In den USA nimmt die Bilanzsaison volle Fahrt auf. Rund ein Drittel der Unternehmen im Börsenindex S&P 500 wird diese Woche Quartalszahlen vorlegen. Darunter sind auch die wichtigsten Tech-Konzerne am amerikanischen Aktienmarkt. 

Netflix hat die Zahlen vergangene Woche vorgelegt, von den "FAANG+M" fehlen damit noch Facebook, Apple, Amazon, Google-Alphabet und Microsoft. Die beiden "A" unter den grossen Tech-Namen sind seit Jahresanfang die schlechtesten Performer: Apple kommt seit Januar auf ein Plus von 1,2 Prozent, Amazon auf 2,6 Prozent. Diese für Tech-Verhältnisse dürftigen Performancezahlen liegen darin begründet, dass Investoren weltweit Geld aus Wachstumstitel abgezogen und mehr in Zykliker gesteckt haben. 

Datum der Zahlenpräsentationen (jeweils nachbörslich in den USA)

Doch wie auch Microsoft, Google und Facebook haben auch Apple und Amazon seit letztem Jahr enorme Kurszuwächse gesehen. Diese Woche müsste den Tech-Titeln neuen Boost geben, hoffen Analysten. Die Zahlen dürften überall gut bis sehr gut ausfallen. Die Aktien der fünf "Mega Caps" mit ihren gewaltigen Börsenwerten stehen auch bei unterschiedlichen Kursverläufen seit Anfang 2021 alle auf oder nahe an Rekordhochs, sind relativ hoch bewertet. Die Ausgangslage ist aber nicht überall gleich: 

Die Facebook-Aktie seit Anfang 2020 (Charts: cash.ch)

Der Facebook-Kurs liegt derzeit etwa 10 Prozent über Jahresanfang. Der Kurs hat in den letzten Wochen etwas unter Druck gestanden. Das erste Quartal dürfte punkto Werbeeinnahmen allerdings ein sehr gutes gewesen sein. Analysten erwarten eine Umsatzsteigerung von etwa einem Drittel gegenüber dem Vorjahr. Mehr als 33 Prozent Wachstum wären ein positives Signal für die Aktie.

Während die meisten Analysten beim Wachstum bullish sind, sind sie vorsichtig in Sachen Privatsphäre bei der Werbung. Änderungen bei der "Identifier for Advertisers" oder kurz IDFA, wie sie Apple mit dem unmittelbar anstehenden Betriebsupdate IOS 14.5 einführen will, werden gezielte Reklame auf Geräten wie dem iPhone erschweren. Apples "Anti-Tracking-Transparency"-Politik (ATT) wird also für Facebook-Investorinnen und -Investoren ähnlich wichtig wie der Facebook-Quartalsbericht selbst.

Apple

Die Apple-Aktie seit Anfang 2020.

Letztes Jahr legte der Apple-Kurs um 82 Prozent zu. Dann, trotz guter Weihnachtsgeschäfte Ende 2020, sind die Apple-Valoren schlecht ins laufende Jahr gestartet und insgesamt nur leicht gestiegen. Seit Ende März zeigt der Kurs aber wieder deutlich nach oben.

Nach sieben Quartalsberichten, in denen die Erwartungen jedes Mal übertroffen worden sind, machen die Eckdaten die Märkte optimistisch. Die Wachstumszahlen bei iPhones, Macs und iPads dürften auch diesmal stark sein und Apple zum ersten Mal über die 100-Milliarden-Dollar-Schwelle beim Quartalsumsatz tragen. Allerdings: Dies muss sich nicht sofort in einer Kurssteigerung niederschlagen. Zudem sind noch keine aufsehenerregenden Produktneuheiten auf dem Programm. Und auch die Abo-Dienste wie iTunes oder Apple TV werden immer kritisch beäugt.

Nach den letzten Quartalspräsentationen hat sich die Apple-Aktie jeweils stärker, aber auch etwas volatil gezeigt. Der grundlegende Trend bei Apple zeigt unbeirrt nach oben.

Amazon

Die Amazon-Aktie seit Anfang 2020. 

Das weniger als 3 Prozent starke Kurswachstum seit Anfang Jahr könnte zum Teil eine Reaktion auf den 125-Milliarden-Umsatz vom Schlussquartal 2020 sein: Diesen Wert dürfte Amazon nicht nochmals erreichen: Analysten rechnen mit gut 100 Milliarden Dollar.

Für Anlegerinnen und Anleger dürften Angaben darüber interessant sein, inwieweit der verstärkte Trend zum Online-Shopping als Folge der Coronaviruspandemie anhält. Der Impffortschritt in den USA könnte wieder mehr Menschen zum Einkaufen in physischen Läden und Geschäften verleitet haben. Allerdings wecken auch die Zahlen des Cloud-Geschäfts Amazon Web Services (AWS) seit einigen Quartalen grosses Interesses.

