität bei kurzen Laufzeiten negativ ist, wollen Kunden das Geld lieber auf dem Konto behalten. Schlechtere Qualität bei Anleihen zu nehmen empfehlen wir nicht. Eine Bewegung bei den Zinsen sehen wir frühestens Ende Jahr, abhängig davon, was in Europa geschieht.

Wie ist im Moment das Sentiment Ihrer Kunden angesichts von Rezessionsängsten und Befürchtungen, der Aktienmarkt könnte schon bald korrigieren?

Unsere Kunden haben im Dezember trotz des starken Rückgangs der Kurse ihre Aktien nicht verkauft. Das hat sicherlich damit zu tun, wie eng wir mit den Kunden kommunizieren. Aber auch damit, dass die Alternativen nach wie vor fehlen. Zudem ist die Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz und weltweit nach wie vor positiv.

Wie haben sich die Kunden bei den steigenden Kursen seit Anfang Jahr verhalten?

Nachdem die Kurse sich erholt haben, fragen sich viele Kunden, ob die Entwicklung so weitergehen wird oder ob sie ihre Portfolios absichern sollten. Positiv ist indessen, dass einige Unternehmen die Dividenden erhöhen. Im Unterschied zu früher schauen Investoren, gerade in der Schweiz, mehr auf Dividenden und nicht nur auf die Kursgewinne.

Kauften die Kunden seit Anfang Jahr im grossen Stil zu?

Dafür gingen die Kurse fast zu schnell nach oben. Die Investoren waren eher auf der abwartenden Seite.

Zwar steigen, wie Sie gesagt haben, die Dividenden, aber die Gewinnaussichten der Unternehmen sind zum Teil gedämpft. Was ist Ihr Ausblick?

Unser Ausblick ist nicht negativ. Die Weltwirtschaft wird immer noch um 3,5 Prozent wachsen und die vielfach international aufgestellten Unternehmen in der Schweiz werden davon profitieren. Wir sind auch der Ansicht, dass Aktien nicht übermässig hoch, sondern weitgehend moderat bewertet sind. Mit diesen Einschätzungen glauben wir nicht, dass die Lage in den nächsten sechs Monaten in einen raschen Abschwung münden wird.

Aber wie würden Sie als Bank den Kunden einen fallenden Aktienmarkt oder gar eine Rezession kommunizieren?

Ändert sich unsere Einschätzung, wird dies den Kunden kommuniziert. Bei einer Rezession würde man bei den Aktien wohl deutlich defensiver gehen. Würde eine Rezession im Gegenzug den Obligationenmarkt antreiben, gäbe es Umschichtungen. Wir kommunizieren über verschiedene Kanäle mindestens monatlich mit den Kunden, bei wichtigen Ereignissen sind wir tagesaktuell.

Sind die Kunden generell gut über das Geschehen informiert?

Wir müssen heute nicht mehr über Kursverläufe oder Neuigkeiten informieren. Diese erfährt der Kunde gleichzeitig wie wir. Die Kunden haben fast zu viele Informationen und verlangen deshalb nach unserer Einschätzung. Sie möchten die Informationen interpretiert haben und passende Handlungsempfehlungen erhalten.

Wo Kunden sicherlich auch nach Orientierung suchen, ist beim Thema Digitalisierung. Die UBS schrieb einmal, je höher das Vermögen, desto affiner zu digitalen Lösungen sei der Kunde. Weswegen ist das so?

Kunden, die viel Geld investieren, wollen rund um die Uhr über ihre Anlagen oder Märkte informiert sein und ihre Bankdokumente jederzeit elektronisch zur Hand haben. Der mobile Weg über Smartphone und Tablet wächst mittlerweile schneller als das klassische E-Banking. Die Anzahl Kunden, welche regelmässig Mobile Banking nutzen, hat sich im letzten Jahr um mehr als ein Drittel erhöht.

Sie sprechen vor allem internetbasiertes Banking an. Aber wie sieht es beispielsweise mit digitalisierter Anlageverwaltung aus? Sehen Sie im Schweizer Wealth Management eine Entwicklung zur automatisierten Vermögensverwaltung?

