Börsen-Interview - «Liebe Anleger, seid mutig und hört auf, immer nur zu jammern»

Beate Sander hat erst im Rentenalter begonnen, sich mit Aktien zu beschäftigen. Heute ist sie Börsenmillionärin. Im cash-Interview verrät die Bestseller-Autorin ihre Erfolgsstrategie - und ihre besten Investments.
07.08.2020 06:30
Interview: Henning Hölder
Beate Sander ist Börsen-Expertin und erfolgreiche Buchautorin.
Beate Sander ist Börsen-Expertin und erfolgreiche Buchautorin.
Bild: ZVG (Nina Wellstein)

In ihrem ersten Leben war Beate Sander Lehrerin für die Fächer Wirtschaft und Recht, Sozialwesen und Erziehungslehre. Erst im Alter von 59 Jahren, kurz vor der Rente, begann sie, sich mit Aktien zu beschäftigen. Startkapital damals: 30'000 Euro. Bereits zwanzig Jahre später brachte es Sander zur Börsen-Millionärin.

Heute ist die mittlerweile 82-Jährige nicht nur erfolgreiche Investorin, sondern auch Bestseller-Autorin. Zudem gibt sie Kurse über erfolgreiches Anlegen. Ihr seit 2001 erscheinender "Aktien- und Börsenführerschein" führt seit Jahren die Amazon-Bestseller-Liste im Bereich Börsenführer an. Viele weitere Bücher folgten. Ihr neustes Werk "Die richtige Geldanlage in Krisen und im Crash" hat sie während des Corona-Lockdowns geschrieben.

Im cash-Interview gibt die aus dem süddeutschen Ulm stammende Börsen-Autorin Auskunft über ihre selbst entwickelte Hoch-Tief-Mut-Strategie, ihre erfolgreichsten Investments und sie erklärt, warum Anleger endlich aufhören sollten, zu jammern.

cash: Der Corona-Crash war heftig. Wie stark hat ihr Depot gelitten?

Beate Sander: Der Crash kam natürlich ganz plötzlich und war massiv. Wer da Stopp-Loss-Kurse festgelegt hat, dessen Depot wurde leergeräumt. Mein Depot war vor dem Crash rund 2,6 Millionen Euro wert. Als die Kurse dann einbrachen, ist der Wert zwischenzeitlich um knapp 25 Prozent abgesackt.  

Sie haben also etwa eine halbe Million Euro verloren. Hat Sie das geschmerzt?

Überhaupt nicht. Ich habe gestern in mein Depot geschaut und gesehen, es steht wieder annähernd bei 2,6 Millionen Euro. Ich habe also längst wieder alles aufgeholt.  

Wie haben Sie im Crash reagiert?

Ich habe bei einigen meiner Titel, die trotz Corona auf Allzeithoch standen, Teilverkäufe getätigt, um mit diesen Gewinnen jene Aktien zuzukaufen, die übermässig abgestraft wurden und somit niedrig bewertet waren.

Welche Aktien hielten sich denn trotz Corona-Crash nahe dem Allzeithoch?

Das war unter anderem bei Isra Vision der Fall, einem deutschen Bildbearbeitungs-Spezialisten. Dessen Kurs schnellte durch eine Übernahme im Februar nach oben und blieb dort auch während der Krise.

Sie machen also nur Teilverkäufe?

Meine Devise ist immer: Zu niedrigen Kursen kaufen und möglichst zu höchsten Kursen Teilverkäufe tätigen. Ich hau niemals meine besten Aktien komplett aus dem Depot. Meine besten Rennpferde sollen schliesslich im Stall bleiben. Wenn mich das Geschäftsmodell allerdings enttäuscht und nicht zukunftsfähig erscheint, trenne ich mich komplett von einem Titel.

Haben Sie einen allgemeinen Rat, was bei Crash-Situation zu tun ist?

Das Allerwichtigste ist: Sein komplettes Depot abzustossen, ist Quatsch. Die Börsen-Geschichte lehrt uns schliesslich eines: Nach jedem schweren Crash kommen immer wieder neue Allzeithochs. Das war immer und überall so. Die grosse Ausnahme ist Japan.

War Ihnen die schnelle Erholung an den Märkten eigentlich auch unheimlich?

