Herr Curtis, Herr Cioppa, sie arbeiten beide bei Franklin Templeton. Worauf liegt der Schwerpunkt bei Ihrer Arbeit?

Jonathan Curtis: Unsere Investmenteinheit ist die Franklin Equity Group. Sie ist die viertgrösste innerhalb von Franklin Templeton und im Silicon Valley beheimatet. Wir fokussieren uns auf Wachstums- und Innovationstitel und verwalten rund 128 Milliarden Dollar.

Matthew Cioppa: Ich bin zusammen mit Jonathan Curtis der Fondsmanager unseres Flaggschiffsfonds in Europa, dem vor rund 24 Jahren gegründeten Franklin Technology Fund.

Der Nasdaq erklimmt immer neue Höhen, kann das noch weiter gutgehen?

Curtis: Der Nasdaq kann dank dem wohl neu beginnenden Konjunkturzyklus im Technologiesektor weiter gut performen.

Sie beziehen sich auf den Faktor ‹Künstliche Intelligenz›?

Curtis: Ja, dank den Produktivitätsgewinnen und neuen Opportunitäten, welche die Künstliche Intelligenz mit sich bringt. Die wichtigsten Renditegeber im Nasdaq sind seit Jahresbeginn Nvidia, Meta, Microsoft, Amazon, Broadcom und AMD. Alle haben starke Bilanzen, sind strukturelle Wachstumstitel. Schlussendlich haben aber alle auch einen Bezug zum technologischen Megatrend Künstliche Intelligenz.

Wo stehen wir bei diesem Megatrend?

Curtis: Wir befinden uns in den Anfängen. Die erwähnten Unternehmen sind sowohl Profiteure auf der Angebotsseite dieser Entwicklung als auch Nutzer. Wir sind nicht erstaunt, dass diese Aktien gut performen - und sie werden es langfristig auch weiterhin tun. Es gibt aber noch viele Titel aus dem Midcap-Bereich, die noch an dieser Rally partizipieren werden. Die bestehenden Gewinner und die noch zu entdeckenden KI-Aktien werden den Nasdaq über das nächste Jahr weiter antreiben.

Man ist noch zu spät mit einem Investment...

Curtis: Nein. Zu Beginn eines neuen Technologiezyklus' sind die Erträge noch gedämpft, da Unternehmen in ihre Zukunft investieren. Aber auf Sicht von zehn Jahren sind die potenziellen Gewinne ersichtlich. Das Geschäft von vielen KI-relevanten Unternehmen ist vermutlich heute sogar noch unterbewertet. Man braucht als Investor bei Midcap-Unternehmen Geduld, bis deren Technologie sich im Markt durchgesetzt hat, aber wir hoffen, dass wir jetzt schon wissen, welche das sein werden.

Eine Teenagerin aus meinem Bekanntenkreis nutzt bereits jetzt ChatGPT für ihre Hausaufgaben…

Curtis: ChatGPT erreichte 100 Millionen Nutzer innerhalb von zwei Monaten, nachdem der Dienst verfügbar wurde. Die erwähnte Schülerin brauchte kein Training, sie konnte einfach mit der Künstlichen Intelligenz kommunizieren. Man braucht kein neues Gerät, muss nichts ‹Neues› lernen. Man kann mit menschlicher Sprache kommunizieren und bekommt etwas Wertvolles zurück.

Wie kann man als Investor die guten Investmentmöglichkeiten identifizieren?

Cioppa: Generell denken wir in zwei Kategorien, wenn es um Investments in KI geht. Einerseits Unternehmen, welche die digitale Infrastruktur für die KI-Applikationen bauen, andererseits die Entwickler der KI-Applikationen. Die Top-Titel im letzten Jahr waren sicherlich Nvidia und Microsoft.

Matthew Cioppa, Fondsmanager bei Franklin Equity Group.

Matthew Cioppa, Fondsmanager bei Franklin Equity Group.

Quelle: ZVG

Ist Nvidia nicht zu teuer?