Für langfristige Engagements sind die Meinungen zu Amazon weiterhin sehr positiv. Kurzfristig könnte der Kurs aber noch weiterhin eher seitwärts laufen. So, wie der Kurs schon seit etwa sieben Monaten läuft. 

Google-Alphabet

Mit einem um 31 Prozent gestiegenen Kurs seit Anfang Januar ist Google der bestperformende grosse US-Tech-Titel in diesem Jahr. Die Werbeeinnahmen des Konzerns mit seiner Internet-Suchmaschine im Zentrum haben sich nach dem Corona-Knick sehr gut entwickelt.

Google könnte sehr wohl weiterhin davon profitieren, dass bisher eingefrorene Werbebugdets bei Unternehmen freigegeben werden. Auch das Cloud-Geschäft dürfte ein starkes Umsatzwachstum mitantreiben. Trotz des rekordhohen Kurses sind die Analystenmeinungen zur Aktie positiv. Dies auch deswegen, weil nicht nur der Umsatz, sondern auch der Gewinn kräftig zunehmen dürften. So jedenfalls sind die Erwartungen an die bervorstehende Quartalspräsentation. 

Die Microsoft-Aktie seit Anfang 2020. 

Der Softwaregigant hat zuletzt von Azure profitiert, der sehr erfolgreichen Cloud-Plattform. Amazon, Google und Microsoft machen sich in diesem schnell wachsenden Geschäft den Rang streitig, sind aber alle sehr erfolgreich im Geschäft.

Mit 17 Prozent Kursgewinn seit Anfang Jahr ist das von Milliardär Bill Gates mitgegründete Unternehmen einer der besser laufenden Tech-Stocks in der aktuellen Phase. Analysten schreiben, dass Microsoft "auf allen Zylindern zündet". Das letzte Mal, als Microsoft Zahlen unter den Erwartungen vorlegte, war 2016. Erwartet wird, dass Microsoft auch jetzt gut abschneiden wird und Prognosen übertrifft. Allerdings könnte der Kurs schon auf eine kleine Ergebnisenttäuschung im Cloud-Geschäft etwas empfindlich reagieren. Im Grossen und Ganzen ist Microsoft weiter eine überlegene Wachstumsstory. 

Tech-Rally könnte noch auf sich warten lassen

Im Moment lässt sich nicht klar voraussagen, ob der Markt bald wieder in die Richtung einer Tech-Rally umschwenkt. Noch streitet man sich darüber, ob Zykliker oder Wachstumsaktien wie jene der Tech-Grössen mehr gefragt sein werden. Zwar macht die weiterlaufende und immer schneller werdende Digitalisierung profitable Tech-Unternehmen wie die FAANG+M grundsätzlich interessant. Arbeiten mit der Cloud, künstliche Intelligenz, Online-Shoppen und Werbung im Internet werden immer noch wichtiger. 

Zykliker-Rally: Ist der «Reflation Trade» nun gelaufen?

Doch es ist noch nicht klar, inwieweit Firmen beispielsweise das Homeoffice weiter betreiben werden, von dem die Tech-Titel schon eine ganze Zeit profitieren. Den Ankündigungen müssen erst noch Taten folgen. Ausserdem werden die Regulierung und die Besteuerung zulasten der grossen Tech-Konzerne mehr zum Thema, nachdem die Administration von US-Präsident Joe Biden ihre Arbeit aufgenommen hat. Speziell Facebook, Google und Amazon werden die "Anti-Trust"-Bemühungen der US-Politik vermutlich noch stärker spüren. 

Interessanterweise sind aber die Meinungen für Google und Microsoft besonders positiv, also für die beiden Firmen, deren Aktien schon auf Rekordhoch stehen. Im zweiten Quartal werden sich alle grossen Tech-Konzerne auf jeden Fall mit ihrer sehr guten Performance in der Periode April bis Juni vom vergangenen Jahr messen lassen müssen, als sie massiv von der Erholung nach der ersten Corona-Welle profitierten.

Für neue Feuerwerke bei den Tech-Aktien braucht es also sehr überzeugende Wachstumszahlen, die in der laufenden Berichtsaison schon klar sichtbar werden müssen. Netflix hat die Erwartungen bei den Subscriber-Zahlen vergangene Woche enttäuscht, der Kurs ist in der Folge um etwa 8 Prozent gesunken. Für die übrigen grossen Tech-Aktien sind gute Zahlen zwar realistisch, aber die Kurse dürften zum Teil dennoch etwas länger seitwärts laufen.