Die Erholung war in der Tat zu schnell. Allerdings wird der Markt nun einmal mit Geld überschwemmt. Und umgekehrt waren der starke Absturz im März 2020 übertrieben. Auch Value-Aktien haben gelitten – und viele haben sich übrigens bis heute noch nicht vollständig erholt.

Ganz anders bei Wachstumsaktien…

Dort konnte man natürlich die grössten Gewinne einstreichen. Erst gestern habe ich bei meiner AMD-Aktie…

… dem US-Chip-Entwickler…

… einen Teilverkauf mit über 70,75 Euro gemacht. Gekauft hatte ich die Aktie bei 23,50 Euro. Auch Titel wie Apple, Amazon, Paypal oder Shopify – um nur einige zu nennen – sind alle wieder auf Allzeithoch. Dort mach ich sowohl Zukäufe las auch Teilverkäufe. Allerdings gilt: Wenn sich keine günstigen Nachkäufe bei anderen Aktien, also Kombinationsgeschäfte anbieten, anbieten, mache ich auch keine Teilverkäufe - es sei denn bei Kapitalbedarf.

Die Anleger sind derzeit ratlos, wo die Reise in Zeiten von Corona hingeht. Sind Sie positiv gestimmt für die Märkte in den nächsten Wochen und Monaten?

Kurzfristige Prognosen können zwar hohen Unterhaltungswert haben, sind aber weitgehend Spekulation. Es kommt natürlich darauf an, ob wir eine zweite grosse Infektions-Welle erleben werden. Falls ja, werden wir wieder neue Tiefststände sehen. Vor allem, weil vor Mitte 2021 wohl kaum ein wirksamer Impfstoff auf den Markt kommen wird.

Und wenn eine zweite Welle ausbleibt?

Dann werden wir weiter steigende Kurse sehen. Auch wenn es zwischenzeitlich immer wieder Rücksetzer gibt. Man darf nicht vergessen: Anders als die Aktienmärkte erholt sich die Konjunktur nicht so schnell. Ein Einbruch um gut 10 Prozent beim Bruttoinlandprodukt muss erst einmal verkraftet werden, ebenso steigende Arbeitslosenzahlen und Firmenpleiten. Zudem gibt es viele Störfaktoren, wie der USA-China-Konflikt und die US-Wahl im November.

Haben Sie eigentlich Gold in Ihrem Depot?

Ich habe physisch unterlegte Gold-ETC und Goldminen-Aktien. Die hatte ich bereits im Crash 2008 gekauft. Seitdem konnte ich üppige Buchgewinne einfahren.  

Wird der Preis noch steigen?

Auch wenn Gold kurzfristig noch steigen wird, allein wegen der Corona-bedingten Anleger-Ängste, wird das nicht immer so weitergehen. Ich warne davor, dem Gold-Trend blind hinterherzulaufen. Ein Gold-Anteil von fünf bis zehn Prozent im Depot ist immer sinnvoll, darüber würde ich aber auch jetzt nicht gehen.

Bank of America gibt ein Kursziel von 3000 Dollar je Unze aus. Utopisch?

Utopisch ist das nicht. Auch hier gilt: es kommt auf eine zweite Infektionswelle an. Kommt diese nicht, würde ich nicht unbedingt auf 3000 Dollar wetten.  

Frau Sander, Sie starteten Ihre Börsen-Karriere Mitte der 1990er-Jahre im Alter von 59 Jahren. Aus einem Startkapital von 30'000 Euro wurden zwanzig Jahre später bereits eine Million Euro. Nennen Sie uns den wichtigsten Faktor, der zu diesem Erfolg geführt hat.  

Ich wende meine selbst entwickelte Hoch-Tief-Mut-Strategie an. Deren wichtigster Bestandteil lautet: Breit gestreut, nie bereut. Es macht keinen Sinn, mit ein paar wenigen Aktien zum Erfolg kommen zu wollen. Zudem müssen Sie langfristig denken. Heute rein, morgen raus, ist nicht geboten. Ich kaufe nur Aktien, die ich grundsätzlich für immer behalten will. Aktien würde ich nur komplett verkaufen, wenn ich mich tatsächlich grundlegend geirrt habe. Zudem ist der Umfang des Aktienkaufs wichtig.

Inwiefern?