Cioppa: Nvidia hat ein Wachstum von über 400 Prozent in ihrem Rechenzentrumsgeschäft gemeldet. Die unglaubliche Nachfrage hält also an. Das Angebot kann nicht Schritt halten. Das taktische Risiko könnte darin bestehen, dass die Nachfrage in naher Zukunft etwas schwächer wird. Das langfristige Risiko, das derzeit in Betracht gezogen wird, ist, dass die Käufer von Nvidia-Chips einen echten zweiten oder dritten Anbieter von GPUs oder GPU-Alternativen erhalten. Aber zum jetzigen Zeitpunkt wird dieses Risiko ein wenig überbewertet. Und wenn man sich die heutige Bewertung der Aktie für ein Unternehmen ansieht, das so gut wächst und eine so revolutionäre Technologie wie KI strategisch einsetzt, halten wir diese nicht für übertrieben.

Curtis: Die optimistischste Kennzahl aus diesem ganzen Quartalsbericht war, dass sie schätzungsweise 40 Prozent der Nutzung ihrer Chips auf der Anwendungsseite sehen. Das bedeutet für mich, dass die Chips bereits auf breiter Front eingesetzt werden, obwohl wir noch ganz am Anfang stehen.

Doch es gibt mehr Möglichkeiten für Investments?

Cioppa: Bei der digitalen Infrastruktur gibt es Chip-Designer wie der Marktführer Nvidia, aber auch AMD. Diese haben eine konkurrenzfähige GPU-Lösung, die dieses Jahr eine erhöhte Nachfrage erfahren wird: Monolithic Power Systems, das integrierte Schaltkreise für Systeme in den Rechenzentren bereitstellt. Oder Marvell Technologies und Lattice Semiconductor, um nur einige weitere interessante Titel zu nennen. 

Gibt es noch weitere Bereiche?

Cioppa: Ja, zum Beispiel Unternehmen wie Synopsys und Cadence stellen die Software-Tools bereit, die für das Design der fortschrittlichen Chips verwendet werden. Und dann sind da noch die Halbleiterhersteller wie Taiwan Semiconductor. Die nächste Ebene sind die Anbieter von Cloud-Diensten. Die Ära der generativen KI wäre ohne das Cloud Computing gar nicht möglich gewesen. Cloud-Anbieter wie Amazon werden weiterhin von der Entwicklung bei der KI profitieren. Alle Tools, die den Unternehmen helfen, die Daten sinnvoll zu nutzen und in die KI-Modelle zu integrieren, bieten Chancen. Denken Sie nur an die Datenbankmanagement- und Analyseunternehmen wie MongoDB oder Snowflake. Diese Ideen betreffen allein die digitale Infrastruktur.

Wo liegen die Chancen auf der Anwendungsseite?

Cioppa: Bei Softwareunternehmen wie Intuit, ServiceNow oder Adobe. Denn sie werden mit ihren Anwendungen die Produktivität in Unternehmen enorm steigern. 

Curtis: Adobe oder Canva machen es mit ihren generativen KI-Tools es den Menschen leichter, kreativ zu werden. Aber diese Unternehmen haben damit auch eine Chance bei der Preisgestaltung. Wenn die Tools einfacher zu benutzen sind oder über gänzlich neue Funktionen verfügen, können sie die Preise dafür erhöhen. 

Jede Revolution hat Verlierer. Wo sind diese?

Cioppa: Es handelt sich um eine Technologie, die Milliarden von Menschen beeinflussen wird. Aber jedes Mal, wenn wir eine technologische Revolution erleben, werden die Karten neu gemischt. Ehemalige Marktführer werden zu Verlierern, neue Marktteilnehmer kommen und übernehmen die Marktführerschaft. Und wir glauben, dass wir erst ganz am Anfang stehen, um das herauszufinden. 