Wir sind sicherlich nicht sehr weit davon entfernt. Mehr als zwei Drittel unserer Wealth Management Kunden haben einen Digital Banking Vertrag. Viele von ihnen erhalten über diesen Weg individuelle Anlagevorschläge für ihr Portfolio, die sie direkt ausführen können. Gerade bei grösseren Investitionen stellen wir aber fest, dass die Kunden dennoch zum Telefon greifen. Noch gar keinen Trend zur digitalen Verwaltung sehen wir in den Bereichen Vorsorge und Nachfolgeplanung. Letzteres spielt in der Vermögensverwaltung auch eine zentrale Rolle, denn innert fünf Jahren werden Unternehmen im Wert von 65 Milliarden weitergegeben. Wir werden in diesem Bereich deshalb 30 Prozent mehr Berater einstellen.

Aber Anlageportfolios können ja zum Beispiel durch Robo Advisory ganz oder weitgehend automatisch verwaltet werden, zu tiefen Gebühren. Wäre das etwas für Ihre Kunden?

Ich schliesse nicht aus, dass dies eines Tages kommt. Aber die Nachfrage dazu ist im Private Banking noch verhalten. Auch bei jüngeren Investoren mit grossen Vermögen sehen wir keine besondere Nachfrage nach voll automatisierten Anlagelösungen.

Persönliche Beratung kostet nach wie vor, und bei Preisvergleichen in der Anlageberatung sind die UBS und die Credit Suisse in der Regel die teuersten Anbieter. Warum akzeptieren das die Kunden?

Die Kosten sind heute sehr transparent. Nur: Der Preis eines Produkts ist nur ein Faktor – es geht um das Gesamtpaket. Wir bringen unsere Kunden zum Beispiel mit Steuerspezialisten und Finanzplanern zusammen und bieten damit Gesamtlösungen an. Man muss stets berücksichtigen, welche Gegenleistungen man für den Preis erhält.

Aber kommt Ihnen als Bank nicht auch entgegen, dass der Schweizer Kunde weitgehend immer noch sehr konservativ ist, was seine Bankverbindungen betrifft?

Schweizer sind gegenüber Dienstleistungen und Produkten konservativ, das stimmt. Sie achten auch nicht auf jeden Basispunkt bei den Gebühren, reagieren dafür aber empfindlich auf Fehler. Deswegen achten wir stark auf Qualität.

Aber werden die Schweizer nicht auch mit der Zeit beweglicher, wie dies die Vermögensverwaltungskunden beispielsweise in Asien sind?

In Asien haben Sie nicht wie hier in Europa 150 oder 200 Jahre Tradition im Private Banking. Viele Vermögen der Wealth-Management-Kunden sind erst in den vergangenen 10 oder 20 Jahren entstanden. Auch die Begleitung von Unternehmerfamilien durch eine Bank geht nicht wie hierzulande oft Jahrzehnte zurück. Aber ja, es wird sicherlich auch in der Schweiz Kunden geben, die beweglicher werden.

Beweglich sind Kunden ja schon bei Internetbanken, wenn auch in einem anderen Segment: Derzeit vieldiskutierte Finanz-Startups wie Revolut oder N26 sind nun noch nicht im Markt für Vermögensverwaltung positioniert. Aber irgendwie beschäftigen wird Sie diese Konkurrenz auch, oder nicht?

Wir beobachten dies sehr genau. An Revolut ist spannend, wie einfach das System aufgebaut und von Anfang bis Ende durchdacht ist. Diese schlanken Prozesse sind interessant für uns. Wie Kunden informiert werden, wie das Onboarding des Kunden abläuft, die Geschwindigkeit und die User Experience: Da können wir von Startups lernen.

Im Video-Interview äussert sich Anton Simonet zur Förderung von Frauen in der Anlageberatung bei der UBS. Er sagt, weswegen UBS-Kunden zuweilen spezifische Vorstellungen davon haben, wer sie beraten soll. Er vertritt im Gespräch mit cash.ch auch eine Meinung dazu, ob in der Anlageberatung Quoten bei der Rekrutierung nötig seien. 

Anton Simonet leitet seit 2017 das Wealth Management Schweiz der UBS. Davor leitete er das Privatkundengeschäft in der Ostschweiz und war Verantwortlicher für die Vermögensverwaltung im Nahen Osten, Asien, Israel und Afrika in der Sektion Wealth Management International. Bevor Simonet 2010 zur UBS stiess, arbeitete er für die Dresdner Bank.