Es macht wenig Sinn, sich mit 100 oder 200 Euro eine Einzel-Aktie zuzulegen. Wer mit solchen Beträgen investieren will, sollte ETF kaufen. Aber der Betrag sollte bei Aktien auch nicht zu hoch sein. Ich kaufe immer zwischen 1000 und 2000 Euro. Das ermöglicht auch mal Teilverkäufe.

Welche Arten von Aktien finden sich in Ihrem Depot?

Ich habe einen Teil in Value-Aktien investiert. Etwa niedrig bewertete und dividendenstarke Defensiv-Titel, wie sie im Konsum- oder Versicherungssektor zu finden sind. Doch Aktionärinnen und Aktionäre sollten unbedingt auch mutig sein.

… und wo investieren Mutige?

Dort wo die Zukunftsmusik spielt. In der künstlichen Intelligenz, im Internet der Dinge, einfach in der digitalisierten vernetzten Welt. Da will ich dabei sein, solche Aktien gehören für mich ins Depot. Indem ich beide Aktien-Typen – Value- und wachstumsstarke Growth-Zukunft-Aktien – kombiniere und verantwortungsbewusst handle und auch den Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtige, stelle ich die Weichen für eine langfristig erfolgreiche Börsen-Karriere.  

Worin sollen die Mutigen jetzt konkret investieren?

Ein Beispiel wäre Wasserstoff-Aktien. Ich denke da an Ballard Power aus Kanada, oder PowerCell aus Schweden, oder Nel ASA aus Norwegen, eine Plug Power aus den USA gefällt mir ebenfalls. Die sind alle in meinem Depot und haben mir in einem Jahr durchschnittlich über 150 Prozent Kursgewinn bei Teilverkäufen eingebracht. Und der Trend steht noch ganz am Anfang. Wer doch ein bisschen ängstlicher ist, kann etwa in das Dax-Unternehmen Linde investieren – ein grosser Industriekonzern, der neben Gasen und Batterien nun auch Wasserstoff als Geschäftsfeld entdeckt hat.

Was sind weitere Zukunftstrends?

Auf jeden Fall das Gesundheitswesen. Ich meine damit nicht nur Wirk- und Impfstoffe gegen Covid-19. In der Verbesserung des Gesundheitswesens liegt überhaupt noch viel Potenzial.

Welche Titel fallen Ihnen da ein?

Ich denke vor allem an jene Biotech-Werte und Impfstoff-Aktien, die einen grossen Pharma-Riesen als Kapitalgeber hinter sich haben. Ich bin etwa bei Biontech, Moderna und Novavax investiert. Aber auch die Grossen wie AstraZeneca oder Pfizer gehören in mein Depot.

Die Fallhöhe bei einigen Biotechs ist mittlerweile allerdings recht gross, oder?

Natürlich muss man die Kurse verfolgen und immer am Ball bleiben. Ich hatte BiontechModerna und Novavax recht günstig eingekauft und habe zudem ja auch die grossen, eher defensiven Pharmwerte als Beimischung im Depot. Bei dem einen oder anderen Titel habe ich natürlich auch mal Teilverkäufe vorgenommen.

In welchen Bereichen liegt noch die Zukunft?

Corona hat die Digitalisierung noch einmal beschleunigt. In Zeiten von Online-Konferenzen und Online-Seminaren, habe sich meine Investitionen in Zoom, Team Viewer oder auch Microsoft, zu denen Skype gehört, wirklich gelohnt. Oder denken Sie an die Halbleiter- und Chipindustrie mit AMD, ASML, Infineon, Qualcomm und Samsung. Auch hier kann man mit gutem Gewissen kaufen.

Wenn Sie auf 25 Jahre Börsen-Karriere zurückblicken: Was war Ihr bestes Investment?

Mein grösster Volltreffer war sicherlich die Sartorius-Aktie, ein Pharma- und Laborzulieferer aus Göttingen in Deutschland. Die Vorzüge habe ich 2006 bei 5,40 Euro gekauft, heute stehen sie etwa bei 330 Euro. Mein letzter Teilverkauf erfolgte bei über 340 Euro.

Das macht über den Daumen etwa 6000 Prozent Kursgewinn.

Zu meinen besten Deals gehören sicherlich auch die AMD-Aktie, der deutsche IT-Dienstleister Bechtle, der Münchner Software-Anbieter Nemetschek, oder auch Samsung aus Südkorea.