Curtis: Mein Vater war klug genug, mir als Kind einen Heimcomputer zu kaufen, und ich lernte, damit umzugehen, was mir während meiner gesamten beruflichen Laufbahn zugute kam. Ich denke, etwas Ähnliches wird auch hier geschehen. Diejenigen, welche die KI nicht als Bedrohung ansehen, sondern lernen, die Werkzeuge effektiv zu nutzen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, werden meiner Meinung nach produktiver sein als diejenigen, die den Kopf in den Sand stecken und letztlich zurückbleiben. 

Sie gehen davon aus, dass der Technologie-Sektor auch 2024 den breiten Markt übertreffen wird. KI sei dank?

Curtis: Ich denke, ja. Unternehmen, welche in KI investieren, werden weiter wachsen. Und wir glauben, dass der Technologiesektor andere Branchen übertreffen wird. Aber auch andere Sektoren werden nachziehen, da sie Produktivitätsgewinne durch KI verzeichnen werden. Aber der Technologiesektor wird der Lieferant dieser Technologie sein und einer der ersten Nutzer. 

Cioppa: Microsoft hat zum Beispiel erstmals die Möglichkeit, mit weniger Personalintensität zu wachsen. Und es wird nicht nur Microsoft sein. Viele dieser Unternehmen werden feststellen, dass es dank KI in ihren Geschäften eine inhärente Hebelwirkung gibt, die für grosse Effizienzsteigerung sorgt. 

Inwiefern spielt die absehbare Lockerung der Geldpolitik eine entscheidende Rolle?

Curtis: Wir brauchen keine Zinssenkungen, damit sich unsere Einschätzung als richtig erweist. Wir glauben, dass niedrigere Zinssätze die Performance des Sektors unterstützen können, aber die strukturelle Wachstumsbeschleunigung aufgrund von KI und digitaler Transformation ist ein viel grösserer Faktor.

Stichwort Geopolitik: Wie gross ist der KI-Vorsprung der USA auf China? 

Curtis: Ich sehe nicht, wie China den Rückstand auf die Effizienzgewinne, die der Westen erzielen wird, aufholen kann. China hat zwar das Talent und das Kapital, doch die von den Vereinigten Staaten und anderen Ländern auferlegten Exportbeschränkungen benachteiligen das Land. 

Jonathan Curtis ist Executive Vice President und Chief Investment Officer der Franklin Equity Group von Franklin Templeton. Curtis hat die Aufsicht über die in San Mateo und New York ansässigen Investmentteams, die Aktien- und Wandelanleihenstrategien verwalten, sowie über die Research- und Risikokapitalteams der Franklin Equity Group und andere unterstützende Funktionen. Er ist auch der leitende Portfoliomanager des Franklin Technology Fund. Curtis ist seit mehr als 30 Jahren im Technologiesektor tätig, zunächst als Ingenieur für Softwareentwicklung und Integrationstests und jetzt als Investor. Er kam 2008 zur Franklin Equity Group, wo er als Aktienanalyst die Sektoren IT-Hardware und Kommunikationsausrüstung abdeckte. Im Jahr 2022 wurde er zum Direktor des Portfoliomanagements ernannt. Curtis hat einen MBA von der UC Berkeley's Haas School of Business und einen  Bachelor of Science in Elektroingenieurwesen.

Matthew Cioppa ist Portfoliomanager des Franklin Technology Fund und leitet das Technologie- und Kommunikations-Research-Team der Franklin Equity Group, das die Integration des Sektor-Research in die verschiedenen Aktienstrategien unterstützt. Als Research-Analyst deckt Cioppa die Branchen IT-Infrastruktur-Software und Cybersicherheit ab. Er hat insgesamt sechszehn Jahre Erfahrung als Investor und als Unternehmer in der Softwarebranche. Bevor er 2015 zu Franklin Templeton kam, war er im Sell-Side Equity Research für die Medien- und Unterhaltungsbranche tätig und arbeitete als Berater und Produktspezialist bei einem Anbieter von Finanzsoftware. Cioppa hat einen MBA der Columbia Business School und einen Bachelor of Science in Finanzen vom Providence College. Er ist ein Chartered Financial Analyst (CFA) Charterholder.

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