Ok, Hand aufs Herz: Wo lagen Sie so richtig daneben?

Zu meinen eher bescheidenen Investment-Entscheidungen gehört sicherlich der Kauf der Solarworld-Aktie, einem deutschen Industriekonzern, der in der Solarstromtechnologie tätig war. Die Aktie ist heute nur noch ein paar Cents wert. Ich habe aber zum Glück rechtzeitig verkauft. Ähnlich lief es bei Wirecard.

Haben Sie es etwa geschafft, beim Skandal-Unternehmen rechtzeitig auszusteigen?

Meine letzten Anteile habe ich bei 50 und 90 Euro gekauft. Diese waren ein Totalverlust. Allerdings war das insgesamt nicht schlimm. Ich hatte davor bereits bei 32 Euro gekauft und bei 180 und 190 Euro wieder verkauft. Was können wir daraus lernen? Selbst, wenn man schlechte Aktien im Depot hat, kann man profitieren, wenn man nicht ewig zuwartet, sondern auch mal hohe Gewinne mitnimmt.

Haben Sie eigentlich auch Schweizer Aktien in Ihrem Depot?

Ja selbstverständlich. Ich bin ein grosser Fan von Schweizer Pharma-Aktien. Novartis, Roche oder BB Biotech sind in meinem Depot. Und ich würde auch gerne nachkaufen und mir endlich Nestlé ins Depot legen. Es gibt nur ein Problem.

Und das wäre?

Schweizer Aktien aus Deutschland zu kaufen, ist derzeit etwas komplizierter. Man zahlt pro Order derzeit ganz schön viel drauf. Hintergrund ist der Streit zwischen der EU und der Schweiz um die Börsenäquivalenz. Da ich ja immer nur zwischen 1000 und 2000 Euro pro Aktie investiere, sind mir die zusätzlichen Gebühren ein Dorn im Auge. Das ist wirklich schade, weil ich zum Beispiel auch eine Zurich Insurance wirklich gerne in meinem Depot hätte.

Erlauben Sie noch eine persönliche Frage: In fast jedem Aktien-Ratgeber steht, je älter man wird, desto geringer soll der Aktien-Anteil im Depot sein. Was halten Sie davon?

Das ist absoluter Blödsinn. Früher war diese Argumentation ja vielleicht noch nachvollziehbar. Ich kann mich erinnern: Damals um die Jahrtausendwende habe ich fast zehn Prozent Zinsen auf das Festgeld bekommen. Zu dieser Zeit war es als älteres Semester sinnvoll, in solch sichere Anlagen zu investieren. Aber das gilt doch heute nicht mehr in diesem Tiefzinsumfeld. Man hat doch gar keine Alternative, wenn man mit seinem Geld eine Rendite erzielen will. Mit dem Sparbuch würde ich bei meinem Vermögen Strafzinsen zahlen.

Haben Sie abschliessend noch einen Rat an die Aktionäre?

Mein Aufruf ist ganz klar: Leute, hört auf, immer nur zu jammern und zu wehklagen und auf andere Zeiten zu warten. Setzt euch auf euren Hintern und informiert euch über die Börse. Wer selber in Einzelaktien investieren will, muss sich darauf vorbereiten. Wichtig ist, gute Bücher zum Erwerb von Grundwissen zu lesen und sich zu informieren. Wer glaubt, Börse ist ein Kindergeburtstag, wo man einfach ein bisschen mitmachen kann, der hat sich kräftig geschnitten und kommt nicht voran.

 

Bücher von Beate Sander (Auswahl): 

  • Der Aktien- und Börsenführerschein: Aktien statt Sparbuch – die Lizenz zum Geldanlegen; 10. Auflage 2020 erschienen. 
  • Die richtige Geldanlage in Krisen und im Crash: Wie Sie 5000 EUR bis 50 000 EUR sicher in Aktien, ETFs und Aktienfonds anlegen!; 1. Auflage 2020 erschienen. 
  • Börsenerfolgsformel Nachhaltigkeit: Anlage mit gutem Gewissen in Aktien ETFs und Fonds; erscheint im September 2020. 
  • Das große Buch der Börsenkolumnen: So werden auch Sie reich: Börsenwissen Aktien, ETFs, Aktienfonds leicht gemacht, 1. Auflage 2019 erschienen.
